Nr. 32, Januar 2001
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Pierre Bourdieu
 Gerd Bucerius
 Sprache der NVA

 

 

Sprachgeschosse

Der Tod poetisiert mitunter. Nicht schlagartig, sonden allmählich - es geht wie das Verfärben des Laubes im Herbst. Stirbt einer, dem die Leute die Pest an den Hals wünschten, so fliegen nach und nach die Vorbehalte wie schwarze Vögel auf und davon. Als das alte Schlachtschiff Volksarmee versank - es blubberte ein bißchen, aus! - hob ich den Kopf und sann nach. Dann schrieb ich ein Buch: Japanischer Garten. Reminiszenzen an meine Verteidigungsbereitschaft.
Damit war für mich alles über diese Armee gesagt. Und wenn die Lesungen nicht gewesen wären, hätte ich über dieses Thema kaum noch ein Wort verloren.
Unverhofft geriet mir eine Sammlung der DDR-Soldatensprache in die Hände. Das Kasernenidiom war mir noch gut in Erinnerung. Ich ließ es einst spärlich in meinen Text einfließen, aus Sorge, es könnte die Ästhetik sprengen. Gespannt und vorsichtig zugleich öffnete ich nun die Seiten dieses Wörterbuchs, als fürchtete ich, daß mich etwas anspringt.
Froschvotze f, Pl. ~n Vorgesetzter, Offizier der Bereitschaftspolizei, Schimpfw., vgl. Frosch
Kastenficker m, Pl. ~ Angehöriger einer Nachrichteneinheit
Ich schlug Seite um Seite um, las wahllos die Begriffe, Wortspielereien, Namen, und je länger ich darin blätterte, desto deutlicher schien ich Stimmen zu vernehmen, Stiefelgeklapper, das Scheppern von Waffen und Ausrüstung, unbändiges Fluchen, Verwünschungen, höhnisches Gelächter, schadenfrohes Gekicher, Gezischel.
Als ich in den achtziger Jahren zum Reservistendienst einberufen wurde, fiel mir auf, daß etwas mit der Sprache der Soldaten geschehen war. Sie schien mir komplexer geworden zu sein. Daß es sich dabei um eine sprachliche Entwicklung in einer Subsozietät handeln könnte, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Der Slang war mir nicht nur widerwärtig. Es gab Schöpfungen, die ich bemerkenswert fand (beispielsweise Hühnerknie-Bagger, braunsche Röhre - Bierflasche).
Nun aber, da dieses Buch mit circa dreihundertdreißig Seiten vor mir lag, war es so, als würde ich eines jener Ornamente betrachten, die nach längerem Schauen eine Figur oder ein Gesicht freigeben. Oder wie bei den Bildern von Maurits Cornelius Escher: Etwas verwandelt sich in ein Anderes. Erst tauchte diese ganze versunkene waffenstarrende Welt vor mir auf, dann offenbarte sich der finstere, bösartige Humor, der Fadenscheiniges bloßlegt und Unechtes geißelt. Wäre dieses Buch damals veröffentlicht worden, ein Spaß, der sich nicht mal ausmalen läßt, hätte man eines deutlich sehen können: Mit dieser Jugend ist kein Staat zu machen.
Beispiele: Nachbrenner - einer, der sich länger verpflichtet. Udo - unser dummer Oberst. RGW-Soßenverbundleitung - da das Essen immer und überall gleich schmeckte, wurde unterstellt, es komme aus einer Art Pipeline, durch die der gesamte RGW versorgt wurde (RGW: Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, eine Art Ost-EU). Paul-Greifzu-KG - Stasi. Nuttentäschchen - Sturmgepäck der Offiziere. Kampfhubschrauber - Vorgesetzter mit übertriebenen Anforderungen. Märchenauge - Parteiabzeichen der SED. Memphis - Staatssicherheit, Abk. MfS. Schrottstadt - Eisenhüttenstadt. Stadt der drei Lügen - Perleberg: kein Berg, keine Stadt, keine Perlen. VDLV - vor dem Lesen vernichten.
