Nr. 21, Januar 2000
 
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 Jorge Semprún
 Chicago
 Zeitgeschichte

 

 

Die sprechenden Narben

Jorge Semprún ist Europäer, heimatvertrieben, weise, belesen, Schriftsteller und Politiker und dann auch noch KZ-Überlebender. Menschen wie ihn gibt es nicht mehr viele.
In seine Kindheit und Jugend zurückblickend, sagt er von sich: "Ich habe mit den Philosophen immer Glück gehabt. Übrigens auch mit den Dichtern. Immer habe ich genau den Dichter oder Philosophen - manchmal beider zugleich - entdeckt, den ich in Zeiten der Krise oder der Ungewißheit brauchte."
Das ist ein wenig zu freundlich, zu bescheiden formuliert. Es gab Augenblicke, Wendepunkte, Katastrophen in seinem Leben, da mußte er ganz ohne philosophisch- dichterische Hilfe auskommen. Eine eher harmlose, den kleinen Jungen aber tief verstörende Szene beschreibt er gleich zu Anfang der "Kurzen Sommer", als er ins Internat eingeliefert wird, zu den Nonnen, die seinen Koffer untersuchen:

Die ältere der Nonnen aus der Wäschekammer, diejenige, die die Inspektion des für jeden Internen vorgeschriebenen Gepäcks leitete, legte die Unterhose auf die Theke, die uns trennte. Sie wartete darauf, dass die jüngere ein weiteres Wäschestück aus meinem Koffer nahm, der offen auf der langen Fläche aus polierten, gewachstem, sich sanft anfühlendem Holz stand.
Ich habe sie aus Leibeskräften verabscheut, ganz plötzlich.

Wir sind im Jahr 1939, und der Junge "war fünfzehn, als der spanische Krieg verloren war." Der Vater, Auslandsvertreter der jungen Republik Spanien, ist nach dem Sieg der Franco- Truppen in Holland gestrandet und hat seinen Sohn ins Internat nach Paris gebracht. Schon hier, auf den ersten zwei Seiten von Semprúns Erinnerungen, sind die beiden Stränge - persönliche Erlebnisse und politische Entwicklungslinien - ineinandergeflochten. Die frühe Verletzung geschieht ihm zweifach: durch die Inspektion der Unterwäsche und durch den Verlust des Heimatlandes an das Franco-Regime.
Der Fall von Madrid und die Kapitulation "verwundet" ihm das Herz. Er sieht, aus dem Kino kommend, an einem Baum eine Zeitung mit der fatalen Nachricht, und die Erschütterung zeigt sich - am Zitieren von Gedichtzeilen aus der Muttersprache:

Und da kam es mir so vor, als sei der im feinen hartnäckigen Frühlingsregen sich ausbreitende graue feuchte Fleck auf den angeschlagenen Zeitungsblatt eine visuelle Metapher, die auf seltsame Weise zu meinen Gefühlen paßte. Als ob das angstvolle Unbehagen, die Übelkeit, die körperliche Traurigkeit, die ich empfand, sich in den aufgelösten, aufgeweichten Fasern meines Körpers, in der trostlosen Landschaft meiner Seele ebenso ausbreiteten wie der feuchte Fleck auf jenem Zeitungsblatt.
Ich blieb im Regen stehen, sehr lange, wir mir scheint: elend.
¿No oyes caer las gotas de mi melancolía?
Ich sagte mir nicht mehr Gedichte von Baudelaire auf. Eine lange dunstige Ungewißheit von mir abschüttelnd, habe ich mich dabei ertappt, wie ich leise ein Sonett von Rubén Darío vor mich hin sagte, dessen letzter Vers so eindringlich war: "Hörst du nicht die Tropfen meiner Melancholie?"

Die Beschreibung ist meisterlich: keine falsche, angeblich miterlebende Unmittelbarkeit, sondern eine (speziell durch dieses "wir mir scheint") aus der erwachsenen Distanz verdichtete Erinnerung.
Semprún war leidenschaftlicher Anhänger der spanischen Republik. So sehr, dass er die Menschen seiner Umgebung einteilte je nach ihrer Einstellung dazu. Das hält er in der Niederschrift zwar selbst nicht für "den Gipfel politischen Raffinements": "Aber es war", sagt er einfach, "der Ruf meines Herzens."
Mit nachfühlendem Genuß lesen sich dann diejenigen Abschnitte, die der Klappentext zu werbeträchtig in den Vordergründ rückt: die sexuelle Initiation des Jungen. In seiner Unkenntnis kann er sich zuerst nicht vorstellen, "welcher Teil des weiblichen Körpers sich für die Paarung eignete" (da hilft auch kein Betrachten der Rubens-Bilder im Museum). Eine Frau ist für ihn damals noch am genauesten in einer Zeile von Valéry erfaßt: "le temps d'un sein nu entre deux chemises", in seinen Worten "ein glattes, verschlossenes Wesen: gewissermaßen undurchdringlich". So wie ihm hier die Literatur wenigstens vorläufige Erkenntnis verschafft, beunruhigt sie ihn danach aber auch. Ein Vers von Rimbaud bringt den heranwachsenden Jungen ins Grübeln ("Parce que vous fouillez le ventre de la femme". "weil ihr den Bauch der Frau durchwühlt"). Vielleicht, mußmaßt er als Erwachsener, "wegen der Gewalt, die [das Wort] evoziert: man durchwühlt im allgemeinen jemanden gegen seinen Willen." Und später, jetzt nach seiner Einweihung durch eine diskret verhüllte "L.", als er eine Reedersgattin beim Diner am Tisch zu verführen beginnt, spricht er ihr leise ein spanisches Gedicht vor, eins seiner eigenen, wie er ihr sagt, während er ihr den Schenkel streichelt:

Sie sperrte Mund und Augen auf, aufrichtig bewegt. Und nicht ohne Grund. Denn das Gedicht war herrlich. Natürlich war es nicht von mir. Ich hätte ihr nur unbeholfene, noch kindliche Gedichtfetzen aufsagen können. Ich hatte mich dafür entschieden, ihr einige Verse von Rafael Alberti zu rezitieren. Zur Zeit, als er Sobre los ángeles schrieb, das Buch, aus dem das Fragment stammte, war Alberti bereits Kommunist. Nicht aber seine Poesie. Ich meine: seine Poesie stand einzig im Dienst ihrer selbst, im Dienst der Entdeckung der Schönheit, der Schönheit der Entdeckungen.

Dabei ist er in dieser Szene, gesteht er uns, immer noch schüchtern (allerdings nicht in allem: "Meine Schüchternheit betraf immer nur Gefühle und soziale Beziehungen, aber niemals Ideen oder Überzeugungen."). Was ihm in der gewiß drangvollen Situation bei Tisch weiterhilft, ist die Poesie. Und die Gespanntheit der Szene besteht darin, dass wir nicht genau wissen, ob die Sexualität das Gedicht hervortreibt oder - umgekehrt - die Poesie überhaupt erst die Wahrnehmung der Sexualität ermöglicht; übrigens: auch an der gut in der Schwebe gehaltenen Reaktion der Reedersgattin ist die Antwort nicht abzulesen. Mit anderen Worten: Auch das Liebesobjekt des Autors, präziser: "das Glück des anderen" (Semprún), betritt dieses neue Universum, das aus Literatur und Leben gemacht ist. Unnachahmlich.
Noch etwas ist an diesen Erinnerungen außergewöhnlich. Der Autor gesteht uns seine Schwierigkeiten, über Buchenwald hinweg in seine Kindheit zurückzuschauen (eine Schwierigkeit, die sich ein Nicht-Häftling kaum vorstellen kann). Aus "Liebe zur Freiheit" ist ihm die Figur des Überlebenden unangenehm:

Ich mochte den Gedanken nicht, in die Rolle des Überlebenden, des glaubwürdigen, achtenswerten und Mitgefühl verdienenden Zeugen verbannt zu sein. Angst packte mich bei dem Gedanken, diese Rolle mit der Würde, der Zurückhaltung und dem tiefen Ernst eines vorzeigbaren - menschlich und politisch korrekten - Davongekommenen spielen zu müssen.

Gleichzeitig bleibt er ein Gebrannter, ein Verwundeter, aber mehr durch den spanischen Bürgerkrieg, in dem es ebenfalls um Freiheit ging, die republikanische Freiheit. Schon hier hat der Autor gelernt: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht" (Schiller). Oder in Semprúns eigenen Worten:

Es ist schon immer ein historisches Desaster gewesen, das Leben als höchsten Wert anzusehen. Die reale Welt wäre unaufhörlich in die Sklaverei, die gesellschaftliche Entfremdung oder den selbstzufriedenen Konformismus zurückgefallen, wenn die Menschen das Leben stets als höchsten Wert betrachtet hätten. ...
Das Leben ist nur in abgeleiteter, stellvertretender Weise heilig: wenn es die Freiheit, die Autonomie, die Würde des Menschen garantiert, Werte, die höher sind als der des nackten Lebens an und für sich. Werte, die es transzendieren.

Die Stimme dieses Mannes wird uns eines Tages abgehen. Spätestens dann nämlich, wenn niemand mehr durch historische Verletzungen hindurch erwachsen geworden ist, wie Semprún sie ertragen mußte und ohne Haß in seine Person eingearbeitet hat, auch literarisch. Wenn es nur noch Selbstzufriedenheit gibt, aber keine Wunden mehr, die in einer so liebenswürdigen Sprache zu uns sprechen.
PS
Die Übersetzung von Eva Moldenhauer ist im ganzen ordentlich, aber stellenweise arg fehlerhaft. Von Unerklärtheiten wie "Hypokhagne" sehen wir einmal ab. Aber: Das Gebiet der spanischen Republik kann nicht wie "ein" x-beliebiges Chagrinleder schrumpfen, das im allgemeinen nicht schrumpft, sondern nur wie "das" magische Chagrinleder von Balzac (kennt die Übersetzerin es etwa nicht?). "À nous deux, Paris!" ist doch bitte kein Trinkspruch, der mit "Auf uns beide, Paris!" übersetzt werden dürfte, sondern eine herausfordernde Drohgebärde, etwas wie "Komm her, Paris, wenn du dich traust!" Einen "nom de guerre" durch das nicht existierende "Kriegsname" wiederzugeben, ist zwar arbeitssparend, aber ziemlich einfallslos: Besser hätte hier "Kampfname" gepaßt, darunter kann man sich wenigstens ein bißchen was vorstellen. Und schließlich hat Montaigne viel geschrieben, aber keine "Apologie für Raymond Sebone", sondern allenfalls - eingedeutscht - für Raymond Sebon oder - etwas latinisierend - für Raimund Sebundus oder - näher am Original - "des Raimond Sebond", alles nur nicht dieses pseudo-italienische "Sebone".

Fritz R. Glunk

Jorge Semprún
Unsre allezu kurzen Sommer
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999
12,5 x 20,2 Zentimeter, 251 Seiten
DM 39,80, öS 291, sFr 27,--

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