Nr. 32, Januar 2001
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Friedemann Bedürftig
 Curd Michael Hockel
 Mischa Delbrouck
 Gregor Gysi


 

 

Friedemann Bedürftig

Von vorn herein wörtlich gemeint
Hitlers "Prophezeiung" des Völkermords an den Juden

Jahrestage: Am 21. Januar vor sechzig Jahren skizzierte Theodor Dannecker, Mitarbeiter Eichmanns, den Plan einer "endgültigen Lösung der Judenfrage". Und neun Tage später wiederholte Hitler im Berliner Sportpalast seine "Prophezeiung" von der "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa".

Daß sich kein schriftlicher Befehl Hitlers zum Holocaust hat auffinden lassen, hat in den 1970er Jahren für einige zeitgeschichtliche Diskussionen gesorgt. Das ging so weit, daß der britische Historiker Irving, inzwischen als Revisionist neonazistischer Couleur gerichtsnotorisch, einen Preis für denjenigen ausloben konnte, der einen Beleg für Hitlers Weisung beibringe. Als der fanatische Spurensucher sich dann sogar anheischig machte, zu "beweisen", daß der "Führer" vor Herbst 1943 nicht genau über den Vernichtungsfeldzug der SS im Osten im Bilde war, wurde allerdings klar, wes Geistes Kind er war und ist. Die Debatte schlief aber nicht nur deswegen ein, sondern auch angesichts der Erkenntnis, daß es viel erstaunlicher wäre, gäbe es den fraglichen Befehl.

In einem Staat, in dem nicht erst der "Führerwille", sondern bereits der bloße "Führerwunsch" Befehl, ja Gesetz war, brauchte es ausdrückliche Weisungen nicht, und es gab sie auch in anderen Fällen nicht. Das führte dazu, daß viele Instanzen darin wetteiferten, dem Tyrannen in vorauseilendem Gehorsam Wünsche von den Augen abzulesen, die dort gar nicht oder so noch nicht standen. In der Frage der Judenverfolgung gehörten allerdings keine prophetischen Gaben zur Vermutung, daß radikalstes Vorgehen bei einigermaßen passender politischer Lage immer gedeckt, ja belobigt würde. Daraus freilich den Umkehrschluß zu ziehen, daß der planmäßige Mord im Rahmen der "Endlösung" sich ohne Wissen des Staats- oder genauer: Parteichefs habe entfalten können - noch dazu bis ins Jahr 1943 hinein -, ist nur mit eben diesem Gehorsam zu erklären, der noch im Nachhinein den "Führerwunsch" erfüllt, in diesem Fall den nach Verklärung.

Immerhin: Da keine klaren Befehle vorliegen, ziehen Indizien wachsende Aufmerksamkeit auf sich, die uns womöglich sagen können, wann der sich beschleunigende Prozeß der Vernichtung in welche Phase getreten ist. Daß er gleich nach Kriegsbeginn 1939 in Polen und dann methodisch nach dem 22. Juni 1941 durch die Einsatzgruppen in Rußland in Gang gesetzt wurde, steht außer Frage. Bis Jahresende 1941 waren den Erschießungskommandos und den Gaswagen schon knapp eine Million Menschen zu Opfer gefallen. Und doch war eine neue Dimension mit dem Beschluß erreicht, alle Juden im deutschen Machtbereich zu ermorden, also auch die westeuropäischen und die deutschen. Damit verbunden war die Abkehr von ursprünglich vorgesehenen territorialen Lösungen, sprich: von Deportationen in den Osten, die zwar auch für die meisten den Tod bedeutet, aber doch noch einen Funken Hoffnung übrig gelassen hätten. Jetzt setzte die ausnahmslose Vernichtung, also der Holocaust im Wortsinn, in Todesfabriken wie Auschwitz ein.

