Nr. 25, Mai 2000
 

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 Günter de Bruyn

 H.-J. Gehrke
 Iris Ana Otto

 

 

Zustand: kritisch

Günter de Bruyn ist einer der drei oder vier großen deutschen Essayisten der Gegenwart. Der einzige Einwand, der gegen seine Prosastücke in "Deutsche Zustände" vorzubringen wäre, ist ein formaler: Die Beiträge im zweiten Teil, betitelt "Märkisch-Berlinisches", haben wenig gemeinsam mit den Beiträgen im dritten Teil, "Literarisches". Aber womöglich zielt sogar diese Verlegenheitskritik ins Leere. Denn in beiden Abteilungen geht der Autor den Fernwirkungen des Vergangenen nach, und die findet er in der Staats-Historie mit derselben Souveränität, demselben durch leicht melancholische Weisheit geschärften Blick wie in der Literaturgeschichte: "Deutsche Zustände" hier wie dort. Dann ist es nur nicht recht verständlich, warum diese Dreiteilung überhaupt vorgenommen wurde.
Gleich im Titel-Essay - über einen Schulreife-Test in den 60-er Jahren der DDR - verknüpfen sich Phantasie und Freiheit mit Politik und Zwang: Auf die Frage, ob sie etwas kenne, das fliegt, antwortet die Tochter des Autors nicht mit dem erwarteten Sputnik, sondern: "Engel". Allgemeine Verlegenheit, auch bei den Prüfern. Die Eltern lächeln, sind aber eher erschrocken, denn nun müssen sie dem Kind erstmals das Schwindeln beibringen, die Verstellung. Die Alternativen sind nur Märtyrer und Held. Dann aber beginnt de Bruyn erst seine Untersuchung der tieferen Seelenlagen:

Dieses Denkmodell von Erziehungsproblemen in Diktaturen, das in den Sekunden, in denen der Engel alle zum Schweigen gebracht hatte, entworfen wurde, war zwar prinzipiell richtig, dadurch aber, daß es nur die Extreme bedachte, vom wirklichen Leben entfernt. Es gab nämlich nicht nur das Aufgeben oder Festhalten, das Sich Treu-Bleiben oder Anpassen, sondern auch, was weitaus häufiger war, viele Mittelwege, darunter vor allem den der Scheinanpassung, bei der man das Eigne dadurch bewahrte, daß man es nur in den eignen vier Wänden verlautbarte, draußen aber, wo man wie ein anderer lebte, es schweigen hieß.

Man muß, sagt der Autor, sich "so genau und so ehrlich wie möglich erinnern", wenn man sich anderen - hier: den Westdeutschen - begreiflich machen will. Erinnerung aber bitte nicht nur an die Diktatur des DDR-Regimes, "sondern auch an die im Westen weitverbreitete Meinung, daß man sich abfinden müsse mit der Teilung", einer, fügen wir gern hinzu, durchaus parteiübergreifenden Meinung. Und wir werden, sagt de Bruyn, noch eine ganze Weile an unsere diversen Vergangenheiten, "ans problematische Nationale gebunden sein, ob uns das gefällt oder nicht".
Es folgen kleinere Beiträge über das Toleranzedikt Friedrichs des Großen von 1685, den ersten Brandenburgischen Landtag von 1946, das ruinierte Postdam, eine "politische" Architekturgeschichte Berlins, Kriegsgräber und zuletzt über die notwendige Denkmalpflege zwischen den Zwängen der Wirtschaftslage und der Kulturgeschichte:

Bedenken aber sollte man, daß sich die Begründung von Denkmalerhaltung niemals mit Hinweisen auf wirtschaftliche Vorteile oder auch auf Lebensqualitäten erschöpft. Um dieser Kulturaufgabe gerecht zu werden, müssen auch andere als auf gegenwärtigen Nutzen zielende Gründe berücksichtigt werden, die einer auf materiellen Wohlstand orientierten Gesellschaft nicht so eingängig sind. Ich meine damit so Unzeitgemäßes wie Pflicht, Ehrfurcht, Verantwortung oder auch (man verzeihe das altmodische Wort) Pietät. Sollten diese in Zahlen nicht faßbaren Werte, die heute nur selten vermittelt werden, tatsächlich im Sterben liegen, kämen wir einer hochtechnisierten Barbarei näher, und mehr müßte dann zu Grabe getragen werden als nur der Denkmalschutz.

Im dritten Teil "Literarisches" beschäftigt sich de Bruyn mit der Freude am Lesen (von Lyrik), dann vor allem mit Theodor Fontane, den er gegen eine schnelle parteipolitische Vereinnahmung in Schutz nimmt, und zum Schluß mit Heinrich Böll ("Über Böll, das Geschwätz und das Schweigen"):

In einer Unterhaltungssendung des Fernsehens, die den Absatz von Büchern fördert und Nicht-Leser unter den Zuschauern zum Mitreden in literarischen Fragen befähigt, war kürzlich von einem Buch die Rede, das man, vor allem fehlender Indiskretionen wegen, für eine gänzlich verunglückte Hervorbringung hielt. Vierstimmig, mit Variationen und verhaltenen Gegentönen, fand man das Buch überflüssig und langweilig.

Wie "konnte das Unglück geschehen"? Dadurch, daß "der langweilende Autor, nach eigener Aussage, Heinrich Böll verehrt hatte". "Vor Böll kniet er nieder!" rief also der Zweite mit spöttisch erhobener Stimme, sich aus dem Sessel erhebend und den Zeigefinger anklagend zum Himmel reckend." Worauf der Autor seine eigenen Lese-Erziehung beschreibt, die in eine Würdigung des TV-Geschmähten mündet:

Lesen gelernt im buchstäblichen Sinne habe ich als Kind an Karl Mays Romanen; an Böll aber habe ich als junger Mann erst so richtig begriffen, wie die Bücher mit den Erlebnissen und Erfahrungen, mit politischen Ansichten und historischen Situationen zusammenhängen; und bei beiden Autoren, denen ich noch einige weitere hinzufügen könnte, haben die Kunstfehler, die beide (natürlich in kaum vergleichbarer Weise und Stärke) aufweisen, den Genuß an ihnen, ohne welchen weder der Lernprozeß noch die Lebenshilfe möglich gewesen wären, in keiner Weise gestört, ja, ich habe sie kaum bemerkt.

Böll wird uns, sagt der Autor voraus, als einer in Erinnerung bleiben, von dem "die Würde und das Mitleid ausgehen - als einzige Chance für eine menschliche, halbwegs bewohnbare Welt".
Günter de Bruyns Blick auf die deutsche Gegenwart ist mitfühlend, nie bitter oder jammernd, ohne leichtfertige Verdammung, immer hellsichtig und abwägend. Er ist einer der wenigen deutschen Autoren, die nicht mit einem Ein-Punkt-Programm zu beschreiben sind; er beweist vielmehr in jedem seiner Essays eine harmonische Ausgewogenheit in Frage und Antwort, Distanz und Nähe, kritischem Urteil und menschlicher Zuneigung. Wenn der Leser aus dieser Prosa der klugen Nachdenklichkeit zurückkommt, hält er das drohende Chaos plötzlich wieder für aufhaltbar und die scheinbar schon in Gang befindliche Brutalisierung der Welt für vielleicht doch keine beschlossene Sache.
Gibt es eine dankbarere Lektüre?

Christian Meyers

Günter de Bruyn
Deutsche Zustände. Über Erinnerungen und Tatsachen, Heimat und Literatur. Fotos von Barbara Klemm
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999
15 x 23 Zentimeter, 279 Seiten
DM 44,--, öS 321, sFr 41,--

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