Nr. 22, Februar 2000
 
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Kommentar

Gastkolumnen:
G. St. Troller
H. Hentschel


 

 

Georg Stefan Troller

Brief aus Paris

Was macht französische Bestseller? Zwei Voraussetzungen scheinen von zeitloser Aktualität. Im belletristischen Bereich, daß der Autor einen der großen literarischen Preise gewinnt, die alljährlich von angeblich unabhängigen Jurys vergeben werden. Und im Bereich des Sachbuches, daß die Autoren (meist wird es ein Gespann von zwei oder mehr sein) der Leserschaft in Aussicht stellen, die verborgenen Geheimnisse dieser oder jener - meist politischen - Elite oder Organisation zu verraten, möglichst mit der Nennung berühmter und bisher unbescholtener Namen. Denn daß jede irgendwie bedeutsame Entscheidung in diesem Lande unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet, ja diese durch allerlei üble Tricks und Durchstechereien um ihr sauer Erworbenes zu bringen sucht, davon ist jeder Franzose zutieft überzeugt. Und daß jeder französische Journalist, je informierter er ist, desto weniger von seiner Information dem Publikum preisgibt (weil er sie nämlich anderweitig fruchtbringender an den Mann bringen kann), gehört zu den Allerweltsweisheiten.
In dieser Saison trägt das entsprechende Enthüllungswerk den durchschlagenden Titel "Die französische Omertà", frei nach dem Schweigegebot der italienischen Mafia. Und was hat Autorin Sophie Coignard - selbst Journalistin bei der Zeitschrift Le Point und mit ihrem Co-Autor Wickham schon vor zwanzig Jahren Verfasserin einer ähnlichen gelagerten "Französischen Nomenklatur" - nicht alles zu verraten über die nie ganz durchleuchteten Finanzaffären von Präsident Chirac (Präsidenten dürfen nicht angeklagt werden) und Paris- Bürgermeister Tiberi (dessen Ehegatting einen Phantomposten im Rathaus innehatte), von dem ehemaligen Kulturminister Jacques Lang mit seinen zweifelhaften Lieblingsprojekten und dem als PPDA bekannten Fernsehjournalisten Poivre d'Avoir, der so gern auf fremde Kosten durch die Welt jettet.
Daß die französische "classe politique" zu den bestechungsanfälligsten und daher verschwiegensten aller westlichen Demokratien gehört (aber welche wäre letztlich davon ausgenommen?), zeigt sich besonders im hiesigen Polizeiwesen, und vor allem den Aktivitäten der diversen - und einander bekämpfenden - Geheimpolizeien. Über die gefährlichste von ihnen, die DST, ist auch soeben ein Enthüllungsbuch erschienen, dessen Autoren die bekannten Spionagespezialisten Faligot und Krop sind. Wiederum ein Bestseller, denn welchen wahren Franzosen interessierte es nicht, wie es gelang, den Terroristen Carlos dingfest zu machen oder den französischen Diplomaten, der sich in einen als Frau verkleidetem chinesischen Spion ("Mister Butterfly") verliebt hatte. Nicht zu reden von der Blamage, dabei erwischt zu werden, wie man in den Redaktionsräumen des allzugut informierten Witzblattes "Le Canard Enchainé" staatliche Wanzen legt.
Was die erwähnten belletristischen Literaturpreise angeht, so haben sich diesmal die Jurys an Komik selbst übertroffen. Traditionell wird ja der wichtigste Preis, der "Goncourt", der normalerweise mehrere Hunderttausend abgesetzte Exemplare garantiert, Ende November verliehen, gefolgt von den weniger bedeutenden "Fémina" und "Médicis". Diese Zwei haben sich aber seit einigen Jahren zeitlich vor den Goncourt geschoben, krönen ihrerseits die zwei besten Romane der Saison und lassen dem klassischen Goncourt damit nur mehr die zweite Wahl. Ein Goncourt-verdächtiger Autor bzw. sein Verlag muß demnach alles unternehmen, um die schwächeren Preise nicht zu erhalten und sich für den Goncourt aufzusparen. Welcher nun seinerseits dazu übergegangen ist, seine Wohl vorzuziehen und sie schon vor dem entscheidenden altberühmten Lunch im Restaurant Drouand bekanntzugeben.
