Nr. 24, April 2000

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Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 

Zu diesem Thema ("Hyperfiction", "Netzliteratur") würde uns Ihre Meinung mehr als sonst interessieren.

Interview mit Privatdozent Dr. habil. Andreas Schumann,
Literaturwissenschaftler, Universität München

Ist "Netzliteratur" eigentlich ein zutreffender Terminus für den Gegenstand unseres Gesprächs?
Die Nomenklatur ist hier in der Tat eine schwierige Angelegenheit. Wir müssen nämlich deutlich unterscheiden zwischen einerseits der einfach ins Netz gestellten Literatur und andererseits Projekten, die Literatur für das Netz produzieren und versuchen, mit den medialen Möglichkeiten des Netzes zu spielen. Diese Literatur sollte dann natürlich ganz anders aussehen als das, was wir uns zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt vorstellen.
In unserem Seminar haben wir uns darauf geeinigt, einen Terminus aus dem Englischen zu entlehnen, und zwar Hyperfiction. Er verknüpft zwei zentrale Begriffe miteinander: die Hyper-Links und das Fiktionale. Wir konnten uns auch auf den Terminus Netzliteratur verständigen, allerdings mit der zusätzlichen Bedingung, daß diese "Werke" (wieder ein klärungsbedürftiger Begriff) in der Idealvorstellung nur im Netz, also nur online funktionieren können.

Was gehört zu den wesentlichen Eigenschaften einer Hyperfiction?
Die Diskussion, die über diese Frage seit einigen Jahren im Netz läuft, hat eine zentrale Kategorie entwickelt: die Nicht-Linearität. Also gerade nicht ein Buch, das man auf der ersten Seite anfängt und zur letzten Seite weiterliest. Ein Hypertext ist dadurch strukturiert, daß er an verschiedenen Stellen mit einem Link einen Einstieg bietet auf einen ganz anderen Handlungsstrang, eine andere "Seite", auf einen Bildbereich, auf andere Figuren und so weiter. Der Text macht also durch seine "Verlinkung" mehrere Lesarten möglich.
Eine zweite Kategorie - an der eine gewisse Spielfreude der Produzenten erkennbar wird - ist natürlich die Multimedialität, also das Zusammenspiel aus Text, Bildern, bewegten Bildern, grafischen und akustischen Elementen, überhaupt die Möglichkeit, unterschiedliche Äußerungsformen ästhetischer Art miteinander zu verknüpfen.

Gehört zu den Kennzeichen dieser Textsorte auch etwas, was mir vor kurzem begegnete, nämlich eine sogenannte "Navigationspflicht" des Lesers, also die Verpflichtung, die angegebenen Links anzuklicken?
Ich muß sagen: So etwas ist in meinen Augen eine starke Selbststilisierung der Protagonisten. Denn selbstverständlich habe ich die Freiheit, einen Link anzuklicken oder nicht, ebenso wie der Leser eines Buches die Freiheit hat, umzublättern oder nicht.

Ist mit der spielerisch genannten Multimedialität die Erwartung verbunden, daß damit auch diskussionswürdige Inhalte produziert werden?
Also, die zwanghafte Suche nach literarischen Inhalten erinnert mich immer ein bißchen an das Literarische Quartett: "Ein großer deutscher Roman - aber hat er uns was zu erzählen? Er erzählt uns ja nichts!" Aber im Ernst: Es sind durchaus erwähnenswerte Inhalte im Netz entstanden, die sich gerade durch ihre neue Ästhetik auszeichnen. Vielleicht bewegt sich etwa die Hälfte aller neuen - vor allem spielerischen - Produktionen allenfalls auf einem Gag-Level. Aber es gibt tatsächlich erstzunehmende Inhalte, die sich etwa mit historischer Aufklärung befassen, zum Beispiel das Projekt von Sabine Axthelm mit dem Titel "Unter dem Pflaster", über das Ende des Zweiten Weltkriegs, erlebt von Menschen in der unterirdischen Kanalisation von Berlin.
Dann - eine weitere Ausdrucksform, die wir nicht vergessen sollten - die Forderung mancher Netzliteraten nach kollaborativen Texten. Das Projekt "Tango" ist ein Beispiel dafür: Auf einem gesplitteten Bildschirm hat jeder Autor seinen Arbeitsbereich, sozusagen sein Eckchen, und reagiert während des Schreibens auf die Arbeit der anderen, wobei die Bildschirmbereiche mehrfach untereinander verlinkt sind.