Wann erreichte die Morddynamik diesen Punkt? Noch 1941, spätestens im Frühjahr 1942 - so weit und so vage ließ sich Einigkeit unter den Historikern herstellen. Genauere Datierungen blieben weiterhin strittig. Da erschien 1997 der Aufsatz des jungen Wissenschaftlers Christian Gerlach (*1963): "Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden." Gerlach legt darin dar, daß er endlich ein klares Datum habe eingekreisen können. Interessant, aber eigentlich eher von akademischem Interesse, dachte ich, bis ich näher hinsah und las: 12. Dezember 1941, mein erster Geburtstag.

Wer das Pech hat, am 20. April geboren worden zu sein, kann vielleicht nachfühlen, wie tief der Schock einer solchen Daten-Parallele sitzen kann. Andere werden hingegen den Kopf schütteln darüber, daß sich jemand von einem belanglosen kalendarischen Zufall getroffen fühlt. Daß es mir aber nicht allein so geht, habe ich erfahren, als ich 1982 an einem riesigen Projekt mitarbeitete: Geburtstagsbücher, für jeden Tag des Jahres eins, mit kurzen Biographien der prominenten Mitgeburtstagskinder und Schilderungen von wichtigen historischen Ereignissen am jeweiligen Tag. Manch böser Brief erreichte uns, wenn jemand etwa Goebbels in seinem Buch fand oder die Oktoberrevolution. Das ist keine Frage der Logik, sondern spontane Reaktion auf die angebliche Besudelung "meines" Tages.

Als Betroffenheitskoketterie läßt sich der Schreck nicht einfach abtun. So leicht wird man die Widerhaken nicht los, und ich begann mich mit der Datumsfrage auseinanderzusetzen. Zunächst brachte das rein terminlich keinerlei Beruhigung. Gerlachs Darlegungen hatten für mich einen hohen Grad von Plausibilität: Vor Moskau war Anfang Dezember 1941 der deutsche "Blitzkrieg" endgültig gescheitert, und einen Tag vor dem fraglichen Datum hatte Hitler den USA den Krieg erklärt, der nun erst wirklich zum Weltkrieg geworden und nicht mehr zu gewinnen war - das schwante auch dem Verursacher.

Die globale Ausweitung des militärischen Konflikts nutzte Hitler fortan immer wieder zur Erinnerung an seine am 30. Januar. 1939 (dem sechsten Jahrestag der Machtergreifung) geäußerte "Prophezeiung": "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." Der Rassenkrieger hatte keine Zeit mehr für territoriale Übergangslösungen.

Nun, in der selbstgewählten tödlichen Zange zwischen "jüdischem Bolschewismus" und "jüdischer Plutokratie" hatte der besinnungslose und panikartige "Gegenschlag" sogar eine gewisse paranoide Logik. Konnte Hitler den Drahtziehern der "jüdischen Weltverschwörung" nicht beikommen, so wollte er wenigstens deren rassischen "Agenten" und "Saboteuren" im eigenen Machtbereich den Garaus machen. Und auch die Überstürzung trug die typisch Hitlerschen Züge vom "blitzartigen" Zuschlagen. Noch typischer aber war das Forum, das er sich laut Gerlach für die Verkündigung seines Entschlusses wählte:

Für den 12. Dezember 1941 hatte Hitler die Reichs- und Gauleiter der NSDAP zu sich gerufen, meist "Alte Kämpfer", die ihm am nächsten standen. Und als wollte er diese Intimität noch unterstreichen, empfing Hitler die Männer nicht in seinen Diensträumen, sondern in seiner Privatwohnung in der Neuen Reichskanzlei. Der Rahmen war wie geschaffen für die Selbstinszenierung des "Führers" als Werkzeug der "Vorsehung" und als Vollstrecker der "heiligsten Mission" des Nationalsozialismus, dessen Programm er allein war.

Ein Protokoll der Besprechung gibt es nicht, wir sind angewiesen auf Notizen von Teilnehmern. Glücklicherweise gehörte dazu Propagandaminister Goebbels, der in seinen uferlosen Tagebüchern kein Blatt vor den Mund nimmt. Fast sieben Seiten füllt sein Bericht in der 1996 erschienenen Druckfassung über das Treffen der Parteielite. Gerlach zitiert daraus: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen." Und nach Hinweis auf Hitlers "Prophezeiung": "Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muß die notwendige Folge sein." Es schließen sich in den Goebbels-Aufzeichnungen noch einige wenige der insgesamt neun Zeilen darüber an, doch dann wendet sich der "kleine Doktor" anderen Themen zu.

