Nr. 27, August 2000
 
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Ist das Emily Dickinson oder nicht?

Keine Autorin hat sich so sehr gegen den Photoapparat gesperrt wie die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson (1930 - 1886): Bis heute gibt es nur eine einzige Daguerrotypie von ihr, das schmale Gesicht einer noch nicht Zwanzigjährigen.
Vor einigen Wochen hat Janos Novomeszky bei eBay ein Foto zur Versteigerung angeboten, und recht schnell ging es an Philip Gura - für den kopfschüttelnerregenden Linsengerichtpreis von vierhunderteinachtzig Dollar (hätte der ungarische Anbieter den Seltenheitswert gekannt, er hätte das Foto um das Zwanzigfache loswerden können). Philip Gura ist Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der Unversity of North Carolina in Chapel Hill. Und er hält das Foto für so gut wie echt. Auf seiner Website gibt er den Neuerwerb als Sensationsnachricht heraus. Er will jetzt nur noch einen Gerichtsmediziner die Schädelmaße nachmessen lassen, ob es auch wirklich Emily Dickinson ist.
Die Inschrift auf der Rückseite des Fotos entzifferte er als "Emily Dickinson - died - rec 1884". Über dieses "rec" entstand, nach der Veröffentlichung im "New Yorker", sehr bald eine rege Kontroverse. Muß das Wort nicht vielmehr als "Dec" gelesen werden? Vielleicht, aber Emily Dickinson ist nicht im Dezember, sondern schon am 15. Mai 1886 gestorben. Andere meinten, es heißt selbstverständlich nicht "Dec", sondern doch "rec" und bedeute nichts anderes als "recquiescat in pace" (was die Sache wegen des unpassenden Sterbedatums auch nicht durchsichtiger macht).
Und vielleicht ist es ja auch gar nicht Emily.

Shakespeare und seine Sprache

Der Literaturprofessor Frank Kermode, der Autor des Buches "Shakespeare's Language" (gerade bei Farrar, Straus and Giroux erschienen), ist nicht gerade ein kritikloser Bewunderer des Dramatikers. Die sprachlichen Qualitätsunterschiede in"Cymbeline" zum Beispiel sieht er durchaus auf der schlechteren Seite des Shakespeareschen Werks. Oder die noch dunkleren, noch schwerer verständlichen Zeilen des "Coriolan" (hier Kenneth Branagh in dieser Rolle).
Die Kritik geht aber noch weiter: Die oft obsessive Beschäftigung des Dramatikers mit semantischen Erläuterungen, mit Etymologien, Wort-Assoziationen, entlegenen Metaphern (und dies alles manchmal auch noch atemlos gehäuft) werden vom heutigen Publikum ohne ein gründliches Textstudium vor dem Theaterbesuch oft nicht mehr verstanden. Für Kermode ein Zeichen dafür, daß Shakespeare bei seinem Übergang von den leichteren Stücken der 90er Jahre des 16. Jahrhunderts zu den düsteren Königsdramen auf beträchtliche, nicht immer gelöste Schreibschwierigkeiten stieß.
Gelegentlich aber, meint Kermode (genauer: nicht zu selten), steigen die Shakespeareschen Sprachspiele zu beindruckender Höhe auf. Etwa bei der immer neu ansetzenden Untersuchung des Begriffs "Zeit" im "Macbeth".
Bei aller Entdeckerfreude erlegt sich aber auch Kermode selbst gutgelaunte Grenzen auf, denn "sonst verliert sich die Erklärung im bloßen Rauschen".


