Nr. 28, September 2000
 
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Womit man sich zehn- bis zwanzigfachen Profit machen kann

Einen liederlichen Studenten, der erfolgreicher Geschäftsmann wird, führt uns Johann Gottfried Schnabel im folgenden Ausschnitt aus dem Roman Die Insel Felsenburg vor. Das vierbändige Werk, erschienen zwischen 1731 und 1743, war das beliebteste Buch seiner Zeit. Arno Schmidt schrieb 200 Jahre später über den Kollegen: Um 1750 bestand die Bibliothek des Bürgers aus "zwei Groß=Büchern: der Bibel und der Insel Felsenburg". Schnabel (geboren 1692, Todesjahr unbekannt) entwirft darin ein positives Gegenbild zu den bedrückenden feudalen Verhältnissen in Europa. Auf einer Insel im Südatlantik verwirklichen deutsche Auswanderer die frühen Ideen der Aufklärung in einem Gemeinwesen, das weder Fürsten noch Militär, weder Hunger noch Korruption kennt. Die Botschaft, daß ein besseres Leben auf dieser Erde möglich ist, faszinierte nicht nur Schnabels Zeitgenossen. Schmidt nannte den Roman "immer=modern". Die Handlung wird ständig von abenteuerlichen Erzählungen der Inselbewohner unterbrochen. Eine bibliophile Ausgabe ist bei 2001 erhältlich.

"Ich bin kein Mann aus vornehmen Geschlechte, sondern eines Posamentiers oder Bortenwürkers Sohn, aus einer mittelgroßen Stadt, in der Mark Brandenburg. Weil ich eine besondere Liebe zu den Büchern zeigte, wurde ich fleißig zur Schule und Privatinformation gehalten, und brachte es soweit, daß ich in meinem neunzehnten Jahre auf die Universität nach Frankfurt an der Oder ziehen konnte. Ich wollte Jura, mußte aber, auf expressen Befehl meines Vaters, Medicinam studieren.
Ich machte gute Progressen in meinen Studieren, weiln alle Quartale nur 30 Tl. zu vertun bekam, also wenig Debauchen machen durfte, sondern fein zu Hause bleiben und fleißig sein mußte.
Doch mein Zustand auf Universitäten wollte sich zu verbessern Miene machen, weil mein zu hoffen habender Hr. Schwiegervater mir ein jährliches Stipendium von 60 Tl. vor mich herausbrachte, welche ich nebst meinen väterlichen 30 Tl. auf einem Brette bezahlt, in Empfang nahm.
Nunmehro meinte ich keine Not zu leiden, führete mich demnach auch einmal als rechtschaffener Pursch auf, und gab einen Schmaus vor zwölf bis sechzehn meiner besten Freunde, wurde hierauf von ein und andern wieder zum Schmause invitiert, und lernete recht pursicos leben, das ist, fressen, saufen, speien, schreien, wetzen und dergleichen.
Aber! Aber! meine Schmauserei bekam mir wie dem Hunde das Gras, denn als ich einstmals des nachts ziemlich besoffen nach Hause ging, und zugleich mein Mütlein, mit dem Degen in der Faust, an den unschuldigen Steinen kühlete, kam mir ohnversehens ein eingebildeter Eisenfresser mit den tröstlichen Worten auf den Hals: 'Bärenhäuter steh!' Ich weiß nicht was ich nüchterner Weise getan hätte, wenn ich Gelegenheit gesehen, mit guter Manier zu entwischen, so aber hatte ich mit dem vielen getrunkenen Weine doppelte Courage eingeschlungen, setzte mich also, weil mir der Paß zur Flucht ohnedem verhauen war, in Positur, gegen meinen Feind offensive zu agieren, und legte denselben, nach kurzen Chargieren, mit einem fatalen Stoße zu Boden. Er rief mit schwacher Stimme: 'Bärenhäuter, du hast dich gehalten als ein resoluter Kerl, mir aber kostet es das Leben, Gott sei meiner armen Seele gnädig.'
Im Augenblicke schien ich ganz wieder nüchtern zu sein, rufte auch niemanden, der mich nach Hause begleiten sollte, sondern schlich viel hurtiger davon, als der Fuchs vom Hühnerhause. Dennoch war es, ich weiß nicht quo fato, herausgekommen, daß ich der Täter sei; es wurde auch stark nach mir gefragt und gesucht, doch meine besten Freunde hatten mich, nebst allen meinen Sachen, dermaßen künstlich versteckt, daß mich in acht Tagen niemand finden, viel weniger glauben konnte, daß ich noch in loco vorhanden sei. Nach Verfluß solcher ängstlichen acht Tage, wurde ich ebenso künstlich zum Tore hinaus praktizieret, ein anderer Freund kam mit einem Wagen hinterdrein, nahm mich unterweges, dem Scheine nach, aus Barmherzigkeit, zu sich auf den Wagen, und brachte meinen zitternden Körper glücklich über die Grenze.
Ich entschloß mich demnach, meine Gemütsruhe auf der unruhigen See zu suchen, und desfalls zu Schiffe zu gehen. Dieses mein Vorhaben entdeckte ich einem Studiosus Theologiae, der mein sehr guter Freund und Sohn eines Handelsmannes in Lübeck war, selbiger recommendierte mich an seinen Vater, der eben zugegen und seinen Sohn besuchte, der Kaufmann stellete mich auf die Probe, da er nun merkte, daß ich im Schreiben und Rechnen sauber und expedit, auch sonsten einen ziemlich verschlagenen Kopf hatte, versprach mir jährlich hundert Tl. Silbermünze, beständige Defrayierung sowohl zu Hause als auf Reisen, und bei gutem Verhalten dann und wann ein extraordinäres ansehnliches Akzidenz.
Nachdem ich zwei Jahre bei ihm in Diensten gestanden, wurde mir, da ich nach Amsterdam verschickt war, daselbst eine weit profitablere Kondition angetragen, ich akzeptierte dieselbe, reisete aber erstlich wieder nach Lübeck, forderte von meinem Patron ganz höflich den Abschied, reisete in Gottes Namen nach Amsterdam, allwo ich auf dem Schiffe, der Holländische Löwe genannt, meinen Gedanken nach, den kostbarsten Dienst bekam, weil jährlich auf 600 holländische Gulden Besoldung sichern Etat machen konnte.
Mein Vermögen, welches ich ohne meines vorigen Patrons Schaden zusammengescharret, belief sich auf 800 holländ. Fl. selbiges legte meistens an lauter solche Waren, womit man sich auf der Reise nach Ostindien öfters zehn- bis zwanzigfachen Profit machen kann, fing also an ein rechter, wiewohl annoch ganz kleiner, Kaufmann zu werden."



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