Nr. 21, Januar 2000
 
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Buchkunst
Lyrik

Kurzprosa

Die Marginalie
 

 

Joseph von Westphalen

Dichtung und Wahnsinn

Ganz tief unten. Ich war wirklich ganz tief unten. Das sagen viele, und sie sagen es oft. Und oft nicht zu Recht. Ich habe es noch nie gesagt. Ich darf es auch einmal sagen.

Ich hatte mir viel vorgenommen. Ich hatte einen Romanzyklus schreiben und mich in verschiedener Hinsicht damit sanieren wollen. Nicht daß ich damit reich und berühmt werden wollte. Ich bin kein Anfänger, kein Vollträumer. Aber etwas reicher und berühmter dürfte ich schon sein. Das hatte ich langsam verdient, fand ich. Zugleich, vielleicht sogar vor allem, hatte ich mit diesen Romanen die Herzen von verschiedenen entsprungenen Frauen, besonders das von einer, zurückerobern wollen.

In meinem Überschwang hatte ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, warum ich Romane schrieb: um einerseits mein Liebesleben zu ordnen, und andererseits, um die nötige Verwirrung zu schaffen, die ein vielfältiges Liebesleben zu Gedeihen braucht. Ferner, um in meinen Büchern versteckt Entschuldigungen und Versöhnungsangebote, aber auch neue Lockrufe und Suchanzeigen auszubringen, auch um Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. "Pour corriger la réalité", hatte ich einem Journalisten einmal verraten. Das klang nicht schlecht, und es war nicht einmal falsch. Für meine Bücher saugte ich mein Leben aus, und mit meinen Büchern finanzierte ich mein Leben. Der Kreislauf gefiel mir. Ich konnte nur schreiben, wenn ich über beide Ohren verliebt war. Nicht leicht für einen Ehemann.

Noch schwieriger für meine Frau. "Wie kommt Ihre Frau damit klar?" wurde ich immer wieder gefragt. Als Antwort schrieb ich einen kleinen Sommerroman, der von einem Dichter handelt, der nur schreiben kann, wenn er frisch verliebt ist. Seiner Frau wird das zuviel. Das muß nicht sein! Immer wenn der Dichter gerade dabei ist, anreisende Frauen in einem verschwiegenen Hotel am Ort unterzubringen, kriegt es seine scharfsinnige Frau mit, und sie fordert die Liebsten ihres Mannes liebenswürdig und unwiderstehlich auf, doch bei ihnen zu Hause im großzügigen Gästezimmer zu übernachten. Charmant wie sie ist, freundet sie sich blitzartig mit ihnen an und entschärft auf diese Weise allmählich seinen ganzen Harem. Mit der neuen Freundin seiner Frau kann auch ein Dichter mit lockerer Moral nicht mehr ohne weiteres ein Verhältnis haben. Doch als die letzte der Geliebten unschädlich gemacht ist, währt der Triumph der schlauen Gattin nicht lang. Denn ihrem Dichtermann fällt nun tatsächlich nichts mehr ein. Wovon sollen sie leben? Schließlich ist sie gezwungen, neue Geliebte für ihn auszusuchen und sie zuzuführen. Und er ist wählerisch.

Meine Frau las den kleinen Roman. "Hättest du wohl gern!" Ich hätte geschworen, daß sie diesen Satz sagt. Mitleidig. Hättest du wohl gern. Statt dessen brachte sie mich völlig in Verwirrung mit ihrem Urteil. "Das beste, was du je geschrieben hast", sagte sie. Mehr nicht. Sie ist nicht berechenbar. Deswegen liebe ich sie noch immer. Leider nicht nur sie. So bin ich nun mal.

Ich bin allerdings kein Mensch, der von einem erotischen Abenteuer zum andern taumelt. Ich möchte nicht, daß ein falsches Bild von mir entsteht. Erotische Abenteuer lehne ich ab. Schon den Ausdruck kann ich nicht ausstehen. "Erotisches Abenteuer." Ich mag es auch nicht, wenn man Sex als Genuß bezeichnet. Sex ist nicht zum Fressen, und Liebe schon gar nicht. Sie ist wichtiger. Sie ist wie Luft. Ich habe die Frauen und die Liebe immer ernst genommen. Ich bin kein Mensch, der in der Gegend herumfickt.

Eine gute Weile hatte es so ausgesehen, als würde die Rechnung aufgehen. Es war das Zeitalters des fröhlichen Wirtschaftswachstums überall. Auch in meinem Einmannbetrieb effektive Hochleistungsproduktion. Glänzende Vorschüsse, in denen ich mich aalte wie in einem Vollbad. Alles bestens automatisiert. Jeder Liebesbrief, den ich schrieb, hatte einen doppelten Sinn: Er brachte mich nicht nur näher an das erotische Ziel, er wanderte auch sofort, nur wenig verwandelt, in die Literatur. Das heißt, ich verlor keine Zeit. Wenn ich private Briefe schrieb, arbeitete ich gleichzeitig an meinem Roman. Wenn ich den Frauen nachstellte, tat ich immer auch etwas für meine Geschäfte. Beneidenswert, ich weiß. Manchmal hinkte der Roman, den ich schrieb, der Wirklichkeit nur ein, zwei Tage hinterher. Manchmal überholte er die Wirklichkeit, und ich hatte den Krach, die Versöhnung oder die neuartigen Öbsönitäten schon beschrieben, die mich erst eine Woche später wirklich beutelten.

Ein paar fette Jahre konnte ich in höchst realer Achtlosigkeit herumliegende Liebesbriefe glaubhaft als literarische Fingerübungen oder als Romankapitelbestandteile deklarieren und meine Frau immer wieder davon abhalten, sich scheiden zu lassen, was mich finanziell ruiniert und mir die Basis für mein erotisches Wildern genommen hätte. Meine Frau nannte ich in meinem Romanen Helene, meine Hauptgeliebte hieß Ines. Wenn mein Held seiner Ines erklärt, warum er es falsch fände, sich von seiner Helene scheiden zu lassen, um mit ihr, Ines, gottweißwo ein neues Leben zu beginnen, zu dem er gleichwohl große Lust habe, so brauchte ich diese Peinlichkeit meiner echten Ines nicht auseinanderzusetzen. Sie konnte es nachlesen. Mein Leben war bunt, bequem und witzig, meine Arbeit war ein Vergnügen, und ich verdiente gutes Geld.

Das Elend fing an, als Ines sich verabschiedete. Aus heiterem Himmel. Ich war an Liebe gewöhnt, nicht an Leid. Ich konnte meinem Lieeskummer nichts entgegensetzen, und er fing an, mich auszuhöhlen.

Wenn man vom Schreiben lebt, ist Hohlsein kein guter Zustand. Mir fiel nichts mehr ein. Zwölf Jahre lang hatte mir die Liebe Schwung und Stoff gegeben. Der ungewohnte Mangel, der manche zu Künstlern macht, wollte mich nicht beflügeln.

Der Teufel scheißt auf den dicksten Haufen, sagt der Volksmund, die alte Schnauze. Und der Millionär, der Affe, behauptet steif und fest, daß die erste Million die schwerste sei. Der weitere Reichtum wächst einem angeblich von selbst zu. Das Akkumulationsgesetz waltet in allen Bereichen. Ich kann das bestätigen. Hat man eine schöne Liebesgeschichte, kommen gleich zwei, drei vier, fünf dazu.

Zwölf Jahre hatte ich mit dem Koordinieren der Liebe alle Hände voll zu tun gehabt. Zwölf Jahre war es gut gegangen. Ich weiß bis heute nicht, warum mir Ines entglitt. Und schon rutschten sie alle weg. Erosion. Weg war Ines, weg waren meine anderen Liebesgeschichten. Ich weiß nicht, für wen die Folgen verheerender waren, für mein Gemüt oder für meinen Ruf als Schriftsteller. Mein weites Herz wurde eng, und ich konnte immer nur das gleiche schreiben: Wie ein Mann von den Frauen und damit von allen guten Geistern verlassen wird. Mein Witz und meine Heiterkeit kamen mir abhanden, weil mir die Liebe abhanden gekommen war. Was für ein feuchter Christensatz: weil mir die Liebe abhanden gekommen war. So dachte ich, so schrieb ich. Der Liebeskummer hatte meinen Stil versaut.


aus dem Anfang des 2000 oder 2001 erscheinenden Romans "Dichtung und Wahnsinn".

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