Die Lügen, mit denen wir leben

Die berühmte "méthode Coué", benannt nach einem Quacksalber vom Beginn des vorigen Jahrhunderts, bestand darin, sich zwanzigmal jeden Morgen vorzusagen, es gehe einem immer besser. Dale Carnegie nannte das später "positives Denken", und Hunderte machten es ihm nach.
Die europäische Philosophie hatte bis dahin einen anderen, harscheren Weg eingeschlagen. Ihr Programm war Selbsterkenntnis. Aber - so die These der neuen Buches "Lies We live By: The Art of Self-Deception" (bei Bloomsbury) - ganz ohne Selbstliebe und also Selbsttäuschung geht das nie ab. Obwohl Selbsttäuschung eigentlich nicht machbar sein sollte: Wie kann ich mich belügen und nicht wissen, daß ich mich belüge?
Der Autor Eduardo Giannetti, ein brasilianischer Kulturhistoriker, vermutet denn auch, daß Selbstliebe und Selbsttäuschung viel zu sehr in uns einprogrammiert (weil viel zu nutzbringend) sind, als daß wir gern ohne sie auskämen. So ähnlich hatte es ja auch Blaise Pascal schon gesagt: Das Glück liege in der Selbsttäuschung, da die Wahrheit über die verdorbenen Abgründe unseres Innern so schrecklich sei, daß wir ihren Anblick nicht ertragen.
Am Ende - aber dieses Ergebnis übersieht der auf die Antinomie fixierte Autor - kommt bei den meisten Menschen wahrscheinlich ein natürliches Gleichgewicht zwischen mutiger Selbsterkenntnis und beschönigender Selbsttäuschung heraus.


Freundlich: zweimal Friedrich der Große

Was der Durchschnittsdeutsche heute noch von dem großen Preußenkönig weiß, paßt auf eine Postkarte. Was der mittlere Amerikaner von ihm weiß, ist eher noch weniger.
Da helfen jetzt gleich zwei neue, ungewöhnlich wohlwollende Biographien Friedrichs des Großen ("Frederick the Great, King of Prussia" von David Fraser und "Frederick the Great, A Life in Deeds and Letters" von Giles MacDonogh).
Unausweichlich stellen ihn beide Autoren als großen Feldherrn und Architekten Preußens vor. Darüber hinaus aber beschreiben sie ihn als bemerkenswerten Intellektuellen und Künstler. Der König schrieb nämlich auch, und zwar Artikel über alle möglichen Gegenstände: über Geschichte, Diplomatie, deutsche Literatur (besser: darüber, daß es - wie er meinte - keine gab zu seiner Zeit), Religion, Philosophie, die Regierungskunst. Wenn er keine Artikel oder Briefe oder Lyrik (immer nur in französischer Sprache) schrieb, dann schrieb er sogar gute Musik. Und wenn er überhaupt nichts schrieb, dann las er oder spielte die Flöte (auch das nicht schlecht). "Adieu", beendete er einen Brief an einen Freund, "ich werde jetzt an den König von Frankreich schreiben, dann ein Solo komponieren, einige Verse für Voltaire dichten, das Reglement der Armee ändern und noch hundert andere Dinge dieser Art erledigen." Es riecht ein wenig nach Angeberei, aber dies alles hat er tatsächlich getan.
Die beiden Biographien haben erfreulich wenig gemeinsam. McDonogh schildert den König vielleicht etwas menschlich anrührender, während Fraser die politischen und militärischen Innovationen kantiger herausarbeitet. Man kann also beide fast ohne Überschneidungen nacheinander lesen.


Ägyptischer Autor verurteilt

Ein Kairoer Gericht verurteilte am 8. Juli Salah-Eddine Mohsen für ein angeblich islamfeindliches Buch zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten Gefängnis. Das Urteil ist als milde zu bewerten, da Haftstrafen in ähnlichen Fällen bis zu fünf Jahre betragen können.
Mohsen hatte geschrieben, der Koran sei altmodisch, unzeitgemäß. Während der Verhandlung jedoch hatte er seine Glauben betont und geltend gemacht, daß er weder den Islam beleidigen noch dessen grundsätzlichen Dogmen in Zweifel ziehen wollte.
Der im Westen weithin unbekannte Autor hat in Ägypten zwei Bücher veröffentlicht, "Das Zittern der Erleuchtung" und "ein Nachtgespräch mit dem Himmel".


