Nr. 19, November 1999
 
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Kommentar
Gastkolumne

 

 

Ulrich Greiwe

Das Interview des Jahres: Spitzenpolitiker intim

Es gab viele geniale "Playboy"-Interviews, und wenn der "Spiegel" mal Gore Vidal interviewte, war auch dort die Hölle los. Nun aber gelang den Journalisten Stephan Lebert und Norbert Thomma das beste, weil spannendste, aufschlußreichste und amüsanteste Interview, das 1999 in der deutschen Presse zu lesen war. Für den "Tagesspiegel" sprachen sie Ende Oktober zwei Seiten lang den bestschreibenden "Spiegel"-Mann: Jürgen Leinemann enthüllte mit filigraner Meisterschaft seine dreißigjährige Politiker-Beobachtung. Auszüge:

Über Fischer und Schröder 1984: "Ich weiß noch gut, wie Fischer und Schröder ... abends nach dem siebten, achten Bier zusammen Kabinettslisten gemacht haben: Wie wir die Regierung Kohl ablösen. ... Alle Listen fingen so an: Bundeskanzler Schröder, Vizekanzler und Außenminister Fischer. ... Engholm war dabei, auch Hubert Kleinert, der Grüne. ... Wenn Sie sich die Geschichte von Lafontaine und Schröder angucken, die haben über alle wichtigen Sachen nicht miteinander geredet."

Über Oskar Lafontaine: "Als Physiker denkt er häufig in Kausalketten und logischen Kategorien. Deswegen bekommen seine Äußerungen immer sowas Prinzipielles. ... Schröder hat ihn ein bißchen herausgefordert, aber in Wahrheit wahnsinnig bewundert."

Über Uwe Barschel: "Ich behaupte, daß Politiker auch deshalb so gern von einem Geheimdienstmord reden, bei allen Indizien, die es dafür geben mag, weil sie spüren, wie nah diese Geschichte an ihnen dran ist. Das ist gruselig. ... Barschel ist einfach nur einen Selbstzerstörungsweg zu Ende gegangen, auf dem viele sind."

Über Joschka Fischer: "Fischer ist dieser Kierkegaard-Typ, der sagt, das Leben wird nach vorn gelebt und nach hinten verstanden."

Über Gerhard Schröder: "Willy Brandt war ein Mann mit lauter Neuanfängen. Der begann sein Leben immer wieder neu. Schröder ist immer im Hier und Jetzt. Sein Repertoire ist noch nicht groß, seine Lebenserfahrung auch nicht. Er hat ja auch wenig gelesen, geht nicht ins Kino oder ins Theater. Er kennt also nur ganz wenige Rollen und Vorbilder. ... Er wächst ja erst in seine Rolle. Ich bin gespannt, ob er den Kanzler richtig hinkriegt."

Der Gesprächs-Klassiker, der in Zukunft über keinem deutschen Redakteursbett mehr fehlen sollte, stand am 24. Oktober 1999 in der Sonntagsausgabe des "Tagesspiegel".

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