Gerlachs These von der entscheidenden Steigerung der mörderischen Judenverfolgung durch einen totalen Vernichtungsbefehl Hitlers vom 12. Dezember 1941 stieß auf breite Kritik namhafter Zeitgeschichtler. Mit ihnen setzt sich der Autor im Nachwort seines Buches "Krieg, Ernährung, Völkermord" (1998) auseinander und vermag manches Gegenargument überzeugend zu entkräften. Meine Zweifel aber daran, daß "mein" Tag das Datum der Daten gewesen sein sollte, verstummen nicht mehr, seit ich die dürftigen Bemerkungen von Goebbels dazu im Bericht über die angeblich entscheidende Besprechung gelesen habe. Es sieht dem Wortgewalttäter und Wichtigtuer so gar nicht ähnlich, daß er eine derart weltgeschichtliche Wendung mit so dürren Worten abtut und anderen Fragen erheblich breiteren Raum widmet. Das, was er zum Thema sagt, geht zudem in keiner Weise über die üblichen Stereotypen der Judenhetze hinaus, wie man sie von ihm etwa in seiner Wochenzeitschrift "Das Reich" dutzendweise und davor zuletzt fast wortgleich am 16. November 1941 hatte lesen können.

Es kann kein Zweifel sein, daß die militärischen und politischen Ereignisse vom Herbst/Winter 1941/42 zur Beschleunigung des Mordprogramms beigetragen haben. Und es mag auch sein, daß Hitler am besagten 12. Dezember 1941 vielleicht in kleinerem Kreis wichtige Entscheidungen verkündet hat - worüber man freilich nichts weiß. Zweck des Treffens der Parteigrößen war die Bekanntgabe jedenfalls kaum. Hier ging es eher um die später immer häufiger erforderliche Strategie der Tröstungen denen gegenüber, die an der "Heimatfront" die Politik des NS-Regimes verkaufen mußten. Die Gauleiter mögen noch so vertraute Wegbegleiter Hitlers gewesen sein, als Adressaten eines derartigen Befehls waren sie wenig geeignet. Der galt in erster Linie der Truppe des Weltanschauungskrieges, der SS. Den obersten "Parteisoldaten" war eher die "innere Hauptkampflinie" zugewiesen.

Nein, ein bestimmter Termin, an dem der Befehl zum umfassenden Judenmord verkündet worden wäre, wird sich nicht ausmachen lassen. Eher wäre von einem kumulativen Prozeß zu sprechen, von einer Eskalation parallel zu den politisch-militärischen Entwicklungen. Der Vernichtungsfeldzug in Rußland erlaubt jedenfalls keinen Schluß dahingehend, daß Hitler einen Unterschied zwischen den Juden dort und denen in den anderen Teilen seines Machtgebietes zu machen gedachte. Solche Differenzierung war seinem rassischen Totalitarismus völlig fremd; zu mehr als vorübergehenden taktischen Rücksichten ließ er sich nicht herbei. Mögen damals sogar die Opfer seine "Prophezeiung" als bloße Drohrhetorik.verkannt haben - im Nachhinein entpuppt sie sich als so wörtlich zu nehmen wie alle seine Ungeheuerlichkeiten von "Mein Kampf" bis hin zu den "Tischgesprächen".

Und mein Geburtstag? Kommt er mir im Licht der Daten-Prüfung nun "entlastet" vor? Die Parallele war natürlich nicht mehr als ein didaktischer Impuls, ein mäeutisches Erschrecken sozusagen. Angesichts des Themas verschwindet der banale Anlaß sofort. Von ihm bleibt allenfalls die Erkenntnis, daß die Geschichte und unsere insonderheit für jeden Geburtstag vergleichbar Schmerzhaftes im Gepäck hat.

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