Nr. 30, November 2000
 
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 Die Marginalie
 

 

Silke Andrea Schuemmer

Im Mieder
(Auszug aus dem unveröffentlichten Roman „Remas Haus")

Haben Sie gewußt, daß alle schönen Frauen einen Buckel haben? Einen unsichtbaren Buckel, von dem sie mit den abenteuerlichsten Dingen abzulenken versuchen? Meine Mutter war an sich eine sehr körperliche, zärtliche Frau, die wußte, daß reden manchmal einfach nicht reicht. Ihr ganzer Körper in den immer schwarzen Stoffen war ein großes Zeichen, das sie in die Stadt und in unser Haus schrieb. Beim Vater war sie ein Ausrufezeichen mit gerade zurückgenommenen Ellenbogen und durchgedrückten Knien oder ein Fragezeichen, wenn sie sich zu ihm beugte, um ihn eine Weile reden zu lassen, was er dachte. Bei mir war sie manchmal ein ganzes Wort, das in der Tür oder neben meinem Bett stand. Eine Begrüßung oder eine Zurechtweisung, geschrieben in den Linien von Beinen und Armen, Hals und Bauch. Ich lernte sie früher lesen als Bücher, und es gab in der Stadt auf den großen Plakaten und Schildern kein einziges Wort, das sich durch die Krümmung eines Bogens oder durch das Wechseln eines Beins so grundlegend verändern konnte.
Ich verstand nie, solange ich in der Stadt war, weshalb meine Mutter mir bei all unseren Zärtlichkeiten von Anfang an verboten hatte, ihren Rücken zu berühren. Ich kannte sie nackt beim Baden, und in Wäsche beim Umziehen, und ich sah nie etwas an diesem Stück Haut, keine Narbe oder keine Verletzung, die mich hätten mißtrauisch werden lassen. Und noch ein Verbot gab es in unserem Haus, an das sich auch der Vater zu halten hatte. Im Garten wuchterten fremdartige Gewächse vor sich hin, die meine Mutter großzog, obwohl sie wirklich nicht schön waren, und ganz hinten, wo die älteren der Merkwürdigkeiten besonders dicht standen, gab es eine Bank, auf der sie ab und zu saß, wenn sie nicht gestört werden wollte. Und mir wie dem Vater war es strengstens verboten, sie da zu stören. Wenn etwas besonders dringend sei, solle ich vom Haus aus nach ihr rufen, aber niemals, so sagte sie, dürfe ich sie bei dieser Bank stören, wenn sie da saß. Aber Sie wissen ja, ich bin weniger zurückhaltend als Sie, und kommen Sie mir bitte nicht mit Moral. Und natürlich war ich neugierig und schlich mich einmal doch an sie heran, auf Zehenspitzen, ganz vorsichtig, damit das Unterholz nicht knackte.
Und ich sah meine Mutter, meine eigene Mutter, sich ein paar Mal zu allen Seiten umsehen. Dann seufzte sie und ließ sich auf die Bank fallen. Ich sah sie die Arme zum Nacken heben, und die Hände den Verschluß ihres Kragens lösen und auch die Knöpfe am Rücken bis zur Hüfte. Sie schälte sich aus dem Oberteil, trug nichts mehr darunter und zog die Schultern so feste hoch, daß man die Anstrengung in ihrem Gesicht sehen konnte, und als sie sie wieder fallen ließ, sackte ihr Oberkörper ein Stückchen nach vorne.
Und da sah ich ihn: einen weißen geschwungenen, sich nach oben verjüngenden Buckel, der schwer auf ihren Schultern lastete und den sie mit einem erstaunlichen Muskelspiel im schwankenden Gleichgewicht hielt. Lassen Sie mich Ihnen jetzt erst einmal beschreiben, wie er wirkte, weil ich Sie wieder zittern sehe mit meinem Brief in der Hand, denn natürlich sind Sie jetzt geil und klapprig. Bei den Schulterblättern fing es an: sehnig wölbte sich das feste Fleisch nach oben, und die Kuppel, die fast bis zu ihrem Hinterkopf reichte, war kaum merklich mit Haarflaum bewachsen. Die Haut schimmert hell, und wenn meine Mutter den Kopf bewegte, ging ein kurzes Zittern und Grollen durch den Buckel auf ihrem Rücken. Sie ließ ihre Arme hängen und hatte den Kopf gebeugt, so daß sich ihr Nacken streckte. Nur, damit Sie sich das jetzt nicht falsch vorstellen: Nicht die Wirbelsäule war verwachsen, sondern die Wölbung war knochenlos und anscheinend sehr schwer, denn meine Mutter atmete lauter als sonst und ließ die Schultern immer tiefer sinken. Und ihre sonst so schnellen und sparsamen Bewegungen wirkten träge und mühsam. Ich mußte an die Vögelinnen denken, die ebenfalls so einen kleinen Buckel unter ihren Federn hatten. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Und auch die Engel, die meine Mutter einmal für mich gezeichnet hatte, hatten diese Wölbung am oberen Rücken, nur verdeckten sie ihre mit Flügeln, was meine Mutter nicht konnte.
Ich stand atemlos zwischen den Bäumen und betrachtete sie, mehr noch, ich versuchte, sie zu lesen, wie sie da saß, aber ihr Körper schrieb ein Wort das ich nicht kannte. Ich hatte sogar den Eindruck als sei es mehr als ein Wort, als forme sich durch diesen Buckel ein ganzes Gedicht aus ihren Muskeln, Knochen und Sehnen. Ich hätte gerne meine Hände auf diesen Buckel gelegt, denn ich dachte mir, vielleicht könnte es auch so sein, daß ich, weil ich das Verbot übertreten hatte, plötzlich blind geworden war, und dann ließe sich das Wort, das da auf der Bank saß, vielleicht durch Tasten entziffern. Aber ich blieb wo ich war und fühlte mich, als würden sich von jetzt an ganz plötzlich andere Silben aufeinander reimen als bisher.
Jetzt weiß ich also, daß sich zwischen den ohnehin merkwürdigen Schulterblättern von manchen Frauen noch etwas anderes befindet, etwas, das durch verstärkte sehnige Muskeln gehalten werden muß und das zu verstecken alle Kraft von Frauen wie meiner Mutter fordert. Und nun war mir auch klar, weshalb ich meine Mutter dort nicht berühren durfte. Sie erlaubte es nicht, weil sie befürchtete, ich könnte ihn fühlen, den Buckel. Und noch mehr fürchtete sie wohl, ich könnte fragen, woher sie diesen Auswuchs hatte, der unsichtbar blieb bis sie sich allein glaubte. Mittlerweile denke ich, daß sie, als ich älter wurde, vielleicht doch gerne mit mir darüber gesprochen hätte, denn auch mein Körper zeigte später merkwürdige Verformungen, aber dazu kam es dann nicht mehr.
Leider, wie es so kommt, trat ich, der ich immer noch zwischen den Bäumen kauerte, dann aus Versehen auf irgendein Tier, das sofort unanständig schrie. Und dieser kurze Laut reichte aus, und meine Mutter streckte sich augenblicklich und war wieder hochaufgerichtet mit gradem, weißem Engelsnacken und streifte ihr Kleid über. Mich hatte sie nicht entdeckt, und ich weiß nicht, ob ich damit großes Glück hatte oder grade nicht.

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