Nr. 32, Januar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Friedemann Bedürftig
 Curd Michael Hockel
 Mischa Delbrouck
 Gregor Gysi


 

 

Curd Michael Hockel

Die Spielwelt Harry Potters

Kinderpsychologen wie ich sind begeisterungsfähig. Wir hören noch die Signale aus der Zeit, "in der wir die Welt erschaffen haben", wie der Untertitel der brillanten Darstellung einer psychologischen Anthropologie lautet, die uns "das Kraftfeld der Mythen" (Bischof, 1996[1]) erschließt. Gegenwärtig haben wir mit einer stets wachsenden Gruppe von Menschen die Begeisterung für einen neuen "Mythos" gemeinsam, jenen von Harry Potter. Wer ist Harry Potter? Was ist der Nutzen, was sind die Gefahren eines "neuen Mythos" und solcher Begeisterung ?

Befremden löste die Lektüre zunächst bei dem 11-jährigen Daniel aus: Die Familie, in welcher der Vollwaise Harry Potter aufwächst, sei ganz und gar normal und stolz darauf, normal zu sein. Das also sollte ganz und gar normal sein? Normal also die elterliche Gefügigkeit gegenüber einem offenkundig mißratenen kleinen Diktator, dem leiblichen Sohn dieser Eltern, neben dem Harry leidet? Normal die Bevorzugung eines Einzelkindes gegenüber dem als Pflegesohn aufgenommenen Sohn der Schwägerin, der Schwester der Mutter, normal die extreme Ungerechtigkeit? Für die Kinder und Jugendlichen, die ich in der Berufsrolle als deren Psychotherapeut kennenlerne, ist dies häufig tatsächlich eine Art von "Normalität". Aber Daniel selbst war einer meiner kleinen Patienten, und er fand es zunächst befremdlich, wie Harry Potter bei seinem Onkel, seiner Tante leben muß: "Er wohnt in einem dunklen Schrank unter der Treppe ..., das würde man nicht mal einem Gast anbieten und doch schon gar nicht einem Verwandten", meint er verwirrt. Und dann hält er mir einen Vortrag darüber, wie unlogisch auch die weitere Geschichte sei, daß eine Terrariumsglasscheibe plötzlich verschwände, daß ein fliegendes Motorrad mit einem Riesenrocker vorkomme und daß überhaupt dieser Harry so einfach als "Zauberer" ausgegeben wird.

Zugleich kann Daniel, dieser "Sohn aus besserem Haus", der wegen Angstzuständen bei mir in Behandlung ist, nicht umhin einzugestehen, daß die Geschichte auch ihn zu packen beginnt. "Ich fand‚ 'Die unendliche Geschichte' oder 'Robinson Crusoe' viel besser, denn da wird die Phantasie als Phantasie und die erfundene Wirklichkeit der Insel als erfundene Wirklichkeit gesehen. Bei Harry Potter gibt es aber neben der Wirklichkeit angeblich eine zweite Wirklichkeit..." Es klingt gestelzt und "altklug", was er sagt, ich höre seine bildungsbeflissenen Eltern sprechen und ich schmunzle, da ich schon wahrnehmen kann, wie Harry und seine Freunde langsam auch Daniel zu verzaubern beginnen.

Andere Kinder und das (bei meinem Beruf unverzichtbar lebendig zu haltende) Kind in mir können sich leichter einlassen: Sie betreten lesend eine zweite Welt, trennen zwischen dem Dasein als Muggel (den gewöhnlichen Menschen) und dem Dasein als Magier und vollziehen Harrys Abenteuer lustvoll mit. Mit Harry Potter hat wieder etwas ins Kinderzimmer Einzug gehalten, was gar nicht hoch genug geschätzt werden kann: das Spielen in seinem lebendigen, tiefen, immer eine "virtuelle Wirklichkeit" umfassenden Sinn. Lesen heißt denken, denken heißt probehandeln, und das Spiel der Gedanken ist authentisches Spiel. Wir leben in einer Zeit, in der die gewichtigsten und immer noch als Paradigma höchster intellektueller / forschender Weltbewältigung dienenden Wissenschaften, die den rationalen Mythos liefern, dazu fortschreitend das Spiel ernst zu nehmen (Eigen, Winkler, 1975[2]).