Wer hat das gesammelt und bearbeitet? Vermutlich einer, mit aller Vorsicht ausgedrückt, wie Viktor Klemperer: mittendrin und doch stark distanziert, abgestoßen und fasziniert zugleich. Der Autor Klaus Peter Möller hat nach einem Studienabbruch und Streichung von der Kandidatenliste der SED und einer sogenannten Bewährung in der Produktion von 1981 bis 1984 als Unteroffizier auf Zeit bei der NVA gedient (dienen - Dien du erst mal so lange, wie ich schon Urlaub hatte!). In dieser Zeit legte er ein erstes Glossar zur Soldatensprache an, in dem er die merkwürdigen sprachlichen Erscheinungen, die ihm aufgefallen waren, nach Sachgruppen geordnet verzeichnete. Von 1985 bis 1990 studierte er an der Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht" Potsdam (Deutsche Sprache und Literatur / Musik). Und man kann sich gut vorstellen, wie die "Zettelkästchen" daheim ihrer Erlösung harrten.
In der Einleitung heißt es auch, daß der spielerische Umgang mit Sprache zu lexikalischen Ungetümen führte: Zwischenkeimkotzkübelkastendeckelumdieeckespringschwein - Soldat im zweiten Diensthalbjahr. Solche Gebilde sind Beleg dafür, wie hoch der seelische Druck in dieser Armee war. Er entlud sich nicht nur zischelnd gegen die Obrigkeit, sondern lauthals gegen Schwächere. Die Truppe war kunterbunt durcheinandergewürfelt, genauso verhält es sich mit dieser Sprache. Sie kommt mitunter rassistisch und frauenfeindlich daher (Monatsbinde - Armbinde von Diensthabenden, wegen ihrer roten Farbe; jugoslawische Partisanenvotze - Käppi; Ohneglied - weibliche Militärangehörige), um an anderer Stelle in harmlose Wortspielereien zu verfallen: Glasmantelgeschoß - Schnapsflasche. Popentaxi - Dienstfahrzeug eines Vorgesetzten. Popenkind - Offizierskind. Das klingt nach Sippenhaft. Die Abneigung gegen die Offiziere übertrug sich selbst auf ihre Kinder.
Die Welt, in der diese Sprache gedieh, war abgeriegelt. Die Bewachung kam der von Gefängnissen nahe. Die Posten gingen mit scharfer Munition auf Wache (Mumpel - Patrone, Geschoß; Kalasche - MPi Kalaschnikow, durchreißen - unnachsichtig, konsequent durchführen). Ihr eigentlicher Auftrag lautete: den Ausbrecher stellen, notfalls mit der Waffe. Die Sehnsucht, für ein paar Stunden in die Freiheit zu entweichen, machte die Kasernierten oft kühn. Besonders wenn junge Soldaten Wache standen, galt es als riskant, über den Zaun zu springen. Sie neigten aus Ängstlichkeit dazu, sich an die Befehle zu halten (Blitz-E - verunglückter oder plötzlich verstorbener Militärangehöriger, also einer, der blitzartig aus dem Wehrdienst entlassen wurde). Außerdem fürchteten die älteren Soldaten, daß ein Rekrut sich für die Schikanen rächen könnte.
Eine Befürchtung, die gar nicht mal so abwegig war.
Kaum einer der gerade Einberufenen hatte eine Ahnung, was ihn wirklich erwartete. In der Gesellschaft war der Dienst an der Waffe gegen Kritik weitgehend immunisiert. Das entsprach den deutschen Traditionen: Militär als Initiationsritus. "Da werden sie dir schon die Hammelbeine langziehen!" scherzten Eltern und Verwandte. Die Militärzeit dieser Männer lag oft lange zurück. In den fünfziger Jahren bei der kasernierten Volkspolizei und später, als die NVA entstand, herrschte mitunter die Gemütlichkeit der Gründerjahre.
Erstaunlich ist, daß kaum jemand von den Berichten entlassener Soldaten Notiz nahm. Wenn sie versuchten, das wahre Leben in den Kasenen zu schildern, hörte man ihnen selten zu. "Das kann nicht schaden, davon stirbt man nicht", hielt man ihnen entgegen. Und die Großväter wiegelten ab: "Hat's Krieg gegeben? Nein. Also bitte!"
