Nr. 28, September 2000
 
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Silke Andrea Schuemmer

Nachbarn bringen Brot

                                                                                                            Für Anne

Seit diesem Tag bringen die Nachbarn Brot. Zuerst waren es nur die von drüben und die neben dem Pferdestall, aber dann fingen die anderen auch an. Wir erkennen an der Art, wie es gebracht wird, von wem es kommt. Die Geschiedene zum Beispiel hängt immer einen Leinenbeutel an die Hintertür. Wenn wir ihn nicht gleich sehen und hereinholen, hängt er dort mehrere Tage, und das Brot weicht im Regen auf und schimmelt. Die Familie von gegenüber schickt im Wechsel ihre fünf Kinder zu uns. Die stehen dann vor der Tür, drehen einen frischen Laib in den Händen oder lassen die Plastiktüte mit harten Brötchen gegen ihre Waden baumeln. Sie klingeln nur ganz kurz, vielleicht hoffen sie, wir seien nicht da. Auf der anderen Seite der Tür warten wir, an die Wand gepreßt, und hören auf das Scharren der Sandalen oder auf das dumpfe Geräusch, wenn die Tüte die Beine berührt. Aber dann öffnen wir doch, und das Kind vor der Tür zuckt zusammen, streckt uns das Brot hin, wir nehmen es, und bevor wir noch etwas sagen können, rennt es auch schon über die Straße zurück zum Haus der Eltern.
Nicht alle Nachbarn bringen es am Tag, wenn jeder es sehen kann. Die mit der Tischtennisplatte im Garten werfen es nachts in einem Karton über den Zaun. Wir haben sie einmal dabei beobachtet. Im dunklen Wohnzimmer haben wir gesessen und aus dem Fenster gesehen, und nach einigen Tagen kamen die Nachbarn herüber, sahen sich zu allen Seiten um und liefen schnell ins Haus zurück, als sie es getan hatten. Sie sammeln Brezeln in einem Saftkarton, und wenn der voll ist, schleichen sie sich bis zu unserem Zaun und werfen den Karton in hohem Bogen in unseren Garten. Der Boden ist oft matschig, und das, was wir dann zwischen Pferdemist und Pfützen aufklauben, ist kaum mehr zu erkennen. Manchmal sind in den Kartons der Tischtennisnachbarn auch geschmierte Brötchenhälften, an denen noch ein Zipfel Wurst oder eine Ecke Käse klebt. Wir wissen nicht, ob das eine Absicht hat. Manchmal liegt, wenn wir vom Markt zurückkommen, vor unserer Tür ein Korb mit Laugenstangen oder süßen Hörnchen, Berge davon, wir wissen gar nicht, wer soviel davon besitzt. Wir nehmen den Korb mit hinein und stellen ihn feucht ausgewischt wieder vor die Tür, und am nächsten Tag ist er verschwunden.
Wir leeren das Brot in eine große Regentonne in der Küche, die wir extra im Baumarkt besorgt haben und in der wir alle Brötchen und Laibe, Kringel und Scheiben sammeln. Daß wir die Tonne haben, ist gut. Anfangs waren es hier und da ein paar Semmeln oder mal ein Baguette, aber jetzt bringen fast alle Nachbarn Brot. Wir könnten allein davon leben.
Die alte hinkende Frau kommt immer selber vorbei, obwohl sie eine Pflegerin hat. Sie schlägt den halben Laib Brot, den sie pro Woche herüberträgt, in ein Spitzentuch, klingelt dann atemlos, tritt ein, murmelt ein paar Sätze, ohne den Kopf zu heben und geht wieder. Der Knecht vom Hof ist da weniger höflich, er wirft uns nachts seine steinharten Brötchen gegen die Fenster. Dann werden wir wach. Und wir liegen in den Betten und versuchen, uns an alle Nachbarn zu erinnern, die wir kennen, alle Brotsorten aufzuzählen, die wir bekommen haben und uns an die Zeit vor dem Tag zu erinnern, an dem uns die erste Nachbarin einen Fladen gab. Darüber schlafen wir dann meist irgendwann wieder ein. Die Tonne in der Küche ist bald voll. Dann haben wir ein Problem. Worin werden wir das Brot aufbewahren.
Wir beschließen, mit den Nachbarn zu reden. Wir kämmen uns und binden Halstücher um. Wir ziehen Gummistiefel an und stapfen ins Dorf. Wir warten neben der Apotheke. Die alte Frau geht am Arm der Pflegerin vorüber. „Guten Tag", sagen wir, „Sie wissen doch: das Brot." Die Alte wispert einen Gruß, und hinkt, ohne uns anzusehen, weiter. Wir treffen die fünf Kinder, die vor unserer Haustür immer mit den Sandalen scharren. „Wieso soviel?", versuchen wir es. Die Kinder rennen weg. Die Marktfrau läuft nicht weg. „Jaja", strahlt sie uns an, und wir sind sicher, sie würde uns die Arme streicheln, wenn nicht die Auslage mit Äpfeln und Kohl dazwischen wäre, „Geben ist seeliger." Wir wissen nicht weiter.