Der Zauber von Kindheit und Jugend liegt in der ungebrochenen Fähigkeit zu spielen. Ich beobachtete seit vielen Jahren zunehmend spielunfähige, verstörte Kinder als Ergebnis mehrerer Prozesse, von denen nur einige angedeutet werden sollen: Da sind die Eltern, die aus dem ehrbaren Motiv einer gewünschten Friedenserziehung mit schrecklicher Spielzerstörung die "Waffen aus dem Kinderzimmer fernhalten..."; da sind die Kinder, die vor dem Fernsehapparat, der fühlfernen Animation ihrer Gedanken durch einen Bild- und Tonstrom ausgeliefert werden, der erprobendes eigenes Spielhandeln zu erübrigen scheint; da werden offensichtlich "Cowboys gegen Indianer" zu veralteten, nicht mehr ausspielbaren Welten, da die Qualität des Völkermordes inzwischen auch hier die Eltern einschreiten läßt; "Räuber und Gendarm" sind blaß gewordene Konzepte gegenüber jedem "Actionfilm"; "Kasperl und das Krokodil" wurden unvertraut, verblieben bestenfalls den Kleinen; da sind all die kindlichen Opfer einer "Spielförderung", mittels welcher die Spielfreude der Kinder mißbraucht wird, um ihnen inhaltliche Belehrung oder gar erzieherisches Zurechtstutzen zu vermitteln. Zu vielen Angeboten haftet enen die Absicht, kindliche Konsumwünsche kommerziell zu nutzen, unübersehbar an; sie sind also nicht mehr als das nur noch habsüchtige Tauschen von Minimonsterkarten (verbunden mit einem angeblich "Spielqualitäten" umfassenden Ritual wechselseitigen Übertrumpfens) oder das phantasielose Reproduzieren unglaubwürdiger und in der Dimension "moralische Beteiligung" gleichgültiger Kämpfe von He-man gegen Skeletor. Solche Angebote füllen zwar kurzfristig die Kassen der Produzenten, treffen aber nicht die wirklichen Bedürfnisse von Kindern und ihren Eltern.

Ganz anders dagegen offensichtlich die bisher vorliegenden vier Bände der Erzählung von Harry Potter. Hier wird neben der Wirklichkeit eine zweite Welt wahrnehmbar – und dies ist Realismus für jeden Spielfähigen: in jedem "Normengefüge" kann der Spielende sich eine Eigenwelt eröffnen, in welcher dieser Gegenstand jenes sein sollte und jene Person diese "Rolle" leben sollte. Der Konjunktiv ist der Zauberstab, über den jeder Spielende verfügt und den jedes spielfähige Kind in seiner Mächtigkeit kennt. Spiel zu erleben, kann verunmöglicht werden – Michael Ende hat dies beschrieben, als er Momo wahrnehmen ließ, was mittels der Serienproduktion von "Spielzeug" den Kindern als Konsumenten angetan werden soll – und inzwischen tatsächlich angetan wird. In der Kinderpsychotherapie wird mittels Spiel und Spielerleben die gesunde Spielfähigkeit und damit die Grundlage lustvoller Leistungsfähigkeit wieder hergestellt (Hockel, 1996[3]).

Wenn ich also hier eine begeisterte und begeisternd gemeinte Verweisung auf Harry Potter unternehme (eine Rezension der Bücher oder ein Kommentar zu ihrer literarischen Qualität liegt mir fern), so deshalb, weil ich beobachten kann, daß diese Bücher für viele Kinder "Medizin" sind – Medizin auch für manchen Vater, manche Mutter, die die eigene Spielfreude vergessen oder gar trotzig und systematisch abgebaut hatten. Die Lesewelt von Harry Potter eröffnet eine Spielwelt, und Spielwelten für Kinder zu öffnen tut not.

In der Öffentlichkeit wird viel über die Zunahme der Gewalttätigkeit im Rahmen kindlicher / jugendlicher Freizeitgestaltung gesprochen. Wir können nachlesen, daß diese Zunahme kindlicher Aggressivität eine ihrer Wurzeln gerade im Unverständnis für deren Funktion im kindlichen Spiel hat (Wegener-Spöhring, 1995[4]). Würden die Kinder spielend ihre "Gewalt" erproben – sie wäre im Gleichgewicht, begrenzt, harmlos. Spielen ist eine Tätigkeit die freiwillig ist, offene Regeln umfaßt, die Spielenden in eine auf die Wirklichkeit bezogene Eigenwelt entläßt und Erfahrungen des Gelingens und Mißlingens umfaßt. Oerter (1993) der Nestor deutschsprachiger Entwicklungspsychologie, betonte am Spielen der Kinder deren "übergeordneten Gegenstandsbezug", welcher sich stets in der "Zone nächster Entwicklung" übend entfalten würde. Er hebt hervor, daß Allmacht, Ritual und Magie im Spiel zu Hause sind und dies in einem Kapitel "Spiel und Religion"[5].

