Nr. 29, Oktober 2000

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Frank T. Zumbach

Aufruf an die Leser:
Was erwarten wir von moderner Lyrik?

„Zwar ist auch Dichtung Sünde," schreibt John Donne (1572 - 1631) irgendwo und meint es tiefreligiös, aber viele an Die Gazettegesandten lyrischen Ergüsse legen den Schluß nahe, daß es sich beim Dichten möglicherweise gar um eine Erbsünde handelt, und dies keineswegs bloß im religiösen Sinne. Wir wollen uns daher heute und in den nächsten Ausgaben um eine Begriffsbestimmung dessen bemühen, was eigentlich unter Poesie zu verstehen sein könnte, und auch unsere Leser darum bitten, uns mit Rat und Tat beizustehen: Vielleicht läßt sich so gemeinsam eine Art Konsens finden, wenn sicher auch keine Definition zu jedermanns Zufriedenheit.
Die Diskussion sollte weder akademisch-beckmesserisch, noch ideologisch ausgetragen werden. Es geht weniger um Iamben, Daktylen oder wie man ein Sonett schreibt (doch, darum geht es natürlich auch, wenn man so manchen Reim-dich-fress-dich-Schrott liest, der jegliche Musikalität vermissen läßt) oder um Marcuse. Und auch gar nicht so sehr um eine Bestandsaufnahme, was BISHER unter Dichtkunst verstanden wurde, sondern vielmehr darum, was Sie, die Leser, von einem modernen Gedicht ERWARTEN. Natürlich sind, einfach um das Gespräch in Gang zu bringen, frühere Definitionen hilfreich. Beispielsweise die von Edgar Allan Poe:
„Ich möchte die Poesie in Worten knapp als die rhythmische Schöpfung von Schönheit definieren. Ihr einziger Richter ist der Geschmack. Mit Vernunft oder mit Gewissen hat sie nur am Rande zu tun. Und allenfalls zufällig hat sie mit Pflicht oder Wahrheit zu schaffen." Poe wandte sich mit Recht gegen den im 19. Jahrhundert weitverbreiteten Mißstand, in Versen eine Geschichte, also Prosa, erzählen oder eine Moral verkünden zu wollen. Er kannte zwar bereits die inzwischen gängige, zumal unter, pardon, älteren Damen gängige Praxis dichterischer „Selbstverwirklichung", jenes unsäglich „kreative" Gereime, das sich nach der Formendurchbrechung der Moderne noch nicht einmal mehr an die einfachsten Grundregeln halten zu müssen meint. Gegen all den selbsttherapeutischen Mist ist grundsätzlich nichts einzuwenden, solange es niemanden zur Veröffentlichung seiner Kreativitätsschübe drängt. Mittlerweile aber sind die Schamgrenzen - auch was vermeintliche Tabuverletzungen betrifft - im Zuge der Spaßkultur gefallen, weshalb uns daran liegt, endlich ein Machtwort zu sprechen, zu dessen Formulierung Sie mit beitragen können. Errichten wir also ein Meinungsforum. Dies ist ein Spiel, und als Spielregel gilt nur, daß wir die Ansicht „Ist doch alles egal. Kann doch jeder machen was er will", wie rabulistisch sie sich immer ausdrücken und verklausulieren mag, in diesem Streit nicht gelten lassen. Es geht uns gerade um Positionen und subjektive Wertungen. Ebenso verschonen kann man uns freilich auch mit „Blut und Boden"-Geseire und gesundem Volksempfinden. Wen das nicht abschreckt, wem Poesie wirklich noch ein Bedürfnis ist, für das man notfalls sogar Geld im Buchhandel ausgeben würde, der e-maile uns seine wichtigsten Gedankengänge, möglichst nicht länger als eine halbe Manuskriptseite (30 x 60 Anschläge).
Wir behaupten, daß man, um wirklich anrührend, schön, treffend und originell zu dichten, entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil nicht unbedingt „sozial relevant", „tabuverletzend", „waidwund", „abgeklärt", zeitkritisch, ökologisch oder sonstwas sein muß, ja nicht einmal ein Zeitgenosse. Sondern einfach nur genial und imstande. Aber da haperts halt. Ein bleibendes Gedicht zu schaffen ist wahrscheinlich das schwierigste von allen schreiberischen Unterfangen. Dagegen ist, so unsere These, ein historischer Roman ein Klacks.
Als Diskussionsanstoß drei unterschiedliche Gedichte, die uns, geben wirs nur zu, imponiert haben. Das Erste stammt von einem kaum bekannten französischen Renaissancepoeten, Joachim du Bellay (1522-1560), dessen Bildsprache sowohl nah wie fern, vertraut und rätselhaft erscheint; das nächste von Rilke - der zweiten und dritten Generation nach ihm, die längst nicht mehr `rilkt´, wohl weniger geläufig als jener, die bei seiner Lektüre ins Herz getroffen wurde, das dritte schließlich von Albert Ehrenstein, einem Poeten der Jahrhundertwende, von dem vielleicht der ein- oder andere Vers im Gedächtnis haften bleibt. Nein, keine Sorge, wir kommen schon noch zum Hier und Jetzt. Wenn uns keine anrührende Übertragung gelingt, drucken wir das eine oder andere Gedicht eben in der Originalsprache ab. Und nein, die drei Beispiele sind nicht als Vorbilder gemeint, wie gute Poesie gefälligst auszusehen habe. Ihre Auswahl ist ebenso subjektiv wie hoffentlich Ihre Beiträge zum Thema.


Joachim Du Bellay
(1522 - 1560)

Ich sah den Vogel, der zur Sonne blickte

Ich sah den Vogel, der zur Sonne blickte,
Mit schwachen Flügeln sich zum Himmel wagen,
Und immer mehr, je mehr sein Flug ihm glückte,
Fiel von ihm ab der Erde scheues Zagen.

Ich sah ihn, da die Bläue ihn verzückte,
der höchsten Gipfel Scheitelhöh´ erjagen
Und durch die Wolken seine Schwingen tragen
Bis zu dem Ort, der Götter einst entrückte:

Dort schwand er ganz. Und plötzlich sah ich dann
Von einem Wirbelwind ihn jäh gewendet,
Spiralengleich zur Erde niederrauchen:

Ich fand den Körper, der zu Staub zerrann
Und sah den Vogel, den das Feur´ geblendet
Wie einen Glühwurm aus der Asche tauchen.

Rainer Maria Rilke

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Albert Ehrenstein

Wanderers Lied

Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
Keuschheit kennen sie nicht;
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.

Mädchen, das ich liebe,
Seele der Seelen du,
Auserwählte, Lichtgeschaffene,
Nie sahst du mich an,
Dein Schoß war nicht bereit,
Zu Asche brannte mein Herz.

Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
Schimmel freut sich an den Wänden,
Gute Ritzen sind für den Regen da.

„Töte dich!" spricht mein Messer zu mir.
Im Kote liege ich;
Hoch über mir, in Karossen befahren
Meine Feinde den Mondregenbogen.


Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung

 


 

 
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