London is not amused

"Der Patriot", der Film, macht den Patrioten Ärger auf der Insel. Und es ist nicht das erste Mal, daß die Amerikaner bei den Briten cinematographisch ins Fettnäpfchen treten.
Schon in "Saving Private Ryan" hatte das Drehbuch so getan, als hätten die GIs Europa allein erobert, ganz ohne britische Soldaten. Und im Film "U 571" kaperten die Amerikaner, und nur sie, ein deutsches U-Boot und fanden darin zu ihrer Freude die geheimste aller Codiermaschinen, die sogenannte Enigma. In Wahrheit waren es die Briten, die die Enigma aufbrachten - 1941, bevor die USA überhaupt am Weltkrieg II teilnahmen.
Und jetzt "Der Patriot", der in diesem Monat in England anläuft. Der Bösewicht ist hier ein blutdürstiger Colonel William Tavington bei den britischen Green Dragons, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - im Film - ein kleines Kind niederschießt und dann auch noch schreiende Dorfbewohner in eine Kirche einsperrt und sie bei lebendigem Leibe verbrennt. Shocking.
"Mit ihrer eigenen Rekordleistung von zwölf Millionen ermordeter Indianer und ihrer Aufrechterhaltung der Sklaverei vier Jahrzehnte, nachdem die Briten sie abgeschafft haben, versuchen die Amerikaner jetzt, ihre historische Schuld auf jemanden anderen zu projizieren", schrieb beleidigt Andrew Roberts im "Daily Express". Die Verbrennungsszene hat außerdem auch amerikanische Historiker zu Protesten veranlaßt, denen die Nähe der Szene zu Gewaltakten der Nazis zu weit ging.


Potter-Rekorde

Das Harry-Potter-Phänomen brachte es in "Newsweek" bereits zur Ehre einer Titelseite. Tatsächlich brach der vierte Roman, "Harry Potter und der Feuerkelch" (auf den die armen Deutschen noch bis Herbst warten müssen) seit dem ersten Verkaufstag in den USA, 10. Juli Punkt 12 Uhr 01 EST, alle Rekorde.
Die Erstauflage betrug schon 3,8 Millionen Exemplare, zwei weitere Millionen sollen in ein paar Monaten hinzukommen. Allein am ersten Verkaufswochenende gingen bei Barnes & Noble vierhundertzweitausend Potters über den Tisch - und da sind die hunderttausend Exemplare, die die Buchhandelskette über ihre Internetseite verkaufen konnte, noch nicht mitgerechnet. Amazon.com wurde an diesem Wochenende dreihundertneunundachtzigtausend Exemplare los.


Zurückgetreten, nachgetreten

Es genügte offenbar nicht, daß Rudolph Giuliani auf seine Senatoren-Kandidatur verzichtet hat. Jetzt wirft ihm eine "investigative" Biographie auch noch Steine mittleren bis schweren Kalibers nach. Der Teil: "Rudy: An Investigative Biography of Rudolph Giuliani". Der Autor: Wayne Barrett, Reporter der "Village Voice" in New York.
Darin schildert er, wie Giulianis Vater Harold achtzehn Monate Gefängnis absaß dafür, daß er in den dreißiger Jahren einen Milchmann mit vorgehaltenem Revolver ausraubte. Einen Milchmann, richtig. Und außerdem soll die halbe Familie des Ex-Bürgermeisters recht gute Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt haben. Fest steht immerhin, daß Giulianis Vater, Onkel und Cousin in den frühen sechziger Jahren an einer Unterwelt-Schießerei in Brooklyn aktiv beteiligt waren. Kreditschwindel, Fahrzeugdiebstähle, Mordanschläge und Morde - dieser Cousin war beschäftigt. 1977 wurde er vom FBI erschossen. Der Autor gibt allerdings zu, daß Giuliani seinen Cousin da schon jahrelang nicht mehr getroffen hatte.
Jetzt ist klar, warum der Bürgermeister so ein fanatischer Saubermann war.


