|
|
|
Klartext aus der Schweiz
Aus der Website des Schweizerischen
Buchhändler- und Verleger-Verbands (SBVV) schaut
den Besucher als erstes das Augenspiel einer Eule an - ganz klar, nachtschlafen
ist die Adresse ganz und gar nicht. Sie ist sogar erheblich interessanter
als die immer noch bedauerlich müde, triste Seite des Frankfurter
Börsenvereins.
Zwar ist sind die SBVV-Mitteilungen in erster Linie für das nationale
Fachpublikum eingerichtet, also mit Nachrichten aus dem Schweizer Buchhandel,
diversen Serviceleistungen, mit Adressen, Messeterminen und kleinen Verlagsporträts.
Und sie erlaubt sich die gleiche Knickrigkeit wie die in der August-Gazette
besprochene Zeitschrift "message":
Der Inhalt des Verbandsorgans "Der Schweizer Buchhandel" wird zwar angezeigt,
aber ihn online lesen, auch nur auszugsweise - verboten. Kaufen muß
man das Ding.
Dann aber stößt man auf eine Bücherliste von insgesamt
sechzehn "Trendsellern" samt Umschlagbildern und kurzen Inhaltsangaben
(nur bei der auch noch schweizerischehn Autorin Yvette Z'Graggen und ihrem
Buch "La punta" fehlt bizarrerweise jeder Text neben dem Umschlag).
Das Interessanteste jedoch ist die Information zur Buchpreisbindung.
Während sich hier der Börsenverein dummerweise in defensive Appelle
einigelt, geht der SBVV zum Angriff über. Dazu steht ein ganzes "Dossier
Buchpreisbindung" bereit (die .pdf-Datei braucht nach dem Herunterladen
allerdings einen Acrobat Reader). Und der Text unter dem etwas bieder geratenen
Titel "Die Preisbindung für Bücher ist ein wichtiger Vorteil
der Schweiz" ist erfrischend zu lesen.
Vor allem deshalb, weil er politisch argumentiert, kulturpolitisch
und in bester Tradition bürgerdemokratisch. "Soll die Schweiz als
Willensnation erhalten bleiben", heißt es eingangs, "in welcher die
Bürger über einen hohes Maß an Wissen und Gemeinsinn verfügen,
ist die gut 100-jährige Preisbindung für Bücher ein natürlicher
und unersetzlicher Vorteil, den zu verlieren die Schweiz zu vernichten
hieße. Der selbstbewußte wissende Bürger ist ... undenkbar
ohne die Möglichkeiten, welche die Buchkultur geschaffen hat."
Das sind Gedanken und eine Terminologie, die unser deutsches Feuilleton
leider nur noch ironisch zu äußern imstande ist. Die "Willensnation"
mag uns übertrieben klingen, aber die selbstbewußten Bürger
mit "Wissen und Gemeinsinn" würde man herzlich auch unserm Land wünschen.
Hier die aufgefächerten und nicht minder politischen zehn Argumente
aus dem Dossier:
Die vor knapp hundert Jahren
erfolgte Einführung der Preisbindung für Bücher in der Schweiz
ist ein Akt der wirtschaftlichen Vernunft, der die Schweiz als nationalen
geistigen Raum mit ausgeprägt internationalem Anschluss überhaupt
erst möglich machte. Der geistigen Öffnung des Landes folgte
die wirtschaftliche
Öffnung, die zur ökonomischen
wie intellektuellen Blüte der Schweiz in diesem Jahrhundert entscheidend
beigetragen hat.
AUFLÖSUNG DER EIGENSTÄNDIGEN
KULTUR
Wenn nun, im Rahmen der Globalisierung
und der Europäisierung der Wirtschaft, die Idee der bedingungslosen
Öffnung auch des Schweizer Buchmarktes verfolgt wird, hat dies aufgrund
des schon heute zu beobachtenden Eindringens der internationalen Medien
eine Auflösung des eigenständigen
schweizerischen kulturellen
Niveaus zur Folge. Wie eine ganze Reihe internationaler Berichte aus anderen
europäischen Ländern bestätigen, wo solche Entwicklungen
eingeleitet wurden, waren die Folgen immer die
gleichen: Die internationale
Bestsellerkultur verstärkte ihren Einfluss, die nationale Buchproduktion
sank um mindestens 30 Prozent, die Zahl nationaler Verlage ging massiv
zurück, die Zahl der aufgelegten Bücher sank um gegen 50 Prozent.
PREISBINDUNG IST STAATS-
UND KULTURPOLITISCH BEGRÜNDET
Die ökonomischen Argumente
zur Buchpreisbindung sind für den Entscheid der Wettbewerbskommission
der alleinige Massstab. Die staats- und kulturpolitischen Argumente sind
für den abschliessenden Entscheid des Bundesrates von gleicher Bedeutung,
weil die Schweiz und die Schweizer sich nicht nur ökonomisch definieren,
sondern eine Willensnation sind, die ohne kulturelle Eigenständigkeit
auf Dauer keine Überlebenschance hat. Deshalb ist die Buchpreisbindung
im Gegensatz zu Wettbewerbsabreden, welche das Schweizerische Kartellgesetz
untersagt, im Lichte des überwiegenden öffentlichen Interesses
gerechtfertigt.
Der Buchhandel in der Schweiz
ist mehr als nur eine Warenverteilorganisation. Eine Schweiz ohne eigenständiges
Bücherschaffen wäre nicht die Schweiz von heute. Die Verknüpfung
des Buchhandels und des Schweizer Bücherschaffens mit Staat und Kultur
dieses Landes ist eng:
1. Die Preisbindung leistet
ihren Beitrag zum Service Public des Buchhandels. Die in der Schweiz heute
noch flächendeckende Buch handelsstruktur würde durch eine Aufhebung
der Preisbindung ernsthaft gefährdet. Wie die Praxis beweist, wäre
bei einer Vernichtung dieser Struktur keineswegs sichergestellt, dass die
Einwohner von ländlichen Gebieten und Randregionen den Weg in die
Buchhandlung noch machen würden. Vielmehr wäre anzunehmen, dass
die Fähigkeit zum Lesen und zur Bildung weiterhin abnehmen würde.
Eine echte Demokratie ohne Lesekultur und Bildung ist nach den bisherigen
Erfahrungen undenkbar.
Die Preisbindung kann den
Strukturwandel nicht aufhalten, denn schon heute kämpft ein Drittel
aller Buchhändler mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Die Aufhebung der Preisbindung würde den Service Public des Buchhandels
in Frage stellen.
2. Der Schweizerische Buchhändler-
und Verleger-Verband (SBVV) sowie die Fachverbände sind nicht die
Garanten einer Preisbindung in der Schweiz. Diese Aufgabe haben die Verlage
übernommen, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist. Der
SBVV und seine 840 Mitglieder mit rund 4000 Mitarbeitern ist jedoch in
hohem Masse daran interessiert, den geltenden Status quo zu erhalten. Wäre
dies nicht mehr der Fall, müssten gegen 50 Prozent der Arbeitsplätze
im Buchhandel und Verlagswesen in der Schweiz gestrichen werden.
3. Die schweizerischen Buchhändler
haben sich in ihren Gemeinden und Kantonen stets in überdurchschnittlichem
Masse aktiv für die Belange dieser Körperschaften eingesetzt.
Wird dieser Berufsstand, was durch eine Aufhebung der Preisbindung zu befürchten
ist, massiv reduziert, fallen auch weitere demokratische Leistungsträger
aus.
4. Die Schweiz verfügt
heute über 10 bis 15 Prozent funktionale Analphabeten, die als Erwachsene
nicht mehr in der Lage sind, einen funktionalen Text der täglichen
Lebenspraxis richtig aufzunehmen und zu verarbeiten. Wird die Buchkultur
zugunsten anderer Einflussgrössen weiterhin geschwächt, ist mit
einer Verstärkung dieses Trends zu rechnen.
5. Rund 30 Prozent der Schweizer
Bevölkerung kauft und liest Bücher. Dies ist, gemessen an den
Errungenschaften vieler anderer Staaten, eine bedeutende Zahl, die als
Garant für den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Fortschritt
gelten darf. Wer dieser starken Minderheit die Möglichkeit einschränkt,
sich aus einem grossen Angebot von Mehrheits- und Minderheitsliteratur
zu bedienen, mindert den intellektuellen Status der Schweiz. Unser Land
hat dann nicht nur keine Kohle und kein Erdöl, es hat auch keine «Brain
power» mehr, die als Vorteil gegenüber Dritten gelten kann,
und die Folgen für die soziale und politische Stabilität, welche
die Schweiz auszeichnen, sind unabsehbar.
6. Die nach der Aufhebung
der Preisbindung wahrscheinliche Entwicklung zu Mega-Sellern , die sich
dann auch in Fernsehen und Film verwirklichen, dürfte ein Weg sein,
der keinem Schweizer Autor leicht offensteht. Es ist vielmehr davon auszugehen,
dass die Schweiz von ausländischen Billig-Mega- Sellern überschwemmt
wird und wertvolle Bücher aller Art, auch solche aus dem Ausland,
zusätzliche Lese- und Verkaufseinbrüche erleben werden.
7. Die Einschränkung
und Spezialisierung des Sortiments wäre für eine Reihe von Buchhändlern
der einzige Fluchtweg aus einer politisch verordneten Krise, die sich ausdrückt
in der Förderung des Grossen und Allgemeinen und der Vernichtung des
Kleinen und Speziellen. Das bisherige dichtmaschige Vertriebsnetz für
die gesamte Sortimentsbreite würde jedoch keinen Bestand mehr haben.
8. Die soziale, politische
und kulturelle Vielfalt zahlreicher Schweizer Gemeinden mit einer bedeutenden
Zahl gut geführter Buchhandlungen würde der kulturellen Einöde
amerikanischer Vorstädte Platz machen. Wie alle vergleichenden Studien
zeigen, ist die Buchpreisbindung die Voraussetzung für den Erhalt
mittlerer Buchhandlungen, die ohne einen heute akzeptierten Branchenpreis
aufgeben müssten.
9. Wie die gleichen Studien
unterstreichen, würde der Marktanteil der Grossanbieter zunehmen,
dies aber nicht mit einer besonders anspruchsvollen Sortimentsbreite, sondern
in Form von Gross- und Discountmärkten mit einem sehr engen Angebot.
Sogar die Schweizer Grossbuchhandlungen sind heute der Auffassung, es brauche
die Preisbindung, tragen die kleinen und mittleren Häuser doch mit
ihrem ausgewogenen Bücherangebot bei, das Schweizer Volk intellektuell
gesund zu halten, mehr jedenfalls als in anderen Ländern, die über
solche Vorteile nicht verfügen.
10. Die Schweizer Verlage
haben mit der Preisbindung die Möglichkeit der internen Subventionierung
schwacher Bücher. Diese seit Jahrhunderten gültige verlegerische
Leistung durch staatliche Zuschüsse abzulösen, hiesse den Bock
zum Gärtner machen. Der Staat würde einerseits ein wichtiges
privates Standbein seiner demokratischen Staatlichkeit auflösen, um
anderseits staatsdirigistisch über die Förderwürdigkeit
einzelner Werke zu entscheiden. Ein Mehr an Demokratie lässt sich
davon nicht ableiten.
Sollte man aus der Tatsache, daß dieser Demokratie-Diskurs in
der Bundesrepublik fehlt, schließen müssen, daß uns auch
der Wille zur politischen Selbstbestimmung fehlt?
|