Nr. 16,  August 1999
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Der Geburtstag
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Das Jubiläum

Das Gute am zweihundertfünzigsten Geburtstag des Klassikers ist, daß nach diesem Monat  wieder eine gewisse publizistische Ruhe eintreten wird. In ihrem also vorerst letzten Kalenderblatt schenkt Die Gazette dem gebildeten Publikum einen kleinen Korb Texte. Darin liegen 
- offenbar erst kürzlich entdeckte Tagebuchblätter Eckermanns, ein intimer Blick in die "geschundene" Seele des Sekretärs und Gesprächspartners, dazu
- ein parodistisches Gespräch mit Eckermann selbst,
- ein sehr praktischer  Goethe kompreß
- die Nicolaischen Freuden des jungen Werthers, ein 
- Auszug aus einem Schulaufsatz und als Original-Zugaben 
- ein seltenes  parodistisches Goethe-Gedicht auf den Konditor Händel (gegen den Kollegen und Philosophieprofessor Christian August Clodius, der Fremdwörter über alles liebte) sowie
- ein kaum bekanntes, aber erstaunlich aktuelles Währungsgutachten des Olympiers (aktualisiert und kommentiert von Oliver Necker, New York).
 

Aus den geheimen Tagebüchern des Johann Peter Eckermann, 23. März 1832*

Doctor Vogel informierte mich. Nicht gerade ein gelinder Gang unmerklich in das stille Reich der Schatten, nein, ein Stickfluß, fürchterliche Angst und Unruhe trieben den Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen suchte.
In solchen Momenten muß einer ein Vorgefühl seiner nahen Auflösung haben. [...]
Ich seh's vor mir, kurz bevor es mit ihm dahin ging, verlangt doch der Alte, daß man den zweiten Fensterladen öffne, damit mehr Licht sei.
Gestern also, eine halbe Stunde vor dem Gongschlag zwölf, starb er.
Auf dem Rücken ausgestreckt, ruht er wie ein Schlafender. Man wird erwarten von mir, daß ich sage: Tiefer Friede und Festigkeit walten auf den Zügen seines erhaben-edlen Antlitzes. Doch sieht man dem eingefallenen, erschlafften Gesicht die Pein des Sterbens an. Die Totenmänner werden Mühe haben, ihn herzurichten. Die mächtige Stirn hegt endlich keine Gedanken mehr.
Müßte ich jetzt klagen? Trauern? War er meine Vergangenheit, wo dann ist jetzt meine Zukunft? Verloren. Fort! War das dein Leben, Eckermann? Da haben wir's: Eckermann! - kennt jemand meine Vornamen? Jenes des Goethe gewiß, der Olympier, der Große Alte von Weimar, geadelt, gehätschelt, von allen Frauen verwöhnt, der brauchte Vornamen nicht. Aber ich - Johann Peter!, des Meisters Sprachrohr, Schreibfeder, Sekretär, wird man nicht sagen Kreatur? Poet wollte ich werden, ach, selber ein Dichter und band mir, Narr des Glückes, den eignen Strick, als ich ihm meine Beyträge zur Poesie sandte und engagiert ward.
Ich werde über seinen sittlichen Wert mit möglichsten Glimpf hinweggehen und mich damit begnügen, ihn mit seinem eigenen Fette zu beträufeln. Wer dermaleinst die nicht- geschriebenen Worte aus den geschriebenen herauszulesen versteht, wird nicht im Zweifel sein [...], was ich meine.
Da ruht also der greise Tote, und mein bejammernswertes Leben rollt durch meine Stirn. Übrigens wird mir denn doch bei dieser Gelegenheit immer deutlicher, was ich schon lange im stillen weiß, daß diejenige Kultur, welche die Mitmenschlichkeit dem Geiste gibt, bei Euch, Toter, äußerst einseitig und beschränkt war.
Wer sich dem Dienen vertraut, hält er sein Leben zu Rat? Wir hatten das ganze Verhältnis wie Mann und Frau gegeneinander. So lieb ich ihn hatt', so er mich, so dient' ich ihm, so viel Oberherrschaft äußerte er über mich. So viele Möglichkeiten - vertan, vertanzt. 
Der Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen? Wohl wahr, keine Dichtung ist's. Hammer zu sein, scheint jedem rühmlicher und wünschenswerter als Amboß, und doch, was gehört nicht dazu, diese unendlichen Schläge auszuhalten. Zwar, das Elend wurde mir nach und nach so prosaisch wie ein Kaminfeuer, doch ich rang mit ihm. Eine dauerhafte Kränkung seiner, vielmehr meiner! Wie ein Faulfieber hat er in meiner Seele gewütet.