Text und Kontext

Manche Vorhersagen der Computer-Revolution haben sich nicht erfüllt. Das "papierlose" Büro (das uns schon 1975 versprochen wurde) hat heute den doppelten Ausstoß wie damals, hundert Kilo Papier jährlich pro Mitarbeiter. Warum?
Wer im Papier immer nur den Informationsträger sieht, leide unter einem fatalen "Tunnelblick". Papier, sagen Seely Brown und Paul Duguid ("The Social Life of Information", Harvard Business School Press), besitzt Eigenschaften, die über die pure Information hinausgehen: "Es hilft den Menschen beim Arbeiten, beim Austausch von Meinungen, beim gemeinsamen Nachdenken."
Es sind gerade diese gruppenstiftenden Qualitäten, so die Autoren weiter, durch die technologische Innovationen vorangetrieben werden. Eines ihrer Negativ-Beispiele dazu: Die Werbeagentur Chiat/Day zwang ihre Mitarbeiter, sozusagen nomadisierend und ohne eigene Büros oder Geräte zu arbeiten; der Effekt war eine Mitarbeiterkampagne zivilen Ungehorsams. Die Manager hatten übersehen, daß die Mitarbeiter nicht nur ihre eigenen Möbel vermißten, sondern vor allem das Miteinanderreden, das Zuschauen bei der Arbeit der anderen und das Lernen daraus.
Die digitale Dummheit liegt also darin, Text und Kontext voneinander trennen zu wollen.


Beiträge gesucht!

Für eine Lyrik-Anthologie mit dem Arbeitstitel "Viel zu wenig Zeit" suchen wir lyrische Texte. Ein einheitliches Thema wird nicht vorgegeben. Wir interessieren uns für einen bunten Querschnitt aus allen Themenbereichen: Gedanken, Gefühle, Natur, Tagesthemen, Zeitkritik, usw. Jeder Teilnehmer sollte max. 10 Texte einreichen, aus denen wir eine Auswahl vornehmen können.
Der Teilnehmer muß alle Rechte an den eingereichten Texten besitzen. Die Texte dürfen bisher noch nicht publiziert worden sein. Ein Honorar wird nur in Form von Freiexemplaren vergütet.
Die Texte bitte mit einer kurzen Biografie bis spätestens 31.12.2000 unter Angabe des Stichworts "Gedichte" an den Cagliostro-Verlag, Alfred-Keller-Str. 1, 53721 Siegburg, senden. Bitte nur Kopien und keine Originale einsenden. Eine Rücksendung der Texte erfolgt nur, wenn ein ausreichend frankierter Rückumschlag beigelegt wird. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Texte per email oder Diskette als Textdatei einzureichen. Emails bitte an: lektorat@cagliostro.net

Weitere Informationen erhalten Sie beim Cagliostro-Verlag: Alfred-Keller-Str. 1, 53721 Siegburg, Telefon/Fax 02241/62188, email: info@cagliostro.net, http://www.cagliostro.net

Ihr Kommentar

Statistik I:
Die Zweitgrößte unter den Kleinen

Die OECD hat die Häufigkeit der im Jahr 1999 auf Webseiten verwendeten Sprachen untersucht und kommt jetzt mit ihren Ergebnisse heraus. Sie sind stellenweise erstaunlich.
Daß Englisch auf 78,3 Prozent aller Webseiten auftaucht, ist freilich keine Sensation (für alle anderen Sprachen, die da auch noch mitmachen wollen, wird es also eng). Aber als
Zweitplazierte taucht überraschend Japanisch auf, mit 2,5 Prozent. Auf dem dritten Platz jedoch rangiert das Deutsche - mit unerwarteten zwei Prozent, weit vor Französisch (1,2) oder Chinesisch (0,6 Prozent). Den Rest müssen sich alle übrigen aufteilen.


Statistik II:
Selbstbild und Vorurteil

Fleißige Deutsche? Von wegen. Eine französische Umfrage (Sofinco) unter fünfzehn- bis neunzehnjährigen Engländern, Franzosen, Deutschen und Italienern ergibt ein für uns wenig schmeichelhaftes Bild.
Es ging um den einfachsten Weg zu Geld und Reichtum. Vier Antwortmöglichkeiten waren gegeben. Bei der Antwort "durch Ehrlichkeit" meldeten sich mit zwanzig Prozent die Italiener, ja: Italiener, während die Deutschen nur mit sechs Prozent vertreten waren. Die zweite Lösung hingegen, "mit ein bißchen Glück", bevorzugten vor allem Deutsche (21) und seltsamerweise auch Italiener (20 Prozent). "Risiken eingehen" führt ebenfalls vor allem bei den Deutschen zu Reichtum (42), und zwar weit vor den Franzosen (33 Prozent). "Durch harte Arbeit" glauben jedoch nur noch 31 Prozent der deutschen Jugendlich zu reüssieren - gegenüber erstaunlichen 54 Prozent der britischen.
Klares Fazit: Die Deutschen sind fauler als früher, aber ihre Unternehmerkultur ist ganz schön fortgeschritten. Oder so ähnlich.