Gibt es nun Wege, auf denen man auch zu so etwas wie Qualitätskriterien dieser Hyperfiction zu kommen versucht?
Ich bin zu sehr Literaturwissenschaftler (mit der Betonung auf Wissenschaft), um nicht meine grundsätzlichen Probleme mit der Bewertung von Literatur zu haben. Wir haben bei der Arbeit im Seminar beobachtet, daß man sich bei der Findung solcher Kriterien sehr schnell im Kreis dreht. Der zirkuläre Vorgang, nur die vorgegebenen Kriterien anzuwenden (also etwa: Ist der Text multimedial?), läßt mich natürlich als Wissenschaftler unbefriedigt.
Ein anderer Weg, wie man sich Wertungskriterien schaffen könnte, wäre der Weg über eine sogenannte Gattungstypologie, also etwa: Wie sieht ein interaktives Online-Drama aus? So etwas gibt es bereits. Man kann hierbei die Rollen-Liste verlangen und dann sagen: Ich möchte gern den dritten Knappen links hinten spielen, und das geschieht dann mit frei verwendbaren Textstücken. Letztendlich ist das eine Art strukturierter Chat.
Eine andere Frage in dieser Richtung ist: Schafft die Multimedialität neue Gattungen? Gibt es etwa die Mischung aus einer Parabel und einem Zeichentrickfilm - etwas, das wir tatsächlich mit einem neuen Gattungsbegriff belegen müßten.
Insgesamt scheint mir, die Hyperfiction ist noch zu jung, um für eigenständige Formen eigenständige Begriffe zu haben.
Ein ganz anderer Weg zur Findung von Wertungskriterien ist die Suche nach einem Kanon, also nach einer Gruppe von Texten, die immer wieder als wegweisend, als zentral bezeichnet werden. Solche Texte sind heute bereits zu finden. Anhand solcher kanonischer oder auch Großväter-Texte wird dann entschieden, ob ein bestimmter neuer Text "gut" oder "besser" ist oder die Multimedialität besser verwirklicht als frühere.

Glauben Sie wirklich, daß Hyperfiction neue Gattungen schaffen kann? Gattungen haben sich doch im Lauf der Literaturgeschichte als verhältnismäßig resistent gegen neue Medien gezeigt.
Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel geben: "noise 99" von Oliver Gassner. Es ist ein nicht- interaktiver Text, der in vier farblich verschieden unterlegten Quadraten abläuft. Rechts unten sieht man auf schwarzem Hintergrund drei oder mehr weiße Punkte - das ist das Feld zum Ausruhen für die Augen. Im Feld links oben läuft ein dialogisch aufgebauter Roman ab, im Feld darunter findet sich eine literaturästhetische Debatte über das, was im Romantext darüber gerade abläuft, und rechts oben stehen verschiedene persönliche Bemerkungen des Verfassers zu dem, was in den beiden linken Feldern gerade vor sich geht. Alle Felder wechseln ihre Inhalte in nachvollziehbarer Geschwindigkeit, aber in einer nicht sofort zu knackenden Kohärenz.
Die Kombination dieser - hier vielleicht noch traditionellen - Felderinhalte hat ihren ästhetischen Reiz, und es wäre schwer, dieser Form einen zutreffenden Gattungsnamen zu geben.
Auch "orkus" von Claudia Klinger ist ein sehr schönes Beispiel. Ein sehr bildgestützter Text, eine Ichverlust-Geschichte. Mit dem letzten Bildschirm landet man schließlich in einer der kommerziellen Suchmaschinen. Das ist in meinem Verständnis ein Projekt, das die Möglichkeiten des Mediums perfekt und auf neuartige Weise ausnützt. Und eine neue Form, für die ich noch keinen Begriff habe.

Damit haben wir allerdings noch immer keine Qualitätskriterien im strengen Sinn.
Die Frage nach der Qualität stellt sich mir immer mit der Nach-Frage: für was und für wen? Qualität ist in meinem Verständnis also sehr stark ein Anwendungs- und Adäquatheitskriterium. Bei einer Frage nach der Qualität von Hyperfiction im Gesamtkonvolut der großen kulturellen und literarischen Traditionen der letzten zwei- oder siebentausend Jahre bin ich im Zweifel, ob der Anspruch tatsächlich so weit gehen muß - ob also für die Hyperfiction-Produzierenden und -Diskutierenden diese Höhenkamm-Orientierung richtig gefragt ist.

Obwohl Sie im Gespräch über Hyperfiction vielleicht doch manchmal Werturteile treffen, wenn Sie etwa sagen: Das oder das ist schön gemacht.
Solche Bewertungen nehme ich zweifellos vor.

