Nr. 18, Oktober 1999
 
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Der Cyberspace als Gegenstand der Forschung

Brechen im Internet die literarischen Formgrenzen zusammen? Oder ist es lediglich ein neues Trägermedium, in dem - nach ebenso leichter Modifizierung wie nach Gutenberg - die bekannten Literaturgattungen neues Leben gewinnen? Die Frage ist weder trivial noch entschieden. Entschieden schon gar nicht durch ein paar feuilletonistische Jeremiaden, deren Autoren gerade mal wissen, daß "digital" irgendwas mit 1 und 0 zu tun hat, aber schon nicht mehr, wie man eine URL richtig schreibt (oder was das überhaupt ist).

Mit dem gebotenen wissenschaftlichen Ernst hat nun sich eine Internetzeitschrift solcher Fragen angenommen. Sie nennt sich "diss.sense", erscheint halbjährlich mit jeweils einem Themenschwerpunkt und wird vom Graduiertenkolleg "Theorie der Literatur und Kommunikation" an der Universität Konstanz "initiiert" (worunter man wohl "herausgegeben" verstehen darf, jedenfalls nach der Adresse zu urteilen). Jede "Ausgabe" ist offen angelegt, das heißt, es können auch nachträglich weitere Beiträge nachgeliefert werden. Unterrubriken sind "mit Fragen und Phänomenen einer Literatur, Kunst, Philosophie oder Soziologie neuer Medien" befaßt. 

Die gegenwärtige Ausgabe widmet sich vor allem den Themen "Virtualität" und "Lesen". 
Hier fällt sofort ein Beitrag von Christian Sinn (Universität Konstanz) ins Auge: "Non aliud. Die Entstehung des modernen Virtualitätskonzeption aus dem alten Geist der virtus oder Konsens über den Dissens." Von Platos "Gorgias" und der Idee der Freiheit bei Hegel aus entwickelt der Autor einen ambivalenten Begriff der Virtualität, der verblüffend außerhalb des Mainstream liegt, als "Evidenz des Alltags" ("Virtualität reproduziert sich in ihrem Gegenpol, der ‘handfesten Wirklichkeit', als das Nicht-Andere schlechthin.") und als "die einzig akzeptable ‘Theologie' für unsere Zeit": "Ich vermisse lediglich den Mangel an virtus in den modernen Theologien: Sie konzentrieren sich lediglich auf die logica, nicht aber auf die dialectica (Boethius), sie kümmern sich um begriffliche Abstraktion (ratio), ohne je die Realität und Einheit ihrer Begriffe kontemplieren zu wollen (mens oder intelligentia). ... Unter diesem Aspekt sind wir über Kants Frage und die poietischen Lösungsversuche des 18. Jahrhunderts nicht hinausgekommen. Handeln-Können, virtus, bedarf der Konsistenz und Entdifferenzierung, der via negationis durch Reflexion auf das ‘Eine in uns' (Plotin). Reflexion, Askese, ästhetisches Handeln, nicht die Vernetzung mit dem Vielen, sind die richtigen Therapien, zur Virtualität der Einheit zu gelangen." Ein anregender und wohltuender Beitrag gegen die lähmend Entropie der Verzettelung in immer neue und bei Licht besehen doch nur technische Möglichkeiten.

Uwe Wirth (Frankfurt) steuert zum Thema "Lesen" einen dazu schier diametralen Artikel bei, der anhand neuerer Texttheorien (Barthes, Exo, Peirce) drei bizarre Leseformen im Internet zu erkennen glaubt: die "fetischistische", die "paranoide" und die "hysterische" Lektüre. Behutsamer geht Niels Werber (Bochum) mit seinem Artikel "Der Cyberspace als Medium der Literatur?" ans Werk. Die "spezifisch mediale Qualität" des Mediums scheint ihm noch überhaupt nicht erfaßt zu sein: "Zu einer gelungenen Form wird vermutlich gehören, darauf zu verzichten, wie ein begeisterter Vorführer auf der Cebit-Messe schlechtweg nur zu zeigen, was technisch alles geht." Und selbstverständlich fehlt es auch nicht an "utopischen Konzepten zu kollaborativen Projekten im Internet" [sic], etwa dem bisher unverwirklichten Wunschtraum einiger, die Einsamkeit des Schreibenden durch eine Art kollektive Internet- Autorschaft zu - naja: überwinden. Das ungelebte Credo liest sich hier so: "Präambel: Wir glauben an Hypermedia und das World Wide Web. ... Hyperdokumente sind nicht nur Ansammlungen von Knoten und Links, sondern Entfaltungen von Knoten und Links im Raum. ... Der Hypermedia-Raum ist nicht der Raum des Buches. ... Wir sehen die Notwendigkeit, Computer-Netzwerke zur Erfindung neuer kollektiver Formationen der Intelligenz zu benutzen, für neue Interaktionsweisen zwischen Menschen." Das erinnert - und die Erinnerung stimmt wehmütig - an Brechts und Benjamins Begeisterung für das neue Medium Rundfunk und ihre damit verbundenen Heilserwartungen.

Ob man den Forschungsbeiträgen (von denen wir hier nur drei ausgewählt haben) nun zustimmt oder nicht: Allen ist die notwendige Ernsthaftigkeit und die wissenschaftliche Kompetenz auf hohem Niveau anzusehen. Noch ist ja nicht recht erkennbar, in welcher Weise das Phänomen Internet tatsächlich, wie Journalisten in ihrer Cyber-Halbbildung immer nur behaupten, "unser aller Leben verändern wird". Daß diss.sense diese auch kunsttheoretische Frage so präzise beleuchtet, ist außerordentlich verdienstvoll. Und schon jetzt ein Zeichen für die potentielle Seriosität des Mediums.

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