Fehlstart der "Rakete"

Genaugenommen heißt das Ding von Nuvomedia ja "Rocket E-Book", wird aber von jedem einfach zu "Rocketbook" verkürzt. Aber auch damit ist das sechshundertsiebenundzwanzig Gramm schwere Lesegerät, dieser Möchtegern-Buchersatz, laut SPIEGEL kein durchschlagender Verkaufserfolg.
Nachteile: Es ist so schwer, daß man es - anders als in den Werbebroschüren abgebildet - mit beiden Händen halten muß; zum Auftanken von Texten braucht man einen Computer mit Internetzugang; es gibt keine Seitenzahlen im Display; und dann kostet das Ganze auch noch sechshundertfünfundsiebzig Mark. In den USA werden die Verkaufszahlen geheimgehalten, aber angeblich seien es nicht mehr als ein paar tausend Stück.
Nuvomedia wurde inzwischen vom Elektronikkonzern und Videorekorder-Programmierer Gemstar geschluckt. Das schraubt den Verkauf auch nicht nach oben. Die Bertelsmänner, die das Gerät in Deutschland (über BOL) vertreiben, werden es schwer haben.


Wer hat zuerst "Software" gesagt?

Fred Shapiro hat in einer Datenbank für wissenschaftliche Zeitschriftenaufsätze die bislang erste Verwendung des Wortes "Software" gefunden, in einem Artikel von John Tukey im Jahrgang 1958 des "American Mathematical Monthly". Die Belegstelle lautete: "Heute umfaßt die ‘Software' die umsichtig geplanten Interpretationsroutinen, die Compiler und andere Aspekte der automatisierten Programme, die für den modernen elektronischen Rechner mindestens so bedeutsam sind wie seine "Hardware" aus Röhren, Transistoren, Drähten, Magnetbändern und dergleichen."
Daß Tukey die beiden Wörter in Gänsefüßchen schrieb, weist darauf hin, daß er sie damals noch für neu und ungebräuchlich hielt.
In einem ganz anderen Kontext hat ein Mitarbeiter des Oxford English Dictionary das Wort entdeckt - im Jahr 1850. Damals diente das Wort ("soft-ware") den öffentlichen Müll- Aufspießern in den Londoner Parks zur Bezeichnung von kompostierfähigen Abfällen im Gegensatz zu anderen, die als "hard-ware" bezeichnet wurden.


Niemand ist vollkommen

Der angeblich perfekte Sturm in Sebastian Jungers gleichnamigem Buch und Emmerichs Film war vielleicht doch nicht so rekordverdächtig perfekt.
Jedenfalls sind einige Meteorologen der University of Washington da anderer Meinung. Ihnen zufolge war er eine harmloses Bö im Vergleich zum Columbus-Day-Sturm, der 1962 über die Westküste der USA herfiel: "Wenn Sie einen ‘perfekten Sturm' suchen im Sinne intensiver Zerstörungen - dann ist es der." Er kostete sechsundvierzig Menschen das Leben und verursachte Schäden in Höhe von zweihundertfünfunddreißig Millionen (heutigen) Dollar.
Autor Junger verteidigt sich. Es gebe vier Kategorien, die Stärke eines Sturms zu messen: Schäden, Luftdruck, Windgeschwindigkeit und Wellenhöhe. Und: "Ich habe nie behauptet, es sei der schlimmste Sturm aller Zeiten gewesen." Bei seinem Sturm, bei dem das Fischerboot "Andrea Gail" 1991 unterging, seien vor allem die Wellen ungewöhnlich hoch gewesen. Tatsächlich wurden damals die seit Beginn der Messungen höchsten Wellen gemessen, einige von ihnen glatt über dreißig Meter hoch.
Sagen wir so: Ein "vollkommener" Sturm muß ja auch nicht unbedingt der "stärkste" Sturm sein.