Bald versank er in sich selbst, als wäre ganz die Welt in seinem Busen, er sich ganz in seiner Welt genug, und alles rings umher verschwindet ihm, er läßt es gehn, läßt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich - Und oft fiel eine gütig-sorgende Natur ihren Liebling mit physischer Krankheit an, um ihm von der anderen Seite Luft zu machen [...].
Auch da war er ein Jammerer, wie ein hypochondrischer Wind fuhr es durch ihn hin. Bei der kleinsten Irritation beteuerte er, sein Bündel sei geschnürt, er warte nur auf Ordre zum Abmarsch.
Und läßt er nicht dazu sich wie ein Kind von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt? Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? Gewürze, süße Sachen, stark Getränke, eins um das andre schlingt er hastig ein, und dann beklagt er seinen trüben Sinn, sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen, und schilt auf die Natur und das Geschick. Wie bitter und töricht hab ich ihn nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn! Über seine ausgesprochene Vorliebe für üppige Fleischgerichte und für Süßigkeiten und vor allem für Wein, schon zum Frühstück, ausgiebig zum Essen und obendrein zum Nachtisch - vom Abend zu schweigen. Ein Völlerer!
Halt, Johann Peter!** [...] Was kümmern dich die fremden Angelegenheiten? Nimm selber du dich bei der Nase. Zwölf Jahre öden Brautstand hast du ihr bereitet, Johannen, der theuren Geliebten; endlose Wartezeit in freudlosem Jungfernstand, nur weil ER es so wollte. Zwischen Liebe und Pflicht hieß er dich wählen, und du, grämlicher Hagestolz schon in jungen Jahren, zeigtest dich willfährig. Eine einzige geheime amour fou hast du dir geleistet, eine einzige; Auguste, ach meine Sängerin, bliebst diskret im geschwätzigen Weimar - Person oder Freundin der Seele nannte ich dich weislich IHM gegenüber. Da war ER klüger und rascher zur Hand mit dem Äugeln und den Miseleien.
Und als du Johanna, die spitzzüngig gewordene, überständige Jungfrau endlich zum Altar führtest, warst du 29 und schon alt. Nur einmal erzeigt Er sich selbstlos und riet dir, eine vakante Archivarstellung in Hannover anzunehmen, um die Heirat eher zu ermöglichen; allein, der Posten erwies sich als besetzt, als du dich bewarbest. Und so blieb alles beim alten; der von Olymp begrüßte deine Frau kühl und distanziert, als du sie nach Weimar brachtest.
Wie mancher Schuft wird sich jetzt ein Geschäft daraus machen, meinen Anteil an seinem Werk zu verkleinern; das ist die Art der Welt, der wir nicht entgehn.
Doch auf einmal, im Todeszimmer, das innere Gesicht, Ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel fuhr es vor mich und wird leuchtend stehen bleiben: Da sieht mein Ich zum ersten Male sich selber und auf ewig.
Ja, der Gedanke an seinen Tod läßt mich völlig ruhig, denn ich habe die feste Überzeugung, daß der Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur. Glaubt ihr, sein Sarg könne mir imponieren? [...]
Sehr kalte Luft. Etwas gegessen. Plötzlicher heftiger Fieberanfall. Ich muß mich zu Bett legen.
Der Tod ist wie ein später Seufzer.
Dies sei mein letztes Wort. Mehr nicht.

* Vorabveröffentlichung einer in Vorbereitung befindlichen Edition. Der vollständige Text des Deckblattes des 67 Seiten umfassenden, eng beschriebenen Manuskriptes lautet: Meine heimlichen Tagebücher, von mir, Johann Peter Eckermann, aufgezeichnet am Abend des 23. März 1832, versiegelt und gegeben zur Aufbewahrung dem W. Geheimen Rat Frhr. v. Denffer und zur Veröffentlichung bestimmt nicht vor meinem Tode. [Unterschrift:] J. P. E.
Quelle: Privatbesitz Frhr. V. Denffersche Erbengemeinschaft. D. Hg.