Ein nicht weniger französischer Kulturkrieg ist der kürzlich ausgebrochene Zank zwischen den Filmregisseuren des Landes und seinen Filmkritikern. Fankreich ist ja nach wie vor ein bedeutsames Filmland - wo sonst als in Paris bzw. Hollywood sähe man heute noch lange Schlangen vor den Premierenkinos? Denn wer hier nicht das Neueste zu diskutieren weiß - und möglichst dessen nur Eingeweihten bekannten Hintergründe - hat in französischen Gesellschaften nichts zu melden. Finanziell beruht die hiesige Filmindustrie, die ihre Produktion in den letzten vier Jahren immerhon von 97 auf 148 Filme jährlich steigern konnte, auf der Vorschrift, daß vierzig Prozent aller im Fernsehen gezeigten Filme einheimische sein müssen. Leider ist im gleichen Zeitraum der französische Marktanteil von 35 auf 27 Prozent gefallen, der amerikanische von 54 auf 63 gestiegen. An die sechzig französischen Filmregisseure, angeführt von Altmeister Betrand Tavernier, geben für diesen Rückgang den einheimischen Filmkritikern die Schuld, insbesondere dem "Bermuda- Dreieck" der drei intellektuellen Blätter Libération, Le Monde und Télérama. "Mord mit Vorbedacht" sollen diese regelmäßig am heimischen Film begehen, und dagegen wollen jetzt die Regisseure u.a. mit Handzetteln vorgehen, die an die Warteschlagen der Kinos zu verteilen sind. "Zensur aus patriotischen Gründen" nennt das Libération mit Recht.
Doch was sind alle diese Stürme im Wasserglas, verglichen mit dem Hauptanliegen des französischen Gemüts: dem guten Essen!
Daß Frankreich (wie übrigens auch Deutschland, aber wer redet davon?) den Import britischen Rindfleisches auch gegen den Ukas eines europäischen Gerichtsverfahrens verweigert, hat der Regierung Jospin gewiß ebensoviele Stimmen eingetragen wie der Tschetschenien-Krieg der Regierung Putin. Kälberhormone, Rinderkrankheit, transgenetischer Mais und dergleichen sind den bislang so supermarktfrommen Franzosen nunmehr ein Gräuel, und schon gibt es ein Wort dafür, "Malbouffe", schlechter Fraß. Auf einmal sind die Franzosen, die sich so gern als traditionelles Bauernland sehen - auch wenn die Anzahl der "agriculteurs" seit dem Krieg von 25 auf 5 Prozent geschrumpft ist - und die zum Teil immer noch der Traumvorstellung erliegen, nach der Rente "eine Schafzucht im Süden" aufzumachen, zur Realität der Dinge erwacht. Nämlich daß ihre staatlich subventionierte Landwirtschaft längst von chemischen Zutaten durchsetzt ist - während die aus Deutschland und den USA importierte Gegenbewegung der Bio-Bauern noch in den Kinderschuhen steckt. Der Importstopp gegen die Briten ist Teil einer Protestbewegung, die sich nicht nur gegen verseuchte und gesundheitsschädigende Nahrungsmittel richtet, sondern vielleicht noch mehr dagegen, daß diese nach nichts mehr schecken. Immer beliebter bei den versierten Käufern werden jetzt die "labels", Etiketten, auf denen uns - vermutlich nicht ganz wahrheitsgemäß - versichert wird, daß ein Huhn "mit Körnerfutter im Freien" oder gar ein Halb "unter dem Muttertier" aufgezogen wurde. Daß dies sich im Preis niederschlägt, dürfte bei den gastronomiefreudigen Franzosen auf die Dauer kein Hindernis sein.
Zum Schluß ist noch auf eine kleine Pariser Ausstellung hinzuweisen, die, im Musée d'Orsay fast unzugänglich versteckt, das Lebenswerk des van-Gogh-Bruders und Bilderhändlers Theo beleuchtet. Hier zu sehen in tragikomischem Kontrast die - gewiß wohlgemeinten - Salonschinken, die er manchmal am selben Tag für 10 000 Francs erstand und für 20 000 Francs an einen amerikanischen Sammler weiterverkaufte. Und der Dauerkampf, für "seine" Impressionisten, darunter Degas und Monet, mehr als ein paar Tausend herauszuschinden. Gar nicht zu reden von Gauguin, der nie mehr als 300, und dem genialen Bruder, der - und das nur ein einziges Mal - die 100 Francs erreichte. Bei dem vergeblichen Versuch, des Bruders Gesamtwerk nach dessen Tod auszustellen, ist der abgekämpfte Theo dann seinerseits auch gestorben. Gezeigt werden nicht nur die kaum verkäuflichen modernen Bilder, die von ihm gegen den Willen seiner Chefs angekauft wurden - darunter veritable Meisterwerke - sondern auch seine niederdrückende Korrespondenz mit den oft undankbaren Malerklienten. Den Abschluß bildet ein Brief von Pissarro nach Theos frühzeitigem Abgang: "Endlich ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Anerkennung der wahren Kunst beseitigt, ein Mann, der sich auf solche Machwerke wie die seines Bruders einließ und dafür uns Könner vernachlässigte!"

Ihr Kommentar

 

Henky Hentschel

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Die Nächte hier werden härter. Unter anderem hat das mit den Temperaturen zu tun. Fünfzehn Grad plus in Havanna fühlen sich ungefähr so an wie drei Grad minus in München. Weil der Wind unsereinem nämlich ins Gesicht bläst. Die Bullen haben schwarze Jacken aus Kunstleder und kein Gesicht, also hat der Wind bei denen keine Chance. Im Gegenzug fangen sie uns die Mädels weg. Wenn die mit einem Ausländer drei Worte wechseln, dürfen sie in der Grünen Minna (die hier wie die Titelheldin der letzten brailianischen TV-Schnulze von ein paar hundert Fortsetzungen "Die Möwe" heißt) auf die Wache fahren. Da bekommen sie unter anderem eine Verwarnung. Die dritte Verwarnung bringt zwei oder drei Jahre Knast. Da die Bullen nichts anderes zu tun haben, ihnen im Gegensatz zu uns keinerlei Wind ins Gesicht bläst und die Mulattinnen Havannas selbst den polizeilichen Mulatten Havannas gefallen, werden die Nächte härter.
Die Nächte hier werden also härter. Die meisten Berufsausländer sind in diesen Tagen damit beschäftigt, silvestrige Häuser für millennarische Orgien zu mieten. Woher das Eis kommen soll, die Servietten und die Musik, darüber werden sie dann im nächsten Jahrtausend nachdenken. Ein Ex-Schiffs-Kapitän sagte mir: "Ich werde vier Personen und zwanzig Mädchen einladen." Meine Frage nach dem Unterschied zwischen Personen und Mädchen verstand er nicht. Zum Glück weiß man ja, daß der Machismo eine Erfindung der Lateinamerikaner ist. Die ihn auch als einzige ordnungsgemäß praktizieren. Europäische Deppen wie wir tun sich da immer noch schwer auf dieser Party, aber die Damen, die noch nicht verhaftet sind, geben mit dem Salz ihres Achselschweißes die Würze in den gesamteuropäischen Beischlafdilettantismus - so lange, bis sie entweder weg vom Fenster oder unter der Haube sind.
Die Nächte hier werden also härter. Eigentlich sind sie ja alle nette Leute, die Bullen, die Mädels, die Berufsficker und die jeweiligen Zulieferer. Aber immer wieder sticht jemanden der Hafer. Der hat im tropikalen Sozialismus eigentlich Stechverbot, aber das ist ihm wurscht. "Leberwurscht!" sagte der Kapitän. "Für meine Orgie hab ich Leberwurscht!"
Aber auch die Tage hier werden härter, weil das Land nämlich den Buben Elián beansprucht und viele demonstrieren müssen (was hierzulande gewöhnlich in eine Party mit Tanz, Musik und Gesang ausartet), falls sie vorher die Erlaubnis dafür erhalten haben. Abgesehen von Jesus Christus hat wohl kaum ein Kind irgendwo auf der Welt einen derartigen Wirbel ausgelöst wie der sechsjährigr Elián González hier in Cuba. Den fanden Fischer auf hohem Meer, nachdem er sich weiß Gott wie viele Stunden an einem Reifenschlauch festgehalten hatte, während seine Mutter, sein Stiefvater und zehn weitere Cubaner, die illegal ausreisen wollten, ertranken. Die Fischer brachten das Kind nach Miami. Dort kam es erst ins Krankenhaus, und dann überreichten die Behörden es seinem Großonkel. Der hat es jetzt und rückt es nicht mehr heraus. Jesse Helms, der Mitverfasser des berüchtigten Helms-Burton- Gesetzes, prüft die Chancen, dem Buben die US-Staatsbürgerschaft zu geben. Die Castro-Gegner in Miami wollen ihm "politisches Asyl" verschaffen und wickeln ihn in das Sternenbanner ein, und in Disneyland haben sie ihn ausgerechnet in ein Boot gesetzt, was ihm verständlicherweise gar nicht gefiel. Seither laufen die Propagandamaschinen auf Hochtouren - hüben wie drüben. Fidel Castro hat versprochen, Himmel und - nein, nicht Hölle, aber Erde in Bewegung zu setzen, damit der Junge wieder nach Hause zu seinem Vater kommt, der ihn nach offiziellen Aussagen innig liebt.
Die US-Regierung schweigt wie immer, wenn sie einen Vertrag bricht, was dort seit Jahrhunderten Gewohnheitsrecht ist - fragt die Indianer! In diesem Fall handelt es sich um ein Abkommen mit Cuba, in dem Washington sich 1994 verpflichtet hat, illegal ausreisende Cubaner zurück nach Hause zu bringen. Bisher hat das auch geklappt, aber Elián ist offensichtlich so wertvoll, daß auch das Abkommen nicht mehr zählt. Die Cubaner demonstrieren also, oder sie laufen an der amerikanischen Interessenvertretung vorbei und fordern die Freilassung von Elián, und eines schönen Tages kamen statt dreihunderttausend eine halbe Million. Der Boss hatte aber gar keine halbe Million bestellt, er ärgerte sich, und seither braucht man zum Demonstrieren eine Einladung. Wer die hat, darf freiwillig mitmachen. Dazu gekommt er ein T-Shirt mit dem Kopf und den traurigen Augen von Elián. Auf der anderen Seite der Straße von Florida muß sich der Bub fotografieren lassen und vor laufenden Kameras erklären, er sei jetzt ein Pilot der "Rettenden Brüder", die, wie man weiß, vor allem die eigene Haut retten. So ist das mit der Politik, ätzend, und deshalb kein weiteres Wort mehr über diese Hure.
Die Tage und die Nächte hier werden also härter, und zum Teil habe ich das mir selbst zuzuschreiben. Da macht einer jahrelang Reklame für Cuba, und dann ist es so weit, daß die Deutschen massiv kommen, und in meiner Stammkneipe kriege ich keinen Stehplatz mehr. Jetzt baue ich die nächste auf, die nämlich noch keiner kennt: "Two Brothers", am Hafen gegenüber dem Zollgebäude. Da sind noch Plätze frei.

Ihr Kommentar


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