Nr. 31, Dezember 2000
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Dieter Oberndörfer
 Linda Benedikt

 Erwin Chargaff
 György Dalos
 


 

 

Dieter Oberndörfer

Die Offenheit unseres Grundgesetzes für eine multikulturelle Gesellschaft – eine Leitkultur kann es in ihr nicht geben

Kultureller Pluralismus, kulturelle Konflikte und kultureller Wandel finden sich in allen menschlichen Gesellschaften. Kulturelle Homogenität im Sinne fugenloser, konfliktfreier Übereinstimmung kultureller Werte hat es nie und nirgendwo gegeben. Versuche, sie herzustellen und als Status Quo festzuschreiben, führten stets zu kultureller Unterdrückung bis hin zu kultureller Inquisition. In der Form mörderischer Kriege um die Durchsetzung religiöser oder ideologischer Homogenität verbanden sich mit ihnen die schlimmsten Verbrechen des christlichen Europa.

Ferner haben sich alle Kulturen in einer langen Geschichte kulturellen Austausches grenz- und völkerübergreifend gebildet. Gerade die großen Menschheitskulturen sind in ganz besonderer Weise miteinander verwobene Mischkulturen. Durch Austausch und über Neuinterpretation der Überlieferung gab es zudem überall kulturellen Wandel und kulturelle Pluralität. So waren und sind sämtliche uns bekannten Kulturen inhomogene, konfliktive und dynamisch sich immer wieder verändernde pluralistische und multikulturelle Gebilde.[1]

In Europa kam das Christentum aus Kulturen des Nahen Osten. Im Mittelalter und in der Renaissance erhielt die Kultur der europäischen Völker entscheidende Impulse aus der Begegnung mit der Philosophie und Literatur der griechisch-römischen Antike. Vom Geist der Antike sind der deutsche Idealismus, die deutsche Klassik und Romantik geprägt worden. Große Werke der Weltliteratur wurden ins Deutsche übersetzt. Shakespeare und Molière wurden so auch ein Teil der deutschen Bildungstradition.[2]

Durch Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte schützt der moderne Verfassungsstaat, die Republik, die individuelle Freiheit der Kultur damit aber zugleich kulturelle gesellschaftliche Vielfalt und Dynamik. Er ist daher nicht wie andere politische Systeme nur de facto, sondern auch de lege multikulturell und pluralistisch.

Der eigentliche Kern der kulturellen Freiheit des modernen Verfassungsstaates ist die individuelle Freiheit der Religion und Weltanschauung. Gerade sie war die Mutter der politischen Freiheit. Durch die politischen Freiheiten der Bürger und ihren institutionellen und rechtlichen Schutz sollte die kulturelle Freiheit gesichert werden.

So bildete die Geburt des republikanischen Verfassungsstaates in den Vereinigten Staaten von Amerika den Schlusspunkt einer jahrhundertlangen Geschichte religiöser Bürgerkriege in Europa. Die Vereinigten Staaten wurden als Heimstatt für Gläubige unterschiedlicher Religion und Konfession gegründet. Zum Schutz der individuellen religiösen Freiheit und der religiösen Praxis gegen Eingriffe des Staates wurden Staat und Kirche getrennt. Um den kulturellen Pluralismus der Bürger zu sichern, musste der Staat eine weltanschaulich neutrale Instanz, ein säkularer Staat werden.

Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wird die individuelle Freiheit der Kultur, die individuelle Freiheit des religiösen Glaubens, der religiösen Praxis und der Weltanschauung geschützt. So heißt es in Art. 4 Abs. 1 und 2 des Grundgesetzes: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich" und „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet". Zur kulturellen Freiheit gehören nach Art. 5 Abs. 3 GG auch die Freiheit von Kunst und Wissenschaft: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Religiöse Überzeugungen und kulturelle Werte von Minderheiten werden nicht nur geduldet, sondern dürfen auch aktiv vertreten werden. Art. 5 Abs. 1 GG sagt dazu: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten [...]. Eine Zensur findet nicht statt." Wegen der anhaltenden religiösen und weltanschaulichen Individualisierung und Pluralisierung Deutschlands gewinnt dieser Schutz der individuellen kulturellen Freiheit in Zukunft eine noch eher zunehmende Bedeutung.