Wer Kindern Zukunft schenken will, der muß ihnen Spielwelten eröffnen. Dies genau ist das Geheimnis von Harry Potter: Alle menschlichen Qualitäten und das Schlachtfeld von Gut versus Böse werden hier in verständiger Weise dem kindlichen Verstand wieder erschlossen, indem die Spielwelt der Magie, das Reich der Zauberer und Hexen ins Kinderspiel (zurück) gebracht wird und diese Welt zugleich der schrecklichen Welt der auf ihrer "Normalität" beharrenden Nicht-Zauberer kontrastiert wird. Die alten Wissensbestände, daß Freundschaft wichtiger als Schulleistung ist, daß die Ordnungsregeln jeder Institution nur die niederrangigen Regeln sind, die durch übergeordnete Prinzipien der Menschlichkeit, des Ringens zwischen Gut und Böse jederzeit relativiert werden müssen, um einer persönlichen Verantwortungsethik Raum zu machen, die Anforderung an den Mut zum zivilen Ungehorsam (auch und gerade im Rahmen einer anderen Wirklichkeit, die höchsten Respekt einflößt, da sie die Schule der Magier, Hexen und Zauberer ist) – dies alles macht in seiner lebendigen Verwirklichung in der Erzählung von Harry Potter den "moralischen Reiz".

Es ist Frau Rowling zu wünschen, daß sie gute Berater bezüglich der Gestaltung ihrer künftigen Verträge hat. Absehbar ist die Welt von Harry Potter ein Milliardengeschäft, denn die Vielfalt der aufeinander abgestimmten Ideen drängt innerhalb einer Konsumkultur natürlich dazu, vermarktet zu werden. Allein das im Luftraum (somit künftig im Medienraum virtueller Realitäten) wirklich spielbare Ballspiel Quidditch ist eine Erfindung, die potentiell den Fußballrummel als Altherrenszenario entlarvt und überholt. Zauberstäbe, die sprachgesteuerte Taschenlampen sind, "Rennbesen", deren besondere Typennamen nachgelesen werden können, Umhänge, die unsichtbar machen, Zaubermäntel und die sicher bald zu erwartenden echt fliegenden (elektrischen) Posteulen – jedem Spielzeugfabrikanten, der den Auftrag bekommen wird, das Harry Potter-Sortiment zu gestalten, wird das Herz höher schlagen. Und wenn dann die ersten Filme und Videospiele die Vielfalt der Figuren mit Gesichtern versehen werden, wenn Hagrid als Spielfigur und Norbert der Norwegische Stachelbuckel als Kuscheltier, der sprechende Hut mit ‚echter Stimme‘ erhältlich sein werden, wenn die Sammelalben ... ach, das alles hat ja längst begonnen. Die Harry-Potter-Fanclubs, die Harry-Potter-Feste, der Rummel ist los.

Es wäre schön, wenn ein Teil der hier in der Luft liegenden Milliarden (ich verwende bewußt diese Zahl, da ich davon ausgehe, daß Millionen jetzt bereits verdient wurden), einer Harry-Potter-Stiftung für das Kindeswohl zufließen würden – auch wenn es unverschämt ist, solch eine Kanalisation vorzuschlagen, wo doch die Erfinderin offensichtlich das Recht auf alle Nutzungen haben sollte. Daß ich die Idee dennoch ausspreche, hat damit zu tun, daß ich ermutigen möchte, das Recht auf geistiges Eigentum hier deutlich geltend zu machen – mit dem Vollgefühl der Entscheidungsfreiheit, für welche Zwecke das entstehende Vermögen eingesetzt werden wird. So argumentierend kann ich gelassener den unvermeidlich anstehenden Auswüchsen der Vermarktung entgegensehen. Und auch der Tatsache, daß entgegen der weisen Selbstbeschränkung Michael Endes (der die Gefahr einer Serienproduktion von Büchern einer "Legendenmachart" erkannte und benannte) absehbar Harry Potter noch in vielen Bänden auf uns zukommen wird – was ich uns allen wünsche.

