Nr. 29, Oktober 2000
 
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Virtuelle Textbaustelle

nennt sich diese Website, und wer schon darauf hereinfällt und sich ärgert, sollte gleich gar nicht erst hingehen. Von Baustelle keine Rede. Und was Texte betrifft: Texte werden geliefert, unwahrscheinliche und reichlich.
Die Themenliste beginnt mit „Adorno (Miniatursatire über das Raffinement - für Diabetiker ungeeignet", geht dann über „Autopoiesis (Anwendungsfall: Lernunternehmen)" und „DER SPIEGEL (eine Abrechnung, Essay)" bis zu „Zucht und Züchtung". Achtundachtzig sind es insgesamt. Originaltexte von Goedart Palm, der, wie er auf der Startseite angibt, auch für die Websites Telepolis, Carpe librum, das Satiremagazin Zyn, Parapluie und das „Magazin zur Netzpolitik" politik-digital schreibt.
Vielseitig ist das. Und fleißig. Am 28. Oktober hält der Autor auf dem Symposium der „Viper 2000" in Basel auch noch einen Vortrag zum Thema „Informationskrieg und Zeitherrschaft", nachdem er kurz vorher in Köln - nach einem Vortrag dort - einen Workshop über „Netzpoeten" veranstaltet hat.
Es gibt offenbar wenige Kultur-Themen, die Palm nicht faszinieren. Bei so ausgebreiteter Produktion und derart weitgespannten Interessen kann sich nicht alles auf gleicher Höhe bewegen. Die Papst-Satire „Apocalypse later" zum Beispiel (in der sich Gott am Telefon als „Boss der Bosse" meldet) ist nett zu lesen, hat aber ihre Hänger und scheut auch den naheliegenden Kalauer nicht („besser Polyglott als Polygott" - naja).
Manchmal steht der Autor unter extremem Schreibdruck, und das hat dann eine zu hohe Sprachdichte zur Folge. Aber fast immer schreibt Palm mit dringlicher und präziser Bissigkeit. Über Verona Feldbusch beispielsweise: „Fatal an dieser femme ist ihre mediale Allzuständigkeit, die jeden Blondinenwitz als Anachronismus erscheinen läßt." Oder über „Zynismus als Lebensform": „Ironie ist versöhnlich, Zynismus nicht. Ironie bleibt die kleine Form, Zynismus will die Generalabrechnung." Oder aus „Verstreutes [Aphoristisches] zur Sprache": „Würden sie mehr auf ihre Sprache achten, würde ich ihnen ihre Gedanken schon verzeihen."
Gelegentlich schwingt sich der Inhalt in sprachliche und Bildungshöhen, wo dem Autor zu folgen schwer wird (und wir in Der Gazette sind da von uns selbst einiges gewöhnt!). An anderen Stellen kommt dieser Eindruck zustande durch eine Art Schreibe von gedrängter Knappheit. Und doch: Palm schreibt eine Sprache ohne Flitter und Fett. In schier jeder Zeile ist sein Gedankengang originell, unverbraucht, selbständig, eigenwillig, relevant, fällig, genau und - um ein hier unvermeidliches Mannsches Wort zu verwenden - packend.
Ein frischer Wind im Hirn.

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