Herling-Grudzinski ist tot

Der polnische Schriftsteller Gustaw Herling-Grudzinski, GULag-Überlebender, Schriftsteller und Sowjetunion-Kritiker, ist mit einundachtzig Jahren am 5. Juli in Neapel gestorben.
Im März 1940 wurde er von den Sowjets verhaftet und in eines ihrer Arbeitslager gesteckt. zwei Jahre später konnte er entkommen. Am Monte Cassino kämpfte er gegen die deutsche Wehrmacht. Sein Buch "A World Apart" (in deutscher Übersetzung nicht lieferbar) interessierte lange Zeit niemanden im Westen, sagte sein Kollege Jozef Szczepanski und: "Er war der erste, der für die Opfer dieses Totalitarismus sprach."
Nach dem Krieg arbeitete er kurze Zeit für Radio Free Europe in München, bevor er 1955 Lidia Croce heiratete, die Tochter des Historikers und Philosophen Benedetto Croce, und mit ihr nach Neapel zog.
Auch ein zweites Buch von ihm, "Journal Written at Night", eine Sammlung von Essays über Literatur, Kunst und Politik, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt


Dopingskandal

Australische Sportler nehmen gewohnheitsmäßig leistungssteigernde Anabolika ein - entgegen der harten offiziellen Linie gegen Drogen im Sport. Diese gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sydney (Eröffnung 15. September) peinliche Enthüllung findet sich in einem Buch mit dem sprechenden Titel "Positiv". Der Autor ist Werner Reiterer, 32 Jahre alt, Diskuswerfer und Olypmpiateilnehmer. Ein Insider.
Insbesondere Schwimmer und Leichtathleten, schreibt er, nehmen gern menschliche Wachstumshormone, weil die in den aktuellen Dopingtests unbemerkt bleiben. Reiterer selbst hat seit 1995 acht verbotene Steroide und andere Mittel eingenommen und erst vor vier Monaten damit aufgehört. Jahr für Jahr hat ihn das zwölftausend US-Dollar gekostet.
Der Australische Schwimmverband hat die Anschuldigungen als "völlig unbegründet" und "empörend" zurückgewiesen.
Nun ja.



La Santé

Eigentlich heißt das ja "die Gesundheit", aber in dem Pariser Gefängnis dieses Namens wird vergewaltigt und selbstverstümmelt, und der Schmutz liegt zentimeterhoch. Jedenfalls liest es sich so in einem detailreichen Buch von Veronique Vasseur, einer Santé-Ärztin, und die daraufhin erstellten Kommissionsberichte - die ersten französischen Gefängnisberichte seit einhundertfünfundzwanzig Jahren - geben kaum ein schöneres Bild. Beide verlangen sofortige Reformen.
Der Bericht der Assemblé Nationale spricht von "ungeeigneten, oft unwürdigen Haftbedingungen, einem hilflosen Personal ohne Anerkennung, dem Mangel an Finanzmitteln und an klar definierten Zielen". Von den einhundertsiebenundachtzig Gefängnissen Frankreichs sind hundertacht älter als achtzig Jahre. Gebaut sind sie für 49000 Gefangene, darin untergebracht sind 52000.


Automatisches Schreiben?

"Meine Brust zittert auf und ab." Was da aus dem Online-Service www.romantische-briefe.de quillt, klingt wie unter der Eingebung wahnsinnig gewordener Textbausteine geschrieben. Dabei soll das ein Liebesbrief werden für jemand Armen, der das selber nicht hinkriegt. Und so irgendwie verquer körperbetont geht es auch noch weiter: "Das Herz schlägt wie wahnsinnig gegen die Macht, die es umklammert. Ich bekomme kaum Luft, der Hals wird mehr und mehr abgeschnürt. Gierig saugt die Lunge nach dieser lebensnotwendigen Kraft von außen. Jedes Schlucken bedeutet Qualen."
Möglicherweise hat sich da auch nur der arbeitslose Diagnose-Computer eines Internisten ein neues Tätigkeitsfeld gesucht. Und verlangt jetzt fast vierzig Mark pro Brief.

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