** Es folgen zwanzig Seiten, deren Beschriftung unleserlich gemacht wurde. Ihre Entzifferung und, sofern möglich, Rekonstruktion obliegt seit Anfang 1997 dem Radiologischen Institut der Unversität Bologna unter Leitung des Direktors Dott. Paolo de Rossi. D. Hg.

Andreas Hopf
 

Robert Neumann

Gespräche mit Goethe
nach J. P. Eckermann

Dienstag, den 29. Februar 1827
Goethe war heute mittags in der herzlichsten Stimmung. Er zeigte uns zum Nachtisch einige Kupfer, die ihm kürzlich zugekommen, und auf denen die berühmte Josefine Baker, eine Negerin zu Paris, fast völlig hüllenlos in einigen Tanzstellungen festgehalten war, indem er zugleich seine Tochter neckte, in der Fastnacht gleich jener im Grunde nur spärlich bekleidet der versammelten Hofgesellschaft sich vorgestellt zu haben. "Sie sehen hier", sagte er, die Blätter immer wieder betrachtend, "wie bei diesen Angehörigen der sogenannten wilden Völker selbst die alltäglichsten Verrichtungen anmutig und zugleich bedeutend auf den Beschauer zu wirken imstande sind. Hascht diese Rechte, unvermutet erhoben, nach einem der großen Papillons des Urwaldes, wie unser guter Meier sie uns gestern geschildert hat? Tritt diese Ferse, aus geübtem Gelenke seitwärts geschnellt, einem abgewiesenen Liebhaber vor die im Knien flehend aufgehobene Stirn? Und ist es nicht, als wollte dies tanzende Naturkind leicht rückwärts gedrängten Gesäßes den Gespielinnen seine Mißachtung bezeugen?" Wir stimmten ihm zu. 

Edwin Bormann

Goethe-Quintessenz
(Allen zitatenbedürftigen Gemütern gewidmet)

Ihr naht euch wieder? In die Ecke, Besen!
Luft! Luft! Clavigo! Meine Ruh ist hin.
Der König rief: Ich bin ein Mensch gewesen;
Das Ewig-Weibliche, das war mein Sinn.
Ein deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
Der andre hört von allem nur das Nein.
Ich weiß nicht, nur die Lumpe sind bescheiden,
Ein Werdender wird immer dankbar sein.
Mir graut's vor dir, der Kasus macht mich lachen,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an;
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,
Der Morgen kam, kühl bis ans Herz hinan.
Prophete rechts - mein Herz, was soll das geben?
Du sprichst ein großes Wort gelassen aus;
Das Wasser rauscht ins volle Menschenleben,
Ich denke dein, so oft er trank daraus.
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen;
Der Page lief, man sieht doch wo und wie.
Was hör' ich draußen?`Fräulein, darf ich's wagen?
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.
Heißt mich nicht reden, schwankende Gestalten!
Man merkt die Absicht, dunkler Ehrenmann!
Durch Feld und Wald laßt mir herein den Alten;
Ich kenne dich, du siehst mich lächelnd an.
Er sah ihn stürzen, himmlisches Behagen!
Der Knabe kam und ward nicht mehr gesehn.
Die Sonne sinkt, du mußt es dreimal sagen - 
Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.
Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen,
Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern ...
Es muß sich dabei doch was denken lassen?!
Ergo bibamus! ist des Pudels Kern.

