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Der Cyberspace als Gegenstand
der Forschung
Brechen im Internet die literarischen Formgrenzen zusammen? Oder ist
es lediglich ein neues Trägermedium, in dem - nach ebenso leichter
Modifizierung wie nach Gutenberg - die bekannten Literaturgattungen neues
Leben gewinnen? Die Frage ist weder trivial noch entschieden. Entschieden
schon gar nicht durch ein paar feuilletonistische Jeremiaden, deren Autoren
gerade mal wissen, daß "digital" irgendwas mit 1 und 0 zu tun hat,
aber schon nicht mehr, wie man eine URL richtig schreibt (oder was das
überhaupt ist).
Mit dem gebotenen wissenschaftlichen Ernst
hat nun sich eine Internetzeitschrift solcher Fragen angenommen. Sie nennt
sich "diss.sense",
erscheint halbjährlich mit jeweils einem Themenschwerpunkt und wird
vom Graduiertenkolleg "Theorie der Literatur und Kommunikation" an der
Universität Konstanz "initiiert" (worunter man wohl "herausgegeben"
verstehen darf, jedenfalls nach der Adresse zu urteilen). Jede "Ausgabe"
ist offen angelegt, das heißt, es können auch nachträglich
weitere Beiträge nachgeliefert werden. Unterrubriken sind "mit Fragen
und Phänomenen einer Literatur, Kunst, Philosophie oder Soziologie
neuer Medien" befaßt.
Die gegenwärtige Ausgabe widmet sich vor allem den Themen "Virtualität"
und "Lesen".
Hier fällt sofort ein Beitrag von Christian Sinn (Universität
Konstanz) ins Auge: "Non aliud. Die Entstehung des modernen Virtualitätskonzeption
aus dem alten Geist der virtus oder Konsens über den Dissens." Von
Platos "Gorgias" und der Idee der Freiheit bei Hegel aus entwickelt der
Autor einen ambivalenten Begriff der Virtualität, der verblüffend
außerhalb des Mainstream liegt, als "Evidenz des Alltags" ("Virtualität
reproduziert sich in ihrem Gegenpol, der ‘handfesten Wirklichkeit', als
das Nicht-Andere schlechthin.") und als "die einzig akzeptable ‘Theologie'
für unsere Zeit": "Ich vermisse lediglich den Mangel an virtus in
den modernen Theologien: Sie konzentrieren sich lediglich auf die logica,
nicht aber auf die dialectica (Boethius), sie kümmern sich um begriffliche
Abstraktion (ratio), ohne je die Realität und Einheit ihrer Begriffe
kontemplieren zu wollen (mens oder intelligentia). ... Unter diesem Aspekt
sind wir über Kants Frage und die poietischen Lösungsversuche
des 18. Jahrhunderts nicht hinausgekommen. Handeln-Können, virtus,
bedarf der Konsistenz und Entdifferenzierung, der via negationis durch
Reflexion auf das ‘Eine in uns' (Plotin). Reflexion, Askese, ästhetisches
Handeln, nicht die Vernetzung mit dem Vielen, sind die richtigen Therapien,
zur Virtualität der Einheit zu gelangen." Ein anregender und wohltuender
Beitrag gegen die lähmend Entropie der Verzettelung in immer neue
und bei Licht besehen doch nur technische Möglichkeiten.
Uwe
Wirth (Frankfurt) steuert zum Thema "Lesen" einen dazu schier diametralen
Artikel bei, der anhand neuerer Texttheorien (Barthes, Exo, Peirce) drei
bizarre Leseformen im Internet zu erkennen glaubt: die "fetischistische",
die "paranoide" und die "hysterische" Lektüre. Behutsamer geht Niels
Werber (Bochum) mit seinem Artikel "Der Cyberspace als Medium der Literatur?"
ans Werk. Die "spezifisch mediale Qualität" des Mediums scheint ihm
noch überhaupt nicht erfaßt zu sein: "Zu einer gelungenen Form
wird vermutlich gehören, darauf zu verzichten, wie ein begeisterter
Vorführer auf der Cebit-Messe schlechtweg nur zu zeigen, was technisch
alles geht." Und selbstverständlich fehlt es auch nicht an "utopischen
Konzepten zu kollaborativen Projekten im Internet" [sic], etwa dem bisher
unverwirklichten Wunschtraum einiger, die Einsamkeit des Schreibenden durch
eine Art kollektive Internet- Autorschaft zu - naja: überwinden. Das
ungelebte Credo liest sich hier so: "Präambel: Wir glauben an Hypermedia
und das World Wide Web. ... Hyperdokumente sind nicht nur Ansammlungen
von Knoten und Links, sondern Entfaltungen von Knoten und Links im Raum.
... Der Hypermedia-Raum ist nicht der Raum des Buches. ... Wir sehen die
Notwendigkeit, Computer-Netzwerke zur Erfindung neuer kollektiver Formationen
der Intelligenz zu benutzen, für neue Interaktionsweisen zwischen
Menschen." Das erinnert - und die Erinnerung stimmt wehmütig - an
Brechts und Benjamins Begeisterung für das neue Medium Rundfunk und
ihre damit verbundenen Heilserwartungen.
Ob man den Forschungsbeiträgen (von denen wir hier nur drei ausgewählt
haben) nun zustimmt oder nicht: Allen ist die notwendige Ernsthaftigkeit
und die wissenschaftliche Kompetenz auf hohem Niveau anzusehen. Noch ist
ja nicht recht erkennbar, in welcher Weise das Phänomen Internet tatsächlich,
wie Journalisten in ihrer Cyber-Halbbildung immer nur behaupten, "unser
aller Leben verändern wird". Daß diss.sense diese auch kunsttheoretische
Frage so präzise beleuchtet, ist außerordentlich verdienstvoll.
Und schon jetzt ein Zeichen für die potentielle Seriosität des
Mediums.
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