Nr. 16,  August 1999
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 Pierre Gripari

 

 

Ein zu Unrecht vergessener Erzähler

Gegen welche allgemein üblichen moralischen Prinzipien und Konventionen muß man denn noch verstoßen, um gehört oder gelesen zu werden? Pierre Gripari, der am 23. Dezember 1990 in Paris verstorbene großartige Erzähler, hat doch so ziemlich alle zu attackieren versucht.

Ob als Kommunist, als Homosexueller oder als kritischer Atheist ("Je suis un rêve!..."): 
Er hat mit seinen provozierenden Fragen, meist in wunderschöne Geschichten verpackt, doch wirklich jede Grenze zu überschreiten versucht, oder, wo das nicht ging, zumindest die Barrieren in Frage gestellt. 

Und doch, wer kennt im deutschsprachigen Raum heute diesen Pierre Gripari? Wenige. Aber die wissen ihn zu schätzen und lieben ihn zumeist abgöttisch. Im Jahr 1925 als Franzose mit griechischer Abstammung in Paris geboren und dort auch aufgewachsen, wurde er erst recht spät bekannt mit seinen liebevollen Kindergeschichten aus einem kleinen Pariser Stadtviertel.

Seine "Contes de la rue Broca" erfand und erzählte er anfangs eigentlich nur für die Kinder in seiner Nachbarschaft. Und auch als Buch blieben sie im eigenen Lande. 

Kürzlich, genauer im Dezember 1998, liefen diese Geschichten nun endlich auch in deutscher Synchron-Fassung, als kleine in sich abgeschlossene Zeichentrickfilme im Kinderkanal.
Es wird also nur eine Frage der Zeit sein, wann sie ald auch als Buch in einem der größeren deutschen Kinderbuchverlage zu haben sein werden. 

Doch nicht nur als Kinderbuchautor wird er geliebt, geschätzt und auch noch nach seinem Tode bewundert und geehrt. In Paris gibt es z. B. den Verein "Les amis de Pierre Gripari", der in zwei  Bulletins jährlich über Ereignisse um und über seine Werke auch noch lange nach seinem Tod ausgiebig berichtet. Und dieser Stoff geht eben nicht aus. 

Ganz egal, ob als Übersetzungen in alle Weltsprachen oder in Inszenierungen seiner unvergleichlichen und wohl ewig zeitlosen Theaterstücke (nicht nur für Kinder) oder in Widmungen von anderen AutorInnen in deren Büchern: Gripari ist bekannt, wird gewürdigt, wenn auch leider bisher in einem nur kleinen, eingeweihten Kenner-Kreis.

Aber dieser Kreis wird größer. Wie gesagt, schlagen die (Sende-)Wellen auch allmählich auf die deutschen Länder über. 

Sein bekanntes und bezauberndes Märchen-Theaterstück "L´inspecteur Toutou" etwa ist nun endlich, seit April 1999, unter dem Titel "Wachtmeister Waldi" nun auch auf Deutsch zu haben. In Paris regelmäßig aufgeführt, hat es in Deutschland, warum auch immer, noch keine Premiere erlebt. Doch dieser Tag wird kommen. Eben langsam, wie bei all seinen Werken; langsam, sehr langsam, aber sicher.

Der kleine Münchner Verlag Matthes & Seitz hat sich seiner Werke schon recht früh, nämlich im Jahr 1992 angenommen. Einige seiner zeitkritischen Texte wurden aus mehreren Werken ausgewählt und sind in den beiden Taschenbüchern "Kleiner Idiotenführer durch die Hölle" und "Göttliche und andere Lügengeschichten" erschienen. Darunter auch die zauberhafte kleine Kindergeschichte von dem kleinen Teufelchen, dessen sehnlichster Wunsch es ist, einmal in den Himmel zu kommen (und der dies dann auch schafft, nicht unbedingt zur großen Freude seiner Eltern, wie man sich denken kann). 

Zeitweise (wie verständlich) vergriffen, wurden sie in der Serie Piper im November 1996 neu aufgelegt. Leider bleiben sie von vielen Menschen weiterhin unentdeckt.

Zu Unrecht, denn wer so viel für die französische Literatur geleistet hat wie Pierre Gripari, sollte seinen Ehrenplatz nicht nur dort im eigenen Sprachraum-Land erhalten, sondern weit darüber hinaus bekannt gemacht werden. Sein Schaffen umfaßt bis heute zwanzig Bände, wobei er kaum ein Genre nicht behandelt hat. Seien es nun die Gattungen Roman, Gedicht, Theaterstück, überall im Bilderbuch oder auf CD und K 7 (Cassette): Pierre Gripari lebt in Wort und Bild weiter.

Aber es stellt sich die Frage: Warum wird er hierzulande kaum gelesen? Schreibt er zu gut oder schlecht? Die Frage läßt sich nicht einfach beantworten. Jedenfalls war nur einem einzigen Werk, den schon erwähnten "Contes de la rue Broca" zu seinen Lebzeiten der kommerzielle Erfolg beschert. Vielleicht ist das eine oder gar die signifikante Erklärung. Denn Gripari verstand sich mehr als Erzähler, denn als Schreiber. Er sagte einmal: 

"Geschichten erzählen ist der schönste Beruf von der Welt, und die Freude, die man dabei erfährt, ist eines der seltenen Dinge, die nie trügen." 

Und möchten Sie ihn und seine himmlisch-höllisch-zauberhaft-abgöttisch-gelungenen Geschichten nun selbst kennenlernen, ja dann kann ich nur noch auf diese beiden Taschenbücher verweisen.

Spätestens darin erfahren Sie, wie das Leben so spielt in dieser Welt, weil sie nämlich nur so nebenbei von einem kleinen spielenden Gott, der von seiner Mutter Gott behütet wird, ganz spielerisch erschaffen wurde. Sie dürfen dort sogar beim Jüngsten Gericht einem Interview beiwohnen, in dem Mohammed einer Journalistin seine leicht skurrilen Ansichten vom Rollenverständnis zwischen den Geschlechtern mitteilt. Ja, und wenn ihnen das noch nicht genügt, denn die Abenteuer des kleinen Teufelchens haben Sie doch sicherlich schon als erstes gelesen; dann informieren Sie sich doch darüber, was passieren würde, wenn Sie selbst einmal dem Weihnachtsmann oder dem Christkind Ihre eigenen Fragen stellen dürften, um sie so näher kennenzulernen.

Das können Sie sich nicht vorstellen? - Nun, dann wird es aber allerhöchste Zeit. Ich sage nur: Kaufen. Lesen. Und sich verzaubern lassen. Und vielleicht hat dieser phantastische Autor danach wieder einen Leser oder eine ganze Familie mehr als Fans gefunden. In jedem Falle wäre es ihm zu wünschen. Ich wünsche eine besonders gute und ausgefallene Unterhaltung mit ihm.

Josef Mahlmeister

Pierre Gripari
Kleiner Idiotenführer durch die Hölle
Piper, München / Zürich 1996
148 Seiten, 12 x 19 Zentimeter
DM 12,90, öS 94, sFr 12,90

ders.
Göttliche und andere Lügengeschichten
Piper Verlag, München / Zürich 1996
191 Seiten, 12 x 19 Zentimeter
DM 16,90, öS 123, sFr 16,--

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