Sind das nun Urteile auf Grund von Kriterien, die sich aus den neuen Ausdrucksformen ergeben, oder solche Urteile, mit denen wir schon immer gearbeitet haben?
Zunächst sind Urteile wie "schön gemacht" eine subjektive Wahrnehmung. Es liegt also etwas vor, was das Auge anspricht - auch selbst auf schockierende Weise. Es ist etwas wahrnehmbar, was den eigenständigen Charakter eines Objektes erkennbar macht, was den Betrachter emphatisch berührt.
Aber noch einmal: Die Frage, die sich für mich bei einem beliebigen Werk stellt, lautet: Ist dieses Werk innerhalb seiner Zeit und seiner Bezugssysteme funktional? Was dann zu völlig anderen Antworten führt. Da ist dann, ein extremes Beispiel, ein Text von Konsalik in seiner Zeit womöglich in höherem Maß funktional als ein hochkomplexer Text von, sagen wir, Günter Eich. Das macht aber auch die Diskussion über Hyperfiction so interessant: Dieses Phänomen hat heute, in unserer Zeit, seine Funktion.

Liegt es dann sozusagen an der anderen Herkunftsgeneration der Wochenzeitung "Die ZEIT", wenn dort lebhaft über "Pegasus"-Preis und Netzliteratur diskutiert, aber gleichzeitig das Fehlen strenger Qualitätskriterien beklagt wird?
Flapsig ausgedrückt: Natürlich möchte die gute, alte Tante "ZEIT" auf der Höhe ihrer selbst, sprich: der Zeit, bleiben und sie schaut mit großen, neugierigen Augen auf diese neuen Medien, findet sie spannend und bunt und neu - und dann kommt sie doch plötzlich mit diesen Qualitätskriterien daher. Also das ist im Sinne meines Adäquatheitskriteriums bestimmt nicht adäquat.
Sehen Sie, es hat sich hier, bei den Produzierenden von Hyperfiction, etwas Entscheidendes verändert. Diese Menschen nehmen sich selbst zwar durchaus ernst, aber es ist zu beobachten, daß die Hinwendung zu den Nutzern eine höhere Bedeutung hat als etwa bei einem Roman aus dem Jahr 1924. Damals war der Leser eigentlich irrelevant. Und der Roman wurde von einer Schar von Eingeweihten - über manche intellektuellen Geplänkel hinweg - zum Kunstwerk erklärt.

Hängt mit dieser deutlicheren Hinwendung zum Nutzer nicht auch eine geänderte Auffassung von "Werk" zusammen?
Natürlich. Der traditionelle Werk-Begriff hat etwas sehr Ausschließendes. Die herkömmlichen Forderungen lauten hier "Abgeschlossenheit" oder auch "Konsistenz". Dieser Werk-Begriff impliziert etwas Singuläres. Das ist aber spätestens seit der Einführung der Schnelldruckpresse ziemlich problematisch geworden - und mit dem Internet erst recht.
Die Frage läßt sich auch so stellen: Gibt es überhaupt noch das Interesse, den Willen, so etwas wie ein singuläres, in sich abgeschlossenes, leuchtendes Einzelwerk zu schaffen? Oder auch: Wie würde sich die Techno-Generation ausdrücken - ein gemeinsamer großer Fluß des Wohlbefindens, in dem alle mitspielen können? Das ergibt völlig neue Kategorisierungen. Und die oben erwähnten Nomenklatur-Probleme: Was ist es denn, wenn es kein "Werk" mehr ist? Aber klar ist auch: Die jüngere Generation hat hier ein Ausdrucksmittel, das sie freudig benützt. Wir stehen mitten in einem noch gar nicht abgeschlossenen Prozeß.


Welche Zukunftserwartung für diese Ausdrucksmöglichkeiten bringt Sie zu der wohl nicht nur beruflichen, sondern auch persönlichen Gewißheit, daß sich die Beschäftigung damit lohnt?
Ganz privat dazu kann ich sagen: Ich bin von diesen Dingen fasziniert, wie ich überhaupt von jeder schönen Verknüpfung unterschiedlicher Ausdrucksformen fasziniert bin. Und daß man unterhalten werden möchte, ist eine Sache, die man auch als Wissenschaftler nicht aus den Augen verlieren sollte.
Ich finde, das Ganze ist ein spannendes, ein sehr schnelles, optisch eindrucksvolles Medium. Eine Art intellektueller Quickie, den man sich zwischen zwei Suchmaschinenseiten im Internet mal geben kann. Also ganz sicher ein Faszinosum des Neuen, ein Faszinosum vor allem der Bildlichkeit.
Dann ist es natürlich von Interesse für mich, zu sehen, mit welchen Themen und Ausdrucksformen sich meine Zeit- und Altersgenossen beschäftigen. Und es hat etwas Beruhigendes für mich, wenn ich sehe, daß dieses komische Ding Internet nicht nur für irgendwelchen Blödsinn gut ist, sondern noch zu etwas anderem. Das gibt mir dann auch ein Stück meines Technik-Optimismus zurück.


Lassen Sie uns Ihre Meinung dazu wissen? Ist Hyperfiction nun ein ernstzunehmender Gegenstand oder nur die ergebnislose Spielerei einiger Computerfreaks? Lesen Sie dazu vielleicht auch einen unserer Texte, die wir nicht verstehen.

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