Friedrich Nicolai

Freuden des jungen Werthers

Als Albert aus seinem Zimmer zurückkam, wo er mehr hin und hergegangen war und sich gesammelt, als seine Packete durchgesehen, kam er wieder zu Lotten, und fragte lächelnd:
"Und was wollte Werther? Sie wusten ja so gewiß, daß er vor Weihnachtsabends nicht wiederkommen würde!"
Nach hin- und Wiederreden gestand Lotte, aufrichtig wie ein edles deutsches Mädchen, den ganzen Vorgang des gestrigen Abends. Indem sie's aber gesagt hatte, bangte sie auch schon, sie möchte, aus Unkunde zu lügen, ihm Wermuth gereicht haben.
Nein, sagte Albert, sehr ruhig: Sie haben Balsam in meine Seele gegossen. Sie verläugnen auch hierin Ihr edles Herz nicht. Aber ein wenig unüberlegt haben Sie gehandelt, meine liebe Lotte. Sie hatten ihm, wie ich merke, ein Versprechen abgezwungen, daß er vor Weihnachtsabends nicht wieder kommen wollte. Sie wollten mich dadurch beruhigen, weil Sie wusten, daß ich verreisen muste, weil Sie, liebste Lotte, meine Eifersucht gemerkt hatten, die ich gern vor mir selbst verborgen hätte. Ich danke Ihnen dafür (er küßte ihr die Hand). Aber da nun Werther wider sein Versprechen sich eindrang, so hätten Sie sich nicht so vertraulich mit ihm aufs Kanapee setzen, und unter vier Augen in Büchern lesen sollen. Sie verließen sich auf die Reinheit Ihres Herzens. Dieß ist für ein Mädchen ein sehr edles Bewustsein. Aber da denkt der beste Kerl nicht dran, zumahl, wenn die Liebe Hindernisse find't und die Zeit kostbar ist. O Weiber! Machts dem besten Buben weiß, daß er Euch ein Versprechen ungestraft brechen darf, und er wird mehrere brechen wollen. - So haben Sie's, liebste Lotte, ohn's zu denken, selbst so eingeleitet, daß Sie sich ins Kabinett verschließen mußten. - Die Scene war wirklich stark - 
Lotte weinte bitterlich.
Albert nahm sie bey der Hand, und sagte sehr ernsthaft: Beruhigen Sie sich, liebstes Kind. Sie lieben den Jungen, er ists werth daß Sie ‘n lieben, Sie haben ‘s ihm gesagt, mit dem Munde oder mit den Augen, ‘s ist einerley. -
Lotte fiel ihm schluchzend in die Rede, betheuerte, daß sie ihn nicht liebe, daß er vielmehr nach der letzten Scene ihren Haß verdiene, daß sie ihn verabscheue. --
Verabscheuen? Das ist etwas, liebstes Lottchen, das lautet so, als ob sie ihn noch liebten. Hätten Sie ganz gelassen gesagt, der Bursche wäre ihnen gleichgültig, so hätte ich still geschwiegen, so hätte ich Ihnen nicht gesagt, daß ich alle Ansprüche - 
Großer Gott! rief Lotte laut schluchzend, indem sie sich das Gesicht mit dem Schnupftuche bedeckte, wie können Sie meiner so grausam spotten! Bin ich nicht Ihre Verlobte? Ja er soll mir seyn was Sie wollen, gleichgültig! Verabscheuungswürdig! So gleichgültig als - -
Als ich selbst? Rief Albert. Das wäre für mich gut, aber nicht für ihn. ...
Albert erklärte ihr nun weitläufig, er gebe nach reiflicher Ueberlegung alle Ansprüche an sie auf. Er wolle eine zärtliche wechselseitige Liebe nicht stören. Er wolle sie beide und sich selbst nicht unglücklich machen. Aber er wolle ihr Freund bleiben. Er wolle selbst Werthers wegen sogleich an ihren Vater schreiben, das solle sie auch thun, und Werthern eher nichts sagen, als sie Antwort erhalten habe.
Lotte, nach vielen Umschweifen, nach vieler weiblicher Zurückhaltung, gestand ihre herzliche Liebe zu Werthern, nahm Alberts Vorschlag dankbar an, und gieng in ihr Zimmer um zu schreiben.

Kurt Tucholsky

Hitler und Goethe - ein Schulaufsatz

...
Gleichnis
Zwischen Hitler und von Goethe bestehen aber auch ausgleichende Berührungspunkite. Beide haben in Weimar gewohnt, beide sind Schriftsteller, und beide sind sehr um das deutsche Volk besorgt, um welches uns die andern Völker so beneiden. Auch hatten beide einen gewissen Erfolg, auch wenn der Erfolg Hitlers viel größer ist. Wenn wir zur Macht kommen, schaffen wir Goethe ab.
...
[NOTE:] Sehr gut!

Goethe und das sogenannte gesunde Volkempfinden

... und noch Goethe ist entsetzt bei dem Gedanken, daß künftig die Ehe zwischen Christen und Juden nicht mehr gesetzlich verboten sein soll. Goethe aber war denn doch, wahrhaftiger Gott, kein Rückschrittler oder gar Helot; was aus ihm sprach, war nichts anderes als die Stimme des Blutes und der Vernunft. 
(Hitler, Mein Kampf)
 

Und schließlich der Klassiker selbst als Parodist

An den Kuchenbäcker Händel

O Händel, dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht,
Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt!
Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen,
Mit schöpfrischem Genie, originelle Kuchen.
Des Kaffees Ozean, der sich vor dir ergießt,
Ist süßer als der Saft, der vom Hymettus fließt.
Dein Haus, ein Monument, wie wir den Künsten lohnen,
Umhangen mit Trophän, erzählt den Nationen:
Auch ohne Diadem fand Händel hier sein Glück,
Und raubte dem Kothurn gar manch Achtgroschenstück.
Glänzt deine Urn dereinst in majestät'schem Pompe,
Dann weint der Patriot an deiner Katakombe.
Doch leb! Dein Torus sei von edler Brut ein Nest,
Steht hoch wie der Olymp, wie der Parnassus fest!
Kein Phalanx Griechenlands mit römischen Ballisten
Vermög Germanien und Händeln zu verwüsten.
Dein Wohl ist unser Stolz, dein Leiden unser Schmerz,
Und Händels Tempel ist der Musensohne Herz.
 

Goethe als Währungshüter

Die Ironie ist, dass, wenn bisherige, über unsere Machenschaften verärgerte Dollarreservennutzer auf Euro umsteigen, dieser stärker (und der Dollar und der Yen, dem der Euro ebenfalls schwere Probleme, vor allem imperialer Art, servieren wird, schwächer) wird als verdient.   Auf jeden Fall aber wird uns dann nicht mehr ohneweiteres zugestanden, unbegrenzt Schulden zu machen und, zweite lronie, das ausgerechnet an dem Zeitpunkt, in dem wir befreundeten asiatischen Staaten aus Schwulitäten helfen sollten, was klassischerweise mit lmporten geschieht 

Auch Alan Greenspan und seine Zentralbank sieht sich einer völlig neuen, unerwartet gefährlichen Situation gegenüber:  konnte er bisher ohne Rücksicht auf den Aussenwert des Dollars fast nach Belieben am Zinshahn rucken, wenn es die welt- oder die einheimischen Umstände erforderten, hat er dann dieses lnstrument nicht mehr.   Fliessen namhafte Reservebeträge in den Euro, werden wir höhere Zinsen für unsere Auslandsschulden bezahlen müssen, ja vielleicht Schwierigkeiten haben, überhaupt Geld aufzunehmen.   Auf jeden Fall wäre Greenspan seine Wunderlampe genommen.   Dann muss die Politik fiskalisch agieren, was nicht nur weh tut (zudem das seit Reagans Abtreten ‘mega-out' ist, inzwischen von den Neo-Oekonomen schamlos pupuht wird;  dabei war Reagans Supply side economics Schulbuch-Keynes -- aber Keynes ist heutzutag --auch hier gibt es Moden-- eben ein Nobody: der Markt ist es, die unsichtbare Hand, die alles --einschliesslich die allermeisten von uns-- richten wird 

Jedoch können derlei Massnahmen nur funktionieren, wenn sie mutig und schnell kommen, und unsre lädierte Regierung hat weder Muskeln noch Stehvermögen, sie durch den Kongress zu kriegen.   Wie das, vor allem vor dem Hintergrund der zitternd-flattrigen Wall Street --die zurecht oft die Hosen voll hat und zu Unrecht globalisiert--, weitergehen kann, darüber ein andermal.   Mittlerweilen, bis zur einigermassen Gesundung, täglich zwei Esslöffel vor dem Schlafengehen, Goethes zwischen 8. und 23. November l793 entstandene ‘Ausarbeitung des Schemