Nr. 17, September 1999
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SBVV
message (Gazette 16)

 
 
 
 
 
 
 
 

 

Klartext aus der Schweiz

Aus der Website des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbands (SBVV) schaut den Besucher als erstes das Augenspiel einer Eule an - ganz klar, nachtschlafen ist die Adresse ganz und gar nicht. Sie ist sogar erheblich interessanter als die immer noch bedauerlich müde, triste Seite des Frankfurter Börsenvereins.
Zwar ist sind die SBVV-Mitteilungen in erster Linie für das nationale Fachpublikum eingerichtet, also mit Nachrichten aus dem Schweizer Buchhandel, diversen Serviceleistungen, mit Adressen, Messeterminen und kleinen Verlagsporträts. Und sie erlaubt sich die gleiche Knickrigkeit wie die in der August-Gazette besprochene Zeitschrift "message": Der Inhalt des Verbandsorgans "Der Schweizer Buchhandel" wird zwar angezeigt, aber ihn online lesen, auch nur auszugsweise - verboten. Kaufen muß man das Ding.
Dann aber stößt man auf eine Bücherliste von insgesamt sechzehn "Trendsellern" samt Umschlagbildern und kurzen Inhaltsangaben (nur bei der auch noch schweizerischehn Autorin Yvette Z'Graggen und ihrem Buch "La punta" fehlt bizarrerweise jeder Text neben dem Umschlag).
Das Interessanteste jedoch ist die Information zur Buchpreisbindung. Während sich hier der Börsenverein dummerweise in defensive Appelle einigelt, geht der SBVV zum Angriff über. Dazu steht ein ganzes "Dossier Buchpreisbindung" bereit (die .pdf-Datei braucht nach dem Herunterladen allerdings einen Acrobat Reader). Und der Text unter dem etwas bieder geratenen Titel "Die Preisbindung für Bücher ist ein wichtiger Vorteil der Schweiz" ist erfrischend zu lesen.
Vor allem deshalb, weil er politisch argumentiert, kulturpolitisch und in bester Tradition bürgerdemokratisch. "Soll die Schweiz als Willensnation erhalten bleiben", heißt es eingangs, "in welcher die Bürger über einen hohes Maß an Wissen und Gemeinsinn verfügen, ist die gut 100-jährige Preisbindung für Bücher ein natürlicher und unersetzlicher Vorteil, den zu verlieren die Schweiz zu vernichten hieße. Der selbstbewußte wissende Bürger ist ... undenkbar ohne die Möglichkeiten, welche die Buchkultur geschaffen hat."
Das sind Gedanken und eine Terminologie, die unser deutsches Feuilleton leider nur noch ironisch zu äußern imstande ist. Die "Willensnation" mag uns übertrieben klingen, aber die selbstbewußten Bürger mit "Wissen und Gemeinsinn" würde man herzlich auch unserm Land wünschen. 
Hier die aufgefächerten und nicht minder politischen zehn Argumente aus dem Dossier:

Die vor knapp hundert Jahren erfolgte Einführung der Preisbindung für Bücher in der Schweiz ist ein Akt der wirtschaftlichen Vernunft, der die Schweiz als nationalen geistigen Raum mit ausgeprägt internationalem Anschluss überhaupt erst möglich machte. Der geistigen Öffnung des Landes folgte die wirtschaftliche
Öffnung, die zur ökonomischen wie intellektuellen Blüte der Schweiz in diesem Jahrhundert entscheidend beigetragen hat.

AUFLÖSUNG DER EIGENSTÄNDIGEN KULTUR

Wenn nun, im Rahmen der Globalisierung und der Europäisierung der Wirtschaft, die Idee der bedingungslosen Öffnung auch des Schweizer Buchmarktes verfolgt wird, hat dies aufgrund des schon heute zu beobachtenden Eindringens der internationalen Medien eine Auflösung des eigenständigen
schweizerischen kulturellen Niveaus zur Folge. Wie eine ganze Reihe internationaler Berichte aus anderen europäischen Ländern bestätigen, wo solche Entwicklungen eingeleitet wurden, waren die Folgen immer die
gleichen: Die internationale Bestsellerkultur verstärkte ihren Einfluss, die nationale Buchproduktion sank um mindestens 30 Prozent, die Zahl nationaler Verlage ging massiv zurück, die Zahl der aufgelegten Bücher sank um gegen 50 Prozent.

PREISBINDUNG IST STAATS- UND KULTURPOLITISCH BEGRÜNDET

Die ökonomischen Argumente zur Buchpreisbindung sind für den Entscheid der Wettbewerbskommission der alleinige Massstab. Die staats- und kulturpolitischen Argumente sind für den abschliessenden Entscheid des Bundesrates von gleicher Bedeutung, weil die Schweiz und die Schweizer sich nicht nur ökonomisch definieren, sondern eine Willensnation sind, die ohne kulturelle Eigenständigkeit auf Dauer keine Überlebenschance hat. Deshalb ist die Buchpreisbindung im Gegensatz zu Wettbewerbsabreden, welche das Schweizerische Kartellgesetz untersagt, im Lichte des überwiegenden öffentlichen Interesses gerechtfertigt.
Der Buchhandel in der Schweiz ist mehr als nur eine Warenverteilorganisation. Eine Schweiz ohne eigenständiges Bücherschaffen wäre nicht die Schweiz von heute. Die Verknüpfung des Buchhandels und des Schweizer Bücherschaffens mit Staat und Kultur dieses Landes ist eng:
1. Die Preisbindung leistet ihren Beitrag zum Service Public des Buchhandels. Die in der Schweiz heute noch flächendeckende Buch handelsstruktur würde durch eine Aufhebung der Preisbindung ernsthaft gefährdet. Wie die Praxis beweist, wäre bei einer Vernichtung dieser Struktur keineswegs sichergestellt, dass die Einwohner von ländlichen Gebieten und Randregionen den Weg in die Buchhandlung noch machen würden. Vielmehr wäre anzunehmen, dass die Fähigkeit zum Lesen und zur Bildung weiterhin abnehmen würde. Eine echte Demokratie ohne Lesekultur und Bildung ist nach den bisherigen Erfahrungen undenkbar.
Die Preisbindung kann den Strukturwandel nicht aufhalten, denn schon heute kämpft ein Drittel aller Buchhändler mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Aufhebung der Preisbindung würde den Service Public des Buchhandels in Frage stellen.
2. Der Schweizerische Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) sowie die Fachverbände sind nicht die Garanten einer Preisbindung in der Schweiz. Diese Aufgabe haben die Verlage übernommen, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist. Der SBVV und seine 840 Mitglieder mit rund 4000 Mitarbeitern ist jedoch in hohem Masse daran interessiert, den geltenden Status quo zu erhalten. Wäre dies nicht mehr der Fall, müssten gegen 50 Prozent der Arbeitsplätze im Buchhandel und Verlagswesen in der Schweiz gestrichen werden.
3. Die schweizerischen Buchhändler haben sich in ihren Gemeinden und Kantonen stets in überdurchschnittlichem Masse aktiv für die Belange dieser Körperschaften eingesetzt. Wird dieser Berufsstand, was durch eine Aufhebung der Preisbindung zu befürchten ist, massiv reduziert, fallen auch weitere demokratische Leistungsträger aus.
4. Die Schweiz verfügt heute über 10 bis 15 Prozent funktionale Analphabeten, die als Erwachsene nicht mehr in der Lage sind, einen funktionalen Text der täglichen Lebenspraxis richtig aufzunehmen und zu verarbeiten. Wird die Buchkultur zugunsten anderer Einflussgrössen weiterhin geschwächt, ist mit einer Verstärkung dieses Trends zu rechnen. 
5. Rund 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung kauft und liest Bücher. Dies ist, gemessen an den Errungenschaften vieler anderer Staaten, eine bedeutende Zahl, die als Garant für den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Fortschritt gelten darf. Wer dieser starken Minderheit die Möglichkeit einschränkt, sich aus einem grossen Angebot von Mehrheits- und Minderheitsliteratur zu bedienen, mindert den intellektuellen Status der Schweiz. Unser Land hat dann nicht nur keine Kohle und kein Erdöl, es hat auch keine «Brain power» mehr, die als Vorteil gegenüber Dritten gelten kann, und die Folgen für die soziale und politische Stabilität, welche die Schweiz auszeichnen, sind unabsehbar. 
6. Die nach der Aufhebung der Preisbindung wahrscheinliche Entwicklung zu Mega-Sellern , die sich dann auch in Fernsehen und Film verwirklichen, dürfte ein Weg sein, der keinem Schweizer Autor leicht offensteht. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die Schweiz von ausländischen Billig-Mega- Sellern überschwemmt wird und wertvolle Bücher aller Art, auch solche aus dem Ausland, zusätzliche Lese- und Verkaufseinbrüche erleben werden.
7. Die Einschränkung und Spezialisierung des Sortiments wäre für eine Reihe von Buchhändlern der einzige Fluchtweg aus einer politisch verordneten Krise, die sich ausdrückt in der Förderung des Grossen und Allgemeinen und der Vernichtung des Kleinen und Speziellen. Das bisherige dichtmaschige Vertriebsnetz für die gesamte Sortimentsbreite würde jedoch keinen Bestand mehr haben.
8. Die soziale,  politische und kulturelle Vielfalt zahlreicher Schweizer Gemeinden mit einer bedeutenden Zahl gut geführter Buchhandlungen würde der kulturellen Einöde amerikanischer Vorstädte Platz machen. Wie alle vergleichenden Studien zeigen, ist die Buchpreisbindung die Voraussetzung für den Erhalt mittlerer Buchhandlungen, die ohne einen heute akzeptierten Branchenpreis aufgeben müssten. 
9. Wie die gleichen Studien unterstreichen, würde der Marktanteil der Grossanbieter zunehmen, dies aber nicht mit einer besonders anspruchsvollen Sortimentsbreite, sondern in Form von Gross- und Discountmärkten mit einem sehr engen Angebot. Sogar die Schweizer Grossbuchhandlungen sind heute der Auffassung, es brauche die Preisbindung, tragen die kleinen und mittleren Häuser doch mit ihrem ausgewogenen Bücherangebot bei, das Schweizer Volk intellektuell gesund zu halten, mehr jedenfalls als in anderen Ländern, die über solche Vorteile nicht verfügen. 
10. Die Schweizer Verlage haben mit der Preisbindung die Möglichkeit der internen Subventionierung schwacher Bücher. Diese seit Jahrhunderten gültige verlegerische Leistung durch staatliche Zuschüsse abzulösen, hiesse den Bock zum Gärtner machen. Der Staat würde einerseits ein wichtiges privates Standbein seiner demokratischen Staatlichkeit auflösen, um anderseits staatsdirigistisch über die Förderwürdigkeit einzelner Werke zu entscheiden. Ein Mehr an Demokratie lässt sich davon nicht ableiten.

Sollte man aus der Tatsache, daß dieser Demokratie-Diskurs in der Bundesrepublik fehlt, schließen müssen, daß uns auch der Wille zur politischen Selbstbestimmung fehlt?

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