Aus der individuellen Freiheit der Kultur im modernen Verfassungsstaat folgt, dass die Kultur keine verbindlich vorgegebene kollektive Orientierungsgröße sein kann. In der Republik gibt es keine nationalen Religionen oder Kulturen, die für ihre Bürger verbindlich gemacht werden dürfen. Jeder Versuch, einem Deutschen, Franzosen oder Amerikaner eine bestimmte Religion oder Konfession als nationale Pflicht oder Eigenschaft vorzuschreiben, ist ein Anschlag auf den Geist und die Bestimmungen ihrer Verfassungen. Die Kultur der Deutschen, der Bürger der Bundesrepublik Deutschland, kann immer nur der gesamte und in sich sehr vielfältige Güterkorb der kulturellen Werte aller deutschen Staatsbürger sein. "Die" oder "eine" für alle verbindlich definierte deutsche Kultur kann es in einem Verfassungsstaat nicht geben. Soweit der Begriff der Nation mit kulturellen Überlieferungen und Werten verbunden wird, geschieht dies immer nur als selektive individuelle Entscheidung und Aneignung, die für die übrigen Bürger nicht zwingend verbindlich sind. Es bleibt den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland überlassen, ob sie deutsche oder englische Liebesromane, den Koran oder die Bibel, Goethe oder die Bildzeitung lesen, ob sie Bach oder Louis Armstrong hören, ob sie in ihrer Freizeit Museen sehen oder Sport treiben, ihren Urlaub in Deutschland oder im Ausland verbringen wollen.

Kulturelle Werte dürfen in der Republik individuell interpretiert, akzeptiert oder zurückgewiesen werden. Die Kultur der Republik wird somit unvermeidlich zu einer Mischung unterschiedlicher und häufig auch konfliktiver Güter und Werte. Begrenzt wird ihr Pluralismus allein durch die Verfassung und deren rechtliche und politische Ordnung. Diese bilden ihrerseits die Voraussetzung für die Offenheit und Vitalität des kulturellen Pluralismus der Republik.

Der kulturelle Individualismus und Pluralismus des republikanischen Verfassungsstaates vertragen sich nicht mit dem statischen Konzept einer kollektiven Nationalkultur, die seit undenklichen Zeiten existiert und von den Bürgern auf immer bewahrt werden muss, - gedankliche Konstrukte, die die tatsächliche geschichtliche innere Vielfalt der Kulturen und ihren ständigen Wandel ignorieren und daher immer fiktiv waren und sein werden.

Die individuelle kulturelle Freiheit und ihr Pluralismus machen die Kultur der Republik, das komplexe Amalgam der kulturellen Werte und Güter ihrer Bürger, zu einem permanenten Prozess des Wandels individueller oder kollektiver kultureller Präferenzen. In diesem Prozess ist es legitim, wenn sich einzelne Bürger oder bestimmte Gruppen engagiert für die Erhaltung und auch Verbreitung von Überlieferungen einsetzen, die ihnen selbst lieb und teuer sind. Diese Überlieferungen dürfen jedoch nicht mit der Kultur der Republik verwechselt werden. Diese umfasst die Gesamtheit der kulturellen Güter und Präferenzen aller ihrer Staatsbürger. Wenn etwa in der Bundesrepublik Deutschland die Zahl der Staatsbürger muslimischen Glaubens zunehmen wird, werden deren religiöse Überzeugungen in noch stärkerem Umfang als schon heute zu einem Bestandteil der Kultur der Bundesrepublik Deutschland, der Kultur der Deutschen, werden.

Die Kultur des republikanischen Verfassungsstaates ist offen für den Wandel ihrer Inhalte. Sie kann niemals abschließend und übereinstimmend definiert werden. In ihrem Pluralismus müssen kulturelle Werte und Überlieferungen sehr viel überzeugender und engagierter vertreten werden als in einer Gesellschaft, in der "die" Überlieferung unbefragt und unkritisch Gegenwart und Zukunft prägen soll. Die Republik begünstigt somit eine ungleich tiefergehende individuelle Aneignung kultureller Güter durch ihre Bürger. Die Freiheit der Kultur in der Republik richtet sich also nicht gegen die Bewahrung kultureller Traditionen. Sie schafft indes den politischen Rahmen für eine ständig neue kritische Überprüfung ihrer Geltung und verbessert die Chancen für kulturelle Vielfalt und Innovation.

In der Demokratie werden Mehrheiten immer wieder der Versuchung erliegen, ihre eigene Interpretation der Kultur anderen Mitgliedern der politischen Gemeinschaft aufzudrängen. Republiken verlieren jedoch ihre moralische und politische Glaubwürdigkeit, wenn sie solchen Tendenzen den Vorrang gegenüber der individuellen kulturellen Freiheit und dem mit ihr verbundenem kulturellen Pluralismus einräumen.

In der Bundesrepublik wurde der politische Streit über Multikulturalismus durch die millionenfache Zuwanderung von Ausländern aus bislang fremden und insbesondere aus islamisch geprägten Kulturen ausgelöst. In der Diskussion der politischen Mehrheit geht es dabei heute vor allem um die Fragen der wünschenswerten Form der „Integration" der Fremden in das Gemeinwesen und die dabei zu achtenden Grenzen kulturellen Pluralismus'.

Die Integration von Fremden, ihre Verwandlung in Patrioten, kann sich im Verfassungsstaat nur auf ihre politische Integration beziehen und darf nicht mit kultureller Assimilation verwechselt werden. Kulturelle Freiheit muss allen Bürgern - auch ursprünglich fremden - ohne Ansehung ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder Weltanschauung gewährt werden.

Politische Integration aber setzt voraus, dass Einwanderern durch Einbürgerung all das eingeräumt wird, was allen Bürgern gewährt werden muss: politische Gleichberechtigung, soziale Solidarität und kulturelle Freiheit.

Politische Gleichberechtigung macht die Einbürgerung notwendig, Solidarität die soziale Integration, wobei im Falle der sozialen Benachteiligung von Einwanderern die Sozialpolitik ebenso wie bei anderen benachteiligten Bürgern gefordert ist. Kulturelle Freiheit muss wiederum in dem Umfang gewährt werden, wie sie allen anderen Bürgern eingeräumt wird.

Dass die politische Integration durch Gewährung der Staatsbürgerschaft und kultureller Freiheit mit wirtschaftlicher und sozialer Chancengleichheit kombiniert werden muss, ergibt sich aus der normativen Substanz republikanischer Verfassungen. Die Geschichte der Einwanderungsländer zeigt allerdings, dass soziale Integration immer nur über längere Zeiträume, meistens innerhalb der Generationenfolge, erreicht werden kann. Aber zumindest diese Möglichkeit muss gewährt werden.

Kulturelle Freiheit bedeutet in der Alltagspraxis, dass Einwanderer in bestimmten Regionen oder Stadtvierteln mit Einwanderern der gleichen Herkunft zusammenleben können, aber dass sie auch frei sind, solche Zentren zu verlassen und sich anderen Bevölkerungsgruppen anzuschließen; sie bedeutet ferner, dass Einwanderer zu ihrem eigenen Gott beten dürfen, aber auch frei sind, sich anderen Göttern oder dem Säkularismus zuzuwenden.

Wegen der zentralen Bedeutung der Sprache für Kulturen stellt sich die Frage nach der Funktion der Sprache für Republiken. Benötigen Republiken eine nationale Sprache? Alle Bürger sollten sich sprachlich miteinander verständigen können. Dies scheint eine nationale Sprache zumindest als Verwaltungs- und Verkehrssprache notwendig zu machen. In der Bundesrepublik wäre dies die Sprache der Mehrheit, die deutsche Sprache.

Die Grenzen der kulturellen Freiheit müssen für Einwanderer aus fremden Kulturen die gleichen sein wie für alle anderen Bürger. Diese Grenzen werden durch die Verfassung und durch die Rechtsprechung festgelegt. Auftretende kulturelle Konflikte, die es in allen Gesellschaften und gerade auch in scheinbar kulturell homogenen Gesellschaften immer wieder gegeben hat, - wie z.B. in der Reformation und den europäischen Religionskriegen -, müssen im Rahmen der rechtlichen und politischen Ordnung des republikanischen Verfassungsstaates aufgearbeitet werden. Dies wird häufig mit schweren politischen Konflikten verbunden sein. Ihre friedliche konsensuelle Bewältigung innerhalb des durch die Verfassung und ihre Rechtsordnung gegebenen Rahmens wird nicht immer und oft nur partiell gelingen.[3]

Die Republik wächst oder verkümmert je nach den Erfolgen oder Misserfolgen bei ihrer eigenen Konkretisierung. Der republikanische Verfassungsstaat bleibt immer Programm und ständig neue Aufgabe. Wenn es gelingt, in freier Selbstbestimmung eine halbwegs friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Orientierung zu ermöglichen, ist das Beste erreicht, was man von einer politischen Ordnung erhoffen kann.

Die politischen Konflikte, die sich aus kulturellem Pluralismus immer wieder ergaben, haben ihren Ausgangspunkt oft in vorurteilsgeladenen Klischees von der jeweils fremden Kollektivkultur. So wenn z. B. alle muslimischen Einwanderer fundamentalistischen Gruppen des Islam zugeordnet werden, obwohl dieser in viele religiöse Richtungen aufgeteilt ist. Daneben gibt es auch im Islam eine zum Teil schnell zunehmende Säkularisierung. Der politisch-religiöse Fundamentalismus hat im übrigen in christlich geprägten Kulturen eine mindestens ebenso lange und lebendige Tradition wie im Islam. Es sei hier nur an die jahrhundertlangen europäischen Religionskriege und ihre blutigen Spuren im Nordirland der Gegenwart erinnert[4]. Die häufige Praxis, „die europäische" oder gar „die deutsche Kultur" per Definition mit Humanität und Toleranz gleichzusetzen und sie mit der angeblich kollektiven Intoleranz außereuropäischer Kulturen zu kontrastieren, offenbart Gedächtnislücken. Sie blendet neben vielem anderen die Erinnerung an die Brutalität des europäischen Kolonialismus, an das Gemetzel zweier von Europa ausgehender Weltkriege und den grauenhaften Holocaust aus. Der republikanische Verfassungsstaat selbst war weder in Europa noch in Deutschland das unvermeidliche und logische, quasi genetisch vorgegebene Endergebnis der europäischen Geschichte und Kultur. Er musste hier vielmehr erst in langen
Kämpfen gegen die dominanten Überlieferungen durchgesetzt werden. In Deutschland bedurfte es hierzu in jüngster Zeit sogar noch der Hilfe der Alliierten. Die provinzielle und holzschnittartige Gegenüberstellung kollektiver europäischer Humanität und Toleranz mit der kollektiven Inhumanität und dem kollektiven Fanatismus außereuropäischer Kulturen hat einen sehr rationalen Kern. Es werden Bedrohungsängste geweckt und die Demokratiefähigkeit der Menschen außereuropäischer Kulturen geleugnet. Damit kann wiederum die Verweigerung des Bürgerrechts an „Fremde" legitimiert werden.

Die Integration in das Gemeinwesen, die über politische Identifikation mit dem Verfassungsstaat erfolgt, kann mit einer zweckrationaleren Haltung gegenüber dem eigenen Staat verbunden sein als im klassischen Nationalismus. Das eigene politische Gemeinwesen ist hier nicht der mythische Leib der Nation und Endzweck der Geschichte. Politische Gemeinschaften werden nicht als Selbstzweck, sondern als notwendiger Bedingungsrahmen für ein gutes Leben der Bürger wahrgenommen - das gute Leben, zu dem gerade auch die Freiheit der individuellen kulturellen Selbstbestimmung gehört. Angesichts der wahnhaften Emotionen und Weltsicht des Kultes der Nation ist ein solches nüchternes und zweckrationales Verhältnis zur politischen Gemeinschaft ein Fortschritt der Vernunft.

Alle Staaten, auch die Republiken, wurden nicht am grünen Tisch ‘konstruiert', sondern bildeten und verfestigten sich erst in ihrer eigenen Geschichte. Republiken entstehen nicht über Nacht. Sie begründen und entwickeln sich durch ihre eigenen Taten. Sie legitimieren sich aus einer Geschichte erfolgreicher Bewährung. Für die Entfaltung der Republiken in ihrer eigenen Geschichte müssen Recht und Freiheit und nicht die diffuse Vorstellungswelt einer trügerischen und tyrannischen kollektiven Nationalkultur die Pole und Identifikationskerne ihres Wachstums bilden.

[1] Zum folgenden Beitrag vgl.: Dieter Oberndörfer, Deutschland ein Mythos? Von der nationalen zur postnationalen Republik, in Yves Bizeul (Hrsg.), Politische Mythen, in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000, 161- 196; ders. Integration oder Abschottung,?- Auf dem Wege zur postnationalen Republik, in: Zeitschrift für Ausländerrecht (ZAR), 1998, 1; ferner ders., Die politische Gemeinschaft und ihre Kultur. Zum Gegensatz zwischen kulturellem Pluralismus und Multikulturalismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Nr.53, 20.12.1996, S.37-46, und ders. Assimilation, Multikulturalismus und kultureller Pluralismus - Zum Gegensatz zwischen kollektiver Nationalkultur und kultureller Freiheit der Republik, in: Klaus J. Bade (Hrsg.), Migration - Ethnizität - Konflikt: Systemfragen und Fallstudien, Osnabrück 1996, S.127-148.
[2] Als Beispiel für eine in sich ruhende nationale Kultur wird häufig die japanische Kultur angeführt. Aber auch sie ist „multikulturell". Sie ist durch chinesische, indische und westliche Überlieferungen geformt worden. Aus China wurden die Schrift und die Kunsttechniken übernommen, aus Indien über China und Korea der Buddhismus und aus Europa und Nordamerika Literatur, Kunst, Philosophie, moderne Wissenschaften und Technologie.
[3] Religiöser Fundamentalismus jeglicher - auch einheimischer - Provenienz muß durch den Gesetzgeber in Schranken gewiesen werden. Beispiele hierfür sind die Scientologen oder auch Jehowas Zeugen. Der letzteren Weigerung, Bluttransfusionen zuzulassen, weil nach ihrer Überzeugung das Blut der Sitz der Seele ist, kann z.B. bei Operationen von Kindern nicht hingenommen werden. Die Verweigerung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes durch das BVG mit der Begründung, die Zeugen Jehowas lehnten die Beteiligung an demokratischen Wahlen ab, zeigt Möglichkeiten einer rechtlich-politischen Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus.
[4] Es ist heute schon weitgehend vergessen, daß noch nach dem zweiten Weltkrieg Protestanten im frankistischen Spanien der Bau von evangelischen Kirchen verboten war. In Skandinavien wurde die Zwangsmitgliedschaft der Bürger in der lutherischen Staatskirche erst nach dem zweiten Weltkriege beendet. Der Jesuitenorden und andere katholische Organisationen wurden erst dann zugelassen.

Professor Dr. Dieter Oberndörfer ist Vorsitzender des Rats für Migration.

Ihr Kommentar



Linda Benedikt

Brief aus Palästina 2

Ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, noch etwas zu schreiben, bevor ich mich für länger wieder aus diesem Land verabschiede. Als Titel wurde mir scherzhaft "Brief aus der Hölle" vorgeschlagen. Wohl in Anlehnung an den letzten "Brief aus Palästina".
Ich habe keine Lust.
Die Bilder, die, wenn auch mittlerweile wieder weniger häufig, über die Bildschirme deutscher Nachrichtensendungen flimmern, erreichen Sie schneller als jedes getippte Wort und sprechen eine eindeutige Sprache: schnellfeuergewehrende israelische Soldaten im schmucken Grün der Ordnungsmacht. Sogenannte Gummigeschosse (viel Metall, wenig Gummi, liegen leicht in der Hand) schießen sie durch den Regen, durch die mit Brandsätzen rauchgeschwängerte Luft. Tote, meist Kinder und Jugendliche, eingewickelt in blutdurchtränkte palästinensiche Flaggen, drohende, brodelnde Massen, die, mit verzerrten Gesichtern in die Kameralinsen, den Juden den Tod wünschen, Israel den Untergang und Amerika die Pest an den Hals. Was sie denken, hört man nicht und wird man unter den gegebenen Umständen auch nicht erfahren. Es ist nicht die Zeit für Zwischentöne.
Die eine Seite nennt die Toten Märtyrer und fürs Vaterland Gefallene, die andere nennt sie Steineschmeißer und Terroristen.
Zur ersten Seite ein kurzer Auszug aus einer englischsprachigen palästinensischen Tageszeitung: "He was a Palestinian, familiar with inflammatory issues / he had a very distinctive vocabulary / in which words like justice and dignity / were too often misspelled ... He was a child of the holocaust / Don't misunderstand! The Oxford Dictionary defines this as ..." und so weiter und so fort. Ein ganz besonderer poetischer Nachruf auf den von israelischen Soldaten erschossenen zwölfjährigen palästinensichen Jungen im Gazastreifen.
(Die andere Seite schreit dazu: "Was schleppen sie ihre Kinder auch auf Demonstration!" oder sie schweigt entsetzt. Eine sehr vereinzelte Stimme dieser Seite [welche Seite?], eine Lehrerin, fragt allerdings, ob man denn wissen könne, ob Vater und Sohn nicht dafür bezahlt wurden, sich vor aller Augen niederschießen zu lassen? Es antwortete ihr das entsetzte Schweigen ihrer Schulklasse)
Kurz: Eine PR-Katastrophe für Israel. Die palästinensische folgte auf dem Fuße: der Lynchmord von Ramallah.
Beides Rechtfertigung für noch mehr Gewalt, noch mehr Entsetzen, noch mehr Kopfgeschüttel und hehre Worte aus dem Weißen Haus.
Ganz wichtig: die vielen Berichterstatter von CNN. Die sind nämlich ständig vor Ort -mittlerweile fast die einzigen - und berichten so ganz objektiv, was sie hören und sehen. Eigentlich könnten sie heute schon die Bilder von morgen kommentieren. Außerdem machen sie Nachrichten. Wo sie sind, ist der Teufel los. Alles andere ist nicht passiert. War ja kein Journalist dabei.
Wer dieser Tage in den Genuß arabischer Fernsehkanäle kommt, sieht und hört bereits die ersten Vertonungen der Tragödie des gemordeten Jungen. Im Hintergrund flimmern dazu weichgezeichnete Bilder Jerusalems, lautstarke Massendemonstrationen, greinende Frauen und Hände in Victoryfingerstellung. Und viel palästinensiches Flaggenzeugs.
So schlagen mal wieder andere Kapital aus dem blutigen Strampeln der Palästinenser und den hilflosen Eindämmungsversuchen der Israeli.
Wer lieber israelisches Fernsehen einschaltet, erfreut sich ständiger Direktschaltungen nach Gilo. Gilo ist, je nach Seitenlage, ein okkupiertes Stück palästinensischer Heimaterde oder ein legitimer Teil Jerusalems. Seit Tagen feuern Tansim-Angehörige, eigentlich sollten sie irgendwie auch Arafat unterstehen, aber dem zittert die Lippe so sehr, daß man ihn nicht einmal nach der Uhrzeit mehr zu fragen traut, Schüsse auf Gilo. Auch hierzu gibt es passende Bilder: sich im Ausnahmezustand befindende israelische Familien, die des Nachts in der sicheren Küche schlafen, während sich vor ihren Schlafzimmerfenstern zukünftige Märtyrer und Okkupanten, beziehungsweise rücksichtslose Terroristen und "unsere Jungs", Scharmützel liefern. Am nächsten Morgen sieht man dann Momentaufnahmen aus Beit Jalla, nahe Gilo, aus dessen Richtung die Tansim ihre Übergriffe planen und ausführen, und welches daher Ziel der israelischen Panzergeschosse ist: Vergeltung nennt man so etwas. Daß die Menschen aus Beit Jalla genauso Opfer sind wie die Bewohner Gilos, geht dabei unter. Hauptsache, man hat schöne Bilder für beide Seiten. Und natürlich für den Westen.
Bilder von dem Unrecht. Von dem Bösen. Von dem Auflösen eines Friedensprozesses, welcher seinen Namen nie verdient hat. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe einen Freund. Der ist Palästinenser mit israelischem Paß, Moslem seines Glaubens und Angestellter einer israelischen Organisation. Vielleicht ist er auch ein israelischer Araber palästinensischen Ursprungs. Oder einfach nur ein Nichtjude. Er spricht nicht allzu gern davon. Auf jeden Fall sehnt sich dieser moslemische Freund von mir nach nichts mehr als nach einem Glas Whiskey. Oder auch zwei. Am Besten wäre natürlich gleich eine ganze Flasche. Er muß sich nämlich jeden Abend diese Feuerwechsel ansehen. Er hat sozusagen, dank der günstigen Lage seiner Wohnung, einen Logenplatz. Und so sieht er jeden Abend, wie sie aufeinander schießen: die, deren Paß er besitzt, auf die jene, denen sein Herz gehört.
Am sinnlosesten jedoch sind die Ansprachen, die Pressekonferenzen, die Gipfelstürme. Da wird soviel geredet, soviel versprochen, angeklagt, sich auf die Brust geschlagen und mit Spitzen Fingern auf die Gegenseite gedeutet. Entweder mit Leberfleck oder mit Zitterlippe.
In den Nachrichtensendungen interviewen sich Journalisten nur mehr gegenseitig. Jeder schiebt dem anderen seine Fragen unter, weil er selber auch nicht den Hauch einer Antwort hat. Aber irgendwas muß man ja sagen, meinen, schreiben. Man wurstelt sich so durch zur besten Sendezeit.
Dann wird wieder live nach Gilo geschaltet. Oder nach Ramallah. Oder Hebron. Manchmal auch in die Altstadt. Da ist es mittlerweile fast mausetot. Nur ein paar amerikanische Touristen laufen noch "We-love-Jerusalem"-singend durch die Gegend. Amis halt.
Seit Tagen regnet es in Strömen und Teile des Landes versinken im eigenen Dreck. Und irgendwie freut man sich sogar über Hochwasser: endlich einmal neue schlechte Nachrichten!
Richtig leben kann man hier mittlerweile überhaupt nicht mehr. Der Markt ist besser zu vermeiden, zu umgehen ist auch Ben Yehuda, die kleine verkehrsberuhigte Fußgängerzone, die Altstadt ist gleich völlig tabu. Man fürchtet sich vor Anschlägen. Die Drohungen vermummter Männer im Gazastreifen sind ernst zu nehmen. Zu oft schon flogen Israeli in Puzzlesteinformat durch die Luft.
Niemand geht nirgendwo mehr hin. Keine Ausflüge nach Bethlehem, kein Falafel in Akko, keine Spaziergänge durch Haifa. Die besten Absichten sind eben ein schlechtes Schutzschild gegen Steine, Gummigeschosse und geballte Fäuste. Hier lebt es sich wie eingesperrt. Das Tor zum eigenen Land öffnet allein CNN: Willkommen in Israel!
Manche wünschen fragend einen letzten Krieg herbei: "Vielleicht kapieren wir dann endlich, daß die Siedler aus den besetzten Gebieten verschwinden müssen?". Manche fragen gar nicht erst: Haut sie auf die Mütze! Damit diese Araber, "diese Tiere", endlich kapieren, wer der Herr im Haus ist!
Man demonstriert auch wieder: "Keine Verhandlungen mit Mördern!" oder: "Keine Regierung mit den Rechten!". Das schönste Plakat hing gegenüber dem Regierungssitz in Jerusalem: "You eat viruses. You will get sick. It is not kosher!" Wer hier wem was mitteilen wollte, konnte leider nicht in Erfahrung gebracht werden.
Und manche bleiben einfach daheim sitzen, stecken ihre Köpfe mit den rotgeränderten Augen, zurückzuführen auf zuviel Fernsehen oder auch Tränen, je nach Gemütslage, zwischen die Beine und hoffen, daß dieses Elend endlich aufhört. Weil sie nicht mehr können. Weil der Sturz zu tief war. Und weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie die Bilder nicht mehr ertragen. Weil sie wissen, daß man nicht scharf auf Kinder schießen darf, aber keine Antwort darauf finden, was Kinder dort überhaupt machen. Weil sie endlich Frieden wollen und nicht wissen, wie der aussehen soll. Weil sie es so gut meinen. Und jetzt wieder die Bösen sind. Weil sie weder dem Leberfleck noch der Zitterlippe mehr trauen. Weil sie nicht wissen, wie das alles enden soll.
Und das kann keiner erklären, keiner zusammenfassen und einen Sinn daraus basteln. Und darüber kann man vor allem keine Lust haben zu schreiben.

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