Mit Harry Potter hat eine Spielwelt begonnen, die den Spielwegen der Abenteurergruppen des Schwarzen Auges oder anderer sogenannter "Phantasie-Rollenspielen" insofern überlegen ist, als sie sich zunächst als Leseabenteuer oder Hörerlebnis anbietet und sodann als Spielwelt erschließt. Früher waren die auf Karl Mays Schilderungen fußenden Spiele um den Marterpfahl eine solche Spielwelt, davor hatten die Sagen des klassischen Altertums manches hergegeben. Filme werden nachgespielt und bieten Spielwelten, von Tarzan über Bambi bis zu Emil und den Detektiven, vom Dschungelbuch über die Turtles bis zu der jeweils neuesten Disney- – Produktion. Die Harry Potter Filme werden folgen und vielleicht wird die "Massenbewegung" der Fans schreckliche Züge annehmen - wer heute auf einer Esoterik- Messe sich umsieht und die gar nicht spielerischen Opfer der Mythen-, Wahrsage- Glaubens- und Sinnverkaufsspiele in ihrer erschreckenden Ernsthaftigkeit ratlos bestaunt, den kann der Gedanke an das grenzenlose Wachstum vom Zauberermythos auch ängstigen. "Noch hat es keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, dachte er ... Wie Hagrid gesagt hatte, was kommen musste, würde kommen ... und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen" (letzter Satz in "Harry Potter und der Feuerkelch").

[1] "Der Mensch steht, zumindest in der Jugend, seinem eigenen Selbst in einem eigentümlichen Zwiespalt gegenüber: er will sich selbst ERKENNEN, und er will sich selbst GESTALTEN" sagt Bischof auf S. 571 dieser Gesamtdarstellung der Entwicklungspsychologie und gibt damit einen Verstehenshintergrund für den Reiz aller wirklich gelungenen Kinderliteratur, die uns anregt, uns zu fragen, wer wir sind und wer wir sein wollen.
Bischof, N. (1996). Das Kraftfeld der Mythen - Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben, München: Piper. [zurück]

[2] "Der Mensch ist Teilnehmer an einem großen Spiel, dessen Ausgang für ihn offen ist. Er muß seine Fähigkeiten voll entfalten, um sich als Spieler zu behaupten und nicht Spielball des Zufalls zu werden" – Der Nobelpreisträger Manfred Eigen gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Ruthild Winkler-Oswatisch in der Einleitung zu ihrer faszinierenden Gesamtdarstellung (S.14).
Eigen, M., Winkler, R. (1975). Das Spiel, Naturgesetze steuern den Zufall, München: Piper Verlag. [zurück]

[3] Alle Kinderbücher sind potentielle Spielwelten. In dem die Wirksamkeit von Kinderpsychotherapie und Spieltherapie illustrierenden Artikel wird beispielsweise dokumentiert, welche bedeutsame Rolle Astrid Lindgrens Buch "Die Brüder Löwenherz" in der Therapie mit einem 11-jährigen depressiven Knaben spielte.
Hockel, C. M. (1996). Das Spielerleben als Entwicklungsraum. In: C. Boeck-Singelmann et. al. (Hg.), Personzentrierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (Bd. 1, S. 155-177). Göttingen/Bern/Toronto/Seattle: Hogrefe. [zurück]

[4] "Grundsätzlich muß jeder überhaupt zu rechtfertigende Spieleingriff auf einer Kenntnis der Dynamik des Spielprozesses basieren; nimmt der Erwachsene die eigene Betroffenheit als Ausgangspunkt – z.B. weil ER die Aggressivität und Wildheit eines Spiels nicht mehr erträgt – so sind die Folgen meist fatal: die Balance geht verloren, und die Aggressivität eskaliert... Spiel ist die Freiheit der Kinder. Im Spiel machen sie solche Erfahrungen der Selbstbestimmung und der Antizipierung von Lebensmöglichkeiten, die ihnen die Realität verweigert. Für die kurze Dauer eines Spiels können sie die Machtverhältnisse umkehren und die Realität auf den Kopf stellen", schreibt Gisela Wegener-Spöhring in der Buchausgabe ihrer Habilitation (S. 286-287).
Wegener-Spöhring, G. (1995). Aggressivität im kindlichen Spiel - Grundlegung in den Theorien des Spiels und Erforschung ihrer Erscheinungsformen, Weinheim: Deutscher Studien Verlag. [zurück]

[5] "Wenn aber Spiel Lebensbewältigung ist, dann müßte es für das Kind eine umfassendere sinnstiftende Wirkung haben. Was aber tritt an die Stelle dieser generellen sinnstiftenden Aktivität des Spiels? Es ist in den meisten Kulturen die Religion, die als Möglichkeit der Sinnstiftung bereitgehalten wird oder in individuellen Ausprägungen auch von den vorhandenen Religionen abweichen kann. Demnach müßte es eine tiefere Verwandtschaft zwischen Religion und Spiel geben. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Verwandtschaft nachzuweisen, was nichts anderes heißt, als partielle Strukturgleichheit aufzufinden" S.304
Oerter, R. (1993). Psychologie des Spiels. Ein handlungstheoretischer Ansatz. München: Quintessenz. [zurück]

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