Der Brotspiegel in der Tonne steigt.
Wir haben die Aufgaben verteilt. Wir suchen morgens noch vor dem Frühstück die Türklinken nach Leinenbeuteln und Plastiktüten ab. Während wir zu den Ställen gehen, um die Luken zu öffnen und die Pferde zu füttern, ziehen wir uns dicke Handschuhe an und kratzen die geschmierten Brötchenhälften und die Wurstzipfel aus dem Schlamm. Dann suchen wir auf den Fensterbrettern rund ums Haus, ob wir irgendwo etwas vergessen haben. Wenn es trocken wäre, würden die Vögel es wegpicken, aber es regnet ständig, und dann schimmelt das Brot und zieht Ungeziefer an, und wir wollen nicht wegen Ungeziefer ins Gerede kommen. Wenn wir alles abgesucht haben, treffen wir uns in der Küche wieder. In unseren Händen liegt das Brot. Jeden Tag mehr. Es ist eine wundersame Vermehrung, als fiele es vom Himmel. Dabei wissen wir doch, daß es in Kartons von den Nachbarn herüberfliegt. Wir legen es in die Tonne. Dann erst frühstücken wir. Jetzt müssen wir uns etwas Neues überlegen.
Wir können das Brot nicht einfach wegwerfen, das wäre nicht richtig. Irgendjemand bekäme es heraus, und die Nachbarn würden zu den Müllcontainern gehen und nachsehen. Wir versuchen es anders. Wir nehmen kleinere Portionen in die Schultaschen und Aktenkoffer, tragen es aus dem Dorf und werfen es irgendwo in fremde Mülleimer. Die ganz trockenen Stücke mahlen wir zu Semmelbröseln und panieren unser Essen damit. Die Eimer, die übrig bleiben, streuen wir auf die Erde, wenn wir unterpflügen. Ein paarmal haben wir auch große Pakete gepackt und sie mit falscher Adresse und ohne Absender in einem fremden Postamt aufgegeben, aber das wurde zu teuer. Wir versuchen, es im Kamin zu verfeuern, wir verfüttern es an die Pferde, als wollten wir sie mästen. Wir überlegen, uns Schweine anzuschaffen, aber keiner von uns mag Schweine, und die Idee, sie auf die Namen der Nachbarn zu taufen, finden wir selbst gemein. Wir setzen uns am Küchentisch zusammen und überlegen. „Also gut", sagen wir, „wir tun es."
Wohl ist uns nicht dabei. Wenn uns jemand sieht, könnten uns Fragen gestellt werden. Wie sollen wir uns erklären? Aber niemand erklärt sich uns. Wir überlegen lange, zu wem wir gehen wollen. Erst zählen wir die Armen auf, dann die Netten, dann die, die wir nicht mögen. Wir kommen zu keinem Ergebnis und losen. Wir ziehen die Bäckerin. Das ist lustig, und wir lachen. Wir lachen viel mehr, als die Bäckerin lustig ist. Wir nehmen einen Leinenbeutel, wie er morgens an der Hintertür hängt. Solche benutzen alle. Wir füllen Brot aus der Tonne hinein. Auch einige frischgekaufte Streuselbrötchen aus der Stadt legen wir dazu, die mögen wir gern. Wir gehen zum Haus der Bäckerin, als es dunkel ist. Die Backstube ist noch nicht erleuchtet. Wir hängen die Tasche an die Klinke, erinnern uns kurz, wie nett die Bäckerin immer mit dem Kopf wackelt, wenn sie die Kunden bedient, und rennen weg.
Die nächsten Tage sind wir sehr vorsichtig. Wir nicken dem Knecht vom Hof zu und auch den Tischtennisnachbarn, wir grüßen die fünf Kinder und helfen der Pflegerin, die alte Frau eine Treppe hinauf zu führen. Nachts bringen wir der Bäckerin Brot. Nach einigen Tagen tragen wir unsere Beutel auch zu anderen Haustüren und in andere Vorgärten. Wir geben mit offenen Händen. Der Brotspiegel in der Tonne sinkt.
Tagsüber grüßen die Leute. Auch wir grüßen. Die Brottüten an unserer Hintertür werden weniger. Ab und zu fliegt noch ein Karton Geschmiertes über den Zaun. Das räumen wir weg.
Nachts schlafen wir endlich tief.

Die Autorin (geb. 1973) kann bereits mehrere Veröffentlichungen vorweisen:
- "Triptychon oder Salzig schmeckt der Algenstrang". Gedichte. Künstlerbuch in einer Bibliophilenausgabe mit Orginalfrottagen von Wolf Spies. Berlin (1996).
- "Die Form des Fisches ist sein Wissen über das Wasser." Prosa. Künstlerbuch in einer Bibliophilenausgabe mit Graphiken von Krzysztof Jarzebinski. Berlin (1996).
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften ( z.B. „ndl" oder „Das Gedicht"), Anthologien (z.B. „Jahrbuch der Lyrik" im C. H. Beck Verlag, „Das verlorene Alphabet" im Wunderhorn Vlg oder „Bitte streicheln Sie hier" bei Eichborn Berlin) und Rundfunk im deutschsprachigen Raum, Rußland, Niederlande und USA

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