Der Frische (Frischer, Spritzer, Sprilli, Rotarsch, Krummfinger, Kalenderfräse - Soldat im ersten Dienstjahr) tappte unbedarft in die Falle. Bislang behütet, bemuttert (Jugendliche waren in der Regel an Aufmerksamkeit und Fürsorge gewöhnt, da sie als "zukünftige Erbauer des Sozialismus" galten), trat man ihm nun gewaltig in den Hintern (Deportation - Einberufung zum Wehrdienst). Das Kesseltreiben begann. Neben der schweren Grundausbildung sah er sich dem psychischen Terror der Es oder Eks (E, EK -Entlassungskandidat, Soldat im dritten Diensthalbjahr; Minutowitsch - Wehrdienstleistender, der nur noch wenige Minuten zu dienen hat) ausgesetzt, an dem sich auch, nachdem sie gerade dem unmittelbaren Sklavendasein entronnen waren, munter die Zwipis beteiligten (Zwipi - Zwischenpisser, Soldat im zweiten Diensthalbjahr). Der Rekrut stand unter Schock, ein Zustand, der je nach Seelenlage mehr oder weniger lange anhielt. Und während er dumpf vor sich hinbrütend den Fußboden keulte (keulen - den Fußboden mit der Bohnerkeule blankpolieren), flogen ihm die Sprachgeschosse um die Ohren, deren Splitter Klaus Peter Möller für die Nachwelt aufsammelte: Schnibber, Schnipper, Seiger, Socke, Springsau, Springvieh ...
Den Rest besorgte das Ambiente. Uralten Rezepten folgend verschrieb man dem Wehrpflichtigen Abrichtung durch Askese. Ihm stand ein Bett zu, ein schmaler Spind, ein Hocker und ein Platz an einem Tischchen (Tischberechtigung - Berechtigung, am Tisch zu sitzen, mußte ... durch eine entsprechende Prüfung erworben werden). Da saß er nun, wenn er durfte, stierte auf seine Plastetasse und fragte sich, was er verbrochen habe. Die Wände waren mit blaßgrauer Ölfarbe gestrichen, Bilder anbringen nicht gestattet, ein kleiner Weihnachtsbaum wurde zentral im Klubraum erlaubt, Eigenmächtigkeit bestraft (Weihnachtskeulen - besonders gründliches Keulen der Fußböden am Weihnachtstag).
Der Gott in dieser abgezirkelten Welt war die Zeit. Die Soldaten kehrten das System um und spielten dem die Würde zu, der diesen mausgrauen, freudlosen Ort bald verlassen konnte, und verachteten die Längerdienenden: Zeitmaschine, Zeitstrahl, Zeitsilo, Zeitsäule - Längerdienender, Jahrhundertwende - Kehrtwendung mehrerer Berufssoldaten (vier Offiziere repräsentierten zusammen hundert Dienstjahre), Tagebau - Ledigenheim für Offiziere.
Breiten Raum nehmen bei Möller jene Wörter ein, die sich gegen die Soldaten selber richten. Wie bei Klemperers LTI, dort heißt der Zahnarzt Zahnjude, eine von vielen hämischem Berufsbezeichnungen, die sogar die Opfer verwendeten. Eine Art düsterer Humor, der für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist (Kohlenlude - Soldat vom Heizungskeller, Kohlenmunk - Soldat, der zum Kohlenschaufeln abkommandiert ist, Filzlaus - Soldat im Wintermantel).
In der Einleitung des Wörterbuchs steht, daß es in vielen Zuschriften und Gesprächen mit der LTI verglichen wurde. LQI sozusagen, die Sprache des Vierten Reiches. Es scheint wohl ein Merkmal der Folge von Unterdrückung zu sein, den "Sprachrevolver" an die eigene Schläfe zu setzen.
Wie heißt es bei Lessing: "Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten." Frontflüchter Plt. Stiefel.

Harri Engelmann

Klaus Peter Möller
Der Wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache
Lukas Verlag, Berlin 2000
340 S., 40 schw.-w. Abb., 15,8 × 23,5 cm
DM 39,80, öS 290, sFr 39.80


Ihr Kommentar

 

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv