Nr. 19, November 1999
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Essays
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kommentar
Gastkolumnen:
- Wagenbach
- Andreas Hopf

 

 

Klaus Wagenbach

Der unabhängige Verlag
oder: Wie überlebt man gute Bücher?

Die vielen Freunde, die heute hier sind, und die wenigen Feinde eint eine Frage: Warum bist du noch da, nach fünfunddreißig Jahren? Das ist eine Frage, die mich seit fünfunddreißig Jahren begleitet. Schon am Beginn des Verlages, als ich nach Berlin zog, 1965, freiwillig und ohne Zuschüsse - während alle anderen Verlage immer weggingen von Berlin oder diese Spagat-Verlage gegründet haben: Berlin/München, Berlin/Heidelberg, Berlin/Hamburg - das wird ja wieder modern: Rowohlt Berlin, der umgekehrte Zug ist jetzt der Zug der Zeit - also, damals haben alle gesagt: Der ist verrückt geworden, der geht nach Berlin, was will er denn da, und er wird gleich untergehen. Da habe ich mir gedacht: Wollen wir mal sehen.
Es wäre aber fast gelungen, denn - das wird oft vergessen - Unabhängigkeit allein heißt gar nichts, man muß von der Unabhängigkeit Gebrauch machen. Und kaum hatte ich diesen eigenen Verlag, unter lächerlichen Bedingungen, habe ich davon Gebrauch gemacht und hatte diese schwachsinnige Idee, einen Ost-West-Verlag zu gründen. In Berlin, da war die Mauer noch frisch verputzt, drei, vier Jahre alt, wollte ich Bobrowski drucken und Meckel drucken und Stephan Hermlin drucken und Ingeborg Bachmann drucken. Und Wolf Biermann - das war der Fehler. Und nach einem Jahr hat die DDR gesagt: Das geht aber nicht, daß du Kommunisten druckst, die sozusagen nicht unsere Kommunisten sind, sondern andere Kommunisten; du darfst nur die Kommunisten drucken, die die richtigen Kommunisten sind. Das sah ich als Anarchist natürlich nicht ein. Kurz und gut: Nach einem Jahr hatte ich eine Lizenzsperre und eine Durchreisesperre, und in West-Berlin war ich sowieso unten durch als Kommunistenfreund - und das Projekt war zu Ende. Das war eine große Lehre für mich, daß ein Verlag nicht ohne Visa und auch nicht ganz frei arbeiten kann.
Also habe ich mich gefragt: Was mache ich jetzt? Und da kam die Studentenbewegung und hat gesagt: Ah, da steht ja der Genosse Klaus, der wird jetzt unser Verleger. So wurde der Verlag in den siebziger Jahren der Verlag der Studentenbewegung, und ich hatte so viele Prozesse, wie ich mir gar nicht vorstellen konnte. Ich betone bei solchen Gelegenheiten gern, daß ich der höchstvorbestrafte lebende Verleger bin. Und bei all diesen Prozessen gegen den Berliner Polizeipräsident Klaus Hübner, ein besonderes Arschloch, hat mich ein junger Anwalt namens Otto Schily verteidigt, und wir haben alle Prozesse ordnungsgemäß verloren. Aber - aber: Zwei Genüsse sind geblieben. Otto Schily hat erreicht, daß ich kein Berufsverbot bekommen habe. In allen Urteilen stand zähneknirschend darunter: "Von einem Berufsverbot konnte für dieses Mal abgesehen werden." Das war der Sieg: Der Verlag konnte weiterarbeiten. Der zweite Sieg, und der betrifft nicht nur mich, sondern eine größere Zahl von Leuten: Otto Schily ist heute Polizeiminister.
Ende der siebziger Jahre waren die Genossen, die alle diese Bücher gekauft haben, in grauenhaft hohen Auflagen, das heißt: schönen hohen Auflagen - ein politisches Buch in den siebziger Jahren konnte man mit einer Startauflage von fünfzehntausend drucken; wenn ich heute Norberto Bobbio drucke, ein Grundlagenbuch, "Rechts und links", das interessiert offenbar keinen Menschen mehr, das kaufen höchstens drei-, viertausend Leute - Ende der siebziger Jahre waren also die Genossen in den Institutionen, wo sie immer hinwollten, und hörten schlagartig auf zu lesen. Das ist eine bittere Erfahrung für einen Verleger: Abhängigkeit. Die Abhängigkeit von Lesern.
Ich komme gerade von der Buchmesse. Das war wirklich komisch. Vorige Buchmesse wurde ich dauernd gefragt: Warum verkaufen Sie nicht? Alle verkaufen. Verkaufen Sie doch auch! Und diese Buchmesse kam kein Mensch und fragte: Warum verkaufen Sie nicht?, sondern ich sah im Gang immer diese kleinen Global Players vorbeirennen. Jeder ein kleiner Agent. "Da legen wir noch zehntausend drauf!" und "Da gehn wir drüber!" und "Diesen Vorschuß toppen wir!" Eine Sprache, daß du denkst: In welchen Laden bist du hier geraten?
Also dann waren wir ein Verlag der Kulturwissenschaften, dann ein Verlag der schönen Bücher, und dann ein Verlag der mittelmeerischen Erzähler. Ich erkläre es immer gern am Beispiel. Im Augenblick ist ja gerade das amerikanische Erzählen und das - nicht immer, aber an vielen Stellen - daraus derivierte deutsche Erzählen in Mode. Das amerikanische Erzählen besteht darin, daß man sagt: "Ich komme in die Küche, und da liegt meine Frau, und der Kochtopf ist schon an, und ich nehme ein Ei, und ...". Als sei Erzählen nicht eine schwierige Sache, eine Sache, die wohl überlegt sein will.
Wir sind als Verlag ein leidenschaftlicher Verehrer des Mittelmeeres. In Kurzform: Da geht einer weg, Odysseus, bleibt zwanzig Jahre weg und erzählt seiner Frau lauter Lügen. Das ist das mittelmeerische Erzählen. Literatur als Lüge, wie es der wunderbare, große Schriftsteller Giorgio Manganelli gesagt hat, in einem frühen Manifest von 1964: Der Versuch, die Welt zu verändern, wenigstens im Kopf, wenn's sonst schon nicht geht.
Wenn man diese Entwicklung ansieht, da Ost-West, dann ein politischer Verlag, und ein furchtbarer Kommunist, dann die Kulturwissenschaften, und dann kommen die Italiener, und dann kommen die schönen Bücher - so ist das vielleicht disparat, aber - wie ich gerne zugebe - nicht immer ohne Außenwirkung. Es ist sozusagen eine Außenwirkung, den Verlag direkt anzugreifen, mit der Polizei - wir hatten wunderbare Zeiten: Es waren so viele Polizisten da, daß der Verlag praktisch zu war, das war ja auch die Absicht, hundert Leute in unseren paar Räumen, und die haben dann alle Bücher untersucht, und da es preußische Polizisten waren, haben sie sich hinterher so die Hände abgestaubt. Und dann hat Herr Jandl angerufen, aus Wien, und hat gesagt: "Hier ist Ernst Jandl aus Wien", ganz förmlich. Und ich habe gesagt: "Herr Jandl, was kann ich für Sie tun?" und er: "Herr Wagenbach, ich höre, bei Ihnen war die Polizei." Ich: "Ja, die Polizei war da, und jetzt ist sie wieder weg." Und Jandl: "Das tut mir aber leid". Deswegen sage ich: Es gab auch erheiternde, ermutigende Momente.
Ein Verlag kommt also ohne Außenwirkung nicht aus. Wenn einen dann die Leser im Stich lassen und sagen: Wir wollen keine politischen Bücher mehr! Hört sofort auf damit!, dann hört man das natürlich nicht so gern. Aber es passiert etwas, was ich die Unterströmung nenne. Wer den Verlag länger kennt, der weiß, daß ich 1965 ein Buch gemacht habe, das hieß "Atlas". Ein wunderbares Buch, für das ich eine ganze Menge deutscher Autoren gebeten habe, von ihren Orten zu erzählen, wo dann zum Beispiel Peter Weiß diesen unglaublich eindrucksvollen Text über Auschwitz geschrieben hat. Dann taucht mitten in diesen fünfunddreißig Jahren ein Buch auf, "Vaterland - Muttersprache", auch so ein anthologisches Unternehmen, eine Wiederaufnahme dieser Idee. Oder, ein letztes Beispiel, Sie finden es wahrscheinlich komisch, nämlich Kindergeschichten. Wir haben jetzt, in diesem Jahr, ein Buch mit italienischen Kindergeschichten gemacht. Ich habe mir gedacht: Italien ist ein wunderbares Land, da sind sie so nett zu den Kindern - für die ist es ja jedesmal ein Schock, nach Deutschland zurückzukommen. Und da muß es doch eine reiche Literatur geben. Ich habe angefangen zu suchen. Italo Calvino - Fehlanzeige. Antonio Tabucchi - Fehlanzeige. Moravia - Fehlanzeige. Es war eine Katastrophe. Ich habe dann Tabucchi gefragt, und er hat gesagt: "Ich habe mal eine Geschichte für meine Tochter geschrieben, und sie hat sie gelesen und fand sie ganz beschissen. Weil nämlich - da gab es eine Konkurrenz. Wir sind von Florenz nach Porto gefahren, und meine Tochter lag hinten im Auto und hörte immer eine Kassette" - und dann hat er auf Deutsch gesungen - "‘Heidi, deine Welt sind die Berge'." Mit anderen Worten: Die italienischen Kindergeschichten sind eine leichte Fortsetzung dieser anthologischen Idee, und zwar hier den Unterschied zu zeigen zwischen einer seltsamen, kaum existierenden Kinderliteratur und einer deutschen, pädagogischen, mausgrauen.
Das ist so eine Linie. Eine ähnliche Linie ist die mit den Vietnam-Gedichten. Einige von Ihnen werden sich noch erinnern. Für mich war es eine entscheidende Frage, als Erich Fried zu mir kam und sagte: Willst du das nicht mal drucken, ich hab da so ein paar politische Gedichte. Das war schon 1964, 1965 entstanden, lange vor der Studentenbewegung, die dann mit Ulrike Meinhof und Peter Brückner und Rudi Dutschke in den Verlag einzog. Und dann, wenn Sie "Die Linke und das Individuum" von Flores d'Arcais nehmen - haben Sie alle nicht gelesen, achthundert Exemplare, da wäre hier schon die ganze Auflage versammelt - diese anthologischen Überlegungen setzen sich also fort, um Beleuchtung in fremde Gehirne zu bringen.
Ich war immer ein großer Verehrer von Italien. Seit 1952, um ehrlich zu sein, als ich mit dem Fahrrad durchgefahren bin und immer wissen wollte, wo das politische Italien ist. Und dann fragte ich, wo es ein billiges Nachtquartier gäbe, und es gab einen Streit zwischen den drei Damen des Dorfes, wer mich mitnehmen durfte, ältere Damen, bitte keine falschen Vorstellungen - und die eine führte mich im Triumph nach Hause. Sie hatte einen Sohn in meinem Alter, zweiundzwanzig, und der führte mich in sein Zimmer und sagte: "Da hängen meine beiden großen Vorbilder!" Da hingen zwei Riesenfotografien an der Wand, die eine: Stalin, die andere: Mussolini. Und ich sagte mir: Das ist ein Land, das mußt du dir genauer ansehen.
Neulich lese ich in der FAZ einen Artikel über einen Roman von Houellebecq, Steinfeld beschreibt es sehr genau - er verschweigt natürlich das Buch, das bei uns erschienen ist, das ist klar. Er sagt: Die Sexualität - die ja offenbar die FAZ überhaupt interessiert, wenn man an Ranicki denkt - kommt in den Markt rein. Die Sexualität ist sozusagen marktfähig. Der Markt dringt in die Sexualität ein - ein schweriger Vorgang - und zerstört sie. Sehr merkwürdig, das in der FAZ zu lesen, und ich fragte mich: Habe ich das nicht schon mal irgendwo gelesen? Ja, richtig: Pasolini, Freibeuter-Schriften, erschienen 1978. Da steht ja schon alles drin: wie der Konsum auf die Sexualität zugreift, wie er die Dialekte ergreift, das ländliche Leben - alles schon beschrieben. Die FAZ hat es nicht gelesen, und es fällt ihr zweiundzwanzig Jahre später auf.
Noch ein letztes Wort zum Unterstrom des Verlags: Mir ist aufgefallen, daß sich der Verlag relativ spät mit den Kulturwissenschaften, mit der italienischen Kunst beschäftigt hat, erst so um 1980 rum. Woher kommt das? Und dann habe ich zufällig ein Interview mit mir gelesen, von 1965, und da sage ich: Ich möchte gern mal ein Buch machen über den Genueser Maler Magnasco, aber ich habe im Augenblick nicht das Geld dafür. Nochmal Pasolini: Er hat in den Freibeuter-Schriften, ein gewaltiger Erfolg, 1978, lange vor Eco, viel getan für die andere Beurteilung der italienischen Literatur. Plötzlich haben die Deutschen gesagt: Das ist ja unerhört, was denken die denn da, ohne unsere Anleitung? Und links sind sie auch noch, und diese Sachen stehen auf der ersten Seite der Zeitung? Und so kam es, daß wir heute alle diese schönen Bücher machen.
Ich muß ja noch die Frage beantworten: Wie überleben? Für das Überleben ist wichtig - es langweilt Sie alle: der feste Ladenpreis. Im Schutz des festen Ladenpreises können wir Ihnen kleine Extraprofite aus der Tasche locken. Stichwort: Fried, "Liebesgedichte", dreihunderttausend Exemplare, für den Verleger ein Segen. Aber er muß ihn sozusagen ernten können, den Segen. Das können wir mit dem festen Ladenpreis, mit dem wir Ihnen eine Mark mehr aus der Tasche ziehen oder zwei, vielleicht auch drei, und die kommen dann in die rechte Tasche - das ist ganz einfach: Rechts ist das Kapital. Da werden sie gespart. Und dann kommen aus der linken Tasche diese wunderbaren Verlustprojekte, unter denen wir alle leiden, die Sie aber erfreuen. Und die sind nur so finanzierbar. Das war jetzt in Kurzform. Herr Willms wird es nicht glauben, obwohl ich ihn zweimal - vergeblich - zu überzeugen versucht habe.
Dann ist für das Überleben ganz wichtig: Wir sind ein Meinungsverlag. Aber wir sind auch ein Verlag, der auf Qualität achtet. Sie können als kleiner, unabhängiger Verlag nur dann überleben, indem Sie - ich sagte es schon - von der Unabhängigkeit Gebrauch machen. Nur schnell für die Presse: zwölf Mitarbeiter, sechzig Bücher im Jahr, fünf Millionen Umsatz. Ein Riesenlektorat. Von diesen zwölf Mitarbeitern sind vier im Lektorat. Deswegen diskutieren wir sehr lange über jedes Buch.
Als nächstes: keine Spekulation. Ein Verlag - bei Strafe des Untergangs - darf sich nicht an Spekulationen beteiligen. Ich will Sie nicht mit Zahlen langweilen. Es gab auf dieser Buchmesse wieder so phantastische Kämpfe um deutsche Autoren, unbekannte deutsche Autoren, mit einem halben Manuskript, daß ich nur sagen kann: Die Gefechte sind ganz schön, aber weiß ein deutscher Autor, worauf er sich dabei einläßt? Er weiß nämlich nicht, wen er als Lektor bekommt. Und das merkt man deutschen Büchern in diesen Jahren an.
Schließlich: Weil wir klein sind, machen wir uns sichtbar. Wir haben kein Geld für große Anzeigen, wir müssen uns sichtbar machen. Wie bei Liebesbeziehungen. Ich bezeichne jetzt mal mich als die Geliebte, und Sie sind die Liebenden. Und wenn Sie mich finden wollen, dann muß ich irgendwie winken. Mit einem kleinen roten Buch oder einem schwarzen, damit Sie mich sehen.
Jetzt noch schnell vier Punkte zur Zukunft der Bücher. Wie wird die Zukunft der Bücher aussehen? Wovon hängt sie ab?
Erstens: Sie hängt davon ab, ob wir uns in allen Bereichen auf eine Beschleunigung einlassen. Oder ob wir abwägen zwischen Gebieten, wo wir die Beschleunigung zulassen, die man ja nicht ganz abschaffen kann, und anderen, wo wir der Verlangsamung einen Raum lassen. Bücher sind ja etwas, was das Tempo senkt.
Zweitens: Die Zukunft der Bücher hängt auch ab von der Kontinuität einer materialangemessenen Qualität. Ich sage nicht: handwerkliche, sondern materialangemessene Qualität. Das heißt: Der Leser muß den Respekt spüren, den der Verleger gegenüber dem Buch hat. Wenn der Verleger so ein Wegwerfbuch macht, dann verachtet er ja im Kern das Buch. Dabei ist es doch seine Arbeit, ein Buch so schön und so dauerhaft wie möglich zu machen. Ich kann mich überhaupt nicht damit zufriedengeben, daß man sagt: Das ist nur Handwerk. Wir drucken bei der allergrößten Druckerei in Norddeutschland, und ab und zu erlauben wir uns mal einen kleinen Bleigeruch in Leipzig. Zwar ist mein Raum der einzige computerfreie Raum im Verlag, aber alle anderen sitzen vor diesen Apparaten. Ein Verlag darf sich nicht aus der Zeit katapultieren lassen, aber er muß darüber nachdenken, wie er den Respekt, den er dem Autor gegenüber hat, dem Leser zeigt.
Drittens: Die Zukunft der Bücher hängt davon ab, daß man die Literatur - ich rede jetzt von der Belletristik - als eine andere Welt begreift. Daß man begreift: Literatur befindet sich im Widerspruch zur Realität, nicht im Einklang mit ihr. Wenn ich ein Buch lese, will ich etwas anderes erfahren als das, was ich schon weiß. Das Buch muß die ästhetische Anstrengung spüren lassen, und die Anstrengung, die Welt solange zu verändern, bis da eine anständige literarische Lüge herauskommt.
Letztens: Sie, die Leser, müssen, wie schon in den siebziger Jahren, mit Informationslücken rechnen. Ich drücke mich höflich aus. Aber ich nenne Ihnen doch ein Beispiel: In den beiden Literaturbeilagen der FAZ finden sie kein Buch des Wagenbach-Verlags. Und in den hundert sogenannten wichtigen Büchern, die der "Stern" für diesen Herbst ausruft, finden Sie auch kein Wagenbach-Buch. Sie müssen als Leser also zusehen, daß Sie einen guten Buchhändler finden - und "Die Zwiebel" lesen, das ist klar.
Wir haben Ihnen da auch noch ein schönes Buch mitgebracht, es paßte irgendwie so gut: Natalia Ginzburg, "Die Stimmen des Abends". Nehmen Sie es bitte mit, wenn Sie nach Hause gehen. Und ich danke Ihnen, daß Sie so viel Geduld gehabt haben.

Kurzrede bei einer Münchner Geburtstagsfeier des Verlags am 19. Oktober
Abbildungen: Wagenbachs Sprechzettel

Ihr Kommentar

 

Andreas Hopf

Gerührt oder geschüttelt

Wir haben es wohl immer mit Gefühlscocktails zu tun, melodienführenden Haupttönen nämlich, eingebettet in eine mehr oder minder harmonische, mitunter durchaus kakophonische vielfältige Begleitmusik. Macht's der Mix?
Wie bei der Komik scheint es eine unfreiwillige Traurigkeit zu geben - griensen wir bei jender, so ergreift uns diese und treibt uns bei ganz unpassender Gelegenheit das Wasser in die Augen. Aber wir weinen auch, wenn wir wirklich traurig sind, oder aus übergroßer Freude. Unermeßliche Trauer dagegen läßt uns womöglich erstarren oder sogar lächeln, bis hin zum Lächeln des Buddha, das jedoch gar nicht von dieser Welt stammt, weil es völlige Entspannung bedeutet und ist, also Ausdruck umfassender Übereinstimmung mit sich selbst.
Alle anderen Seelenwerke, scheint's, entsprechen einer Nicht-Übereinstimmung, ja ambivalent ist das: So wie Lachen und Weinen jäh eineinander übergehen, zumal wenn noch der Verstand darin herumpfuscht.
Die Vernunft mächte aber durchaus nicht immer Herr im eigenen Haus sein, und so kann man tatsächlich von einer allgemeinen Renaissance des Emotionalen sprechen, von wiedererstarktem Zutrauen in eine Art Urteilskraft des Gefühls. Les raisons du coeur, lautet die alte Formel Pascals. Postmodern: emotionale Kompetenz. (Und die entspricht ganz und gar den neueren antirationalen Tendenzen)
Doch was soll das heißen, wenn wir im Kino sitzen - schmelzende Gefühle, zärtliche Rührungen, Empfindelei, um es mit Kant zu sagen? Häufig genug schämen wir uns ja unseres Schneuzens. Höchst unkompetente Tränen fließen da, und wir domestizieren solche Gefühle gern, wehren sie ab, weil sie uns irgendwie unheimlich sind, weil wir sie nicht einordnen können und ihnen daher mißtrauen.
Wieder diese Ambivalenz - in Wahrheit sind wir doch echt cool, oder etwa nicht? Denkste, wenn Elton John der Lady Di, England's Rose, sein Good bye singt, vielmehr sein Good buy, auch wenn E.T. nach Hause will, bleibt kein Auge Trocken. Wir haben allerdings schon auf höherem Niveau geheult, sagen wir bei einem Rilke-Gedicht.
Gibt es also echte Rührung in der falschen? Wie man sauren und süßen Kitsch zu unterscheiden vermag? Verzaubert uns das Banale? Und ist Rührung - ganz anders als wenn uns das Erhabene anstupst und uns gleichermaßen zu Tränen rührt -, ist also Rührung nur ein leises Achja, ohne unbewußte Erinnerung an die Kindheit, die uns ganz unverfälscht über dies und das weinen ließ, weil uns die Tücken falscher Gefühle noch nicht bekannt waren?
Dann mischte sich da wohl auch ein Quentchen Selbstmitleid mit hinein, ein Träuerchen, Stimmung eher denn Gefühl, und etwas, das im Älterwerden erfahrungsgemäß noch zunimmt. Und wir müßten solches unnachgiebig sentimental nennen, wenn wir nicht zugleich wüßten, daß etwas Lassen-, etwas Zulassenkönnen sehr wohl Ausdruck eines Reifeprozesses ist. Also wie? Rührung gewissermaßen als emotionale Runzeln, die sich in das geglättete Leben schreiben, Weichstellen im Verhärteten? Mag sein, denn in der Tat führen die Anspannungen wirklichkeitsbestimmten Lebens gern zu Verhärtungen, man darf sich das getrost wie bei den Muskeln der Sportler vorstellen.
Die Sache ist natürlich komplizierter, weil auch die Gefühle komplexer sind. Gerührt, raunt der Psychologe, sind wir nur bei einfachen Dingen und Situationen, boy meets girl, aber bei den Schwierigkeiten dabei und deren Überwindung. Happy oder unhappy end, egal, wir alle haben diese kollektive Sehnsucht nach Umarmung, und wir müssen auch stellvertretend weinen über Trennung und Verlust, oder eben den Triumph über beides. Ja, das scheint der Stoff zu sein, aus welchem Tränen buchstäblich herrühren.
Wann die Schleusen sich öffnen, hat demgemäß klar mit Timing zu tun. Erst jüngst mußten wir die Bilder wieder sehen: Wie John-John Kennedy, der dreijährige Knirps, am Sarg seines Vaters John F. salutiert - das rührt fast zwangsläufig. Betrachten wir jedoch die winzige Bildsequenz zuvor, wie Jackie ihrem Sohn etwas zuzischelt, ihn gleichsam zum Salutieren schubst, dann geht jäh alles Rührende flören, und man ärgert sich über die Show.
Es dreht sich immer um Menschen oder menschliche Darstellung in ihren mannigfaltigsten Formen, in Sprache, Gebärde, bildender Kunst, sogar in der angeblich so abstrakten Musik. In all dem, eigentlich in Geschichten, die ja unsere sein könnten, spiegeln sich unsere Gefühle, oder besser: Wir stülpen sie dem Wahrgenommenen, der Welt einfach über - gebildeter formuliert: eine symbolische Transformation.
Und dann kommt wohl noch eine Art Bildung hinzu, vielleicht Kultivierung, denn manchem ist noch schönes Herzensmummeln, was dem anderen bereits als garstigste Seife erscheint. Es handelt sich um ein Stück virtuellen Lebens, das wir aufnehmen und mit unseren Werte- Instrumentarien in unbewußte oder anschauliche Vergleiche zu uns selber setzen. Da mag dem einen ein Schauer heilig sein, dem nächsten aber bloß schaurig trivial.
Und da sitzt man im Theater, beim Film oder nur vor der Glotze, guckt diesen blöden kleinen Streifen, womöglich sogar großes Gefühlskino, wie's sommerlochs so schön heißt, und geht unverhofft, der Titanic gleich und ganz ohne Eisberg, in einem Meer von Tränen unter, weil sie sich kriegen, oder grad nicht, oder sich endlich im Tode vereinen ...
Ja, so könnte es sich verhalten mit dem Gerührtsein. Ein Verdacht läßt sich freilich nicht endgültig von der Backe putzen - daß uns in solchen Momenten bloß ein kleines, mieses, sentimentales Lüftchen streift und den Gartenzwerg in uns kurz schüttelt.
Tränen, heißt es, reinigen nicht nur die Augen, sondern auch die Seele - in dem Sinne, immerhin, wäre ein Rührstück zumindest noch gesund.

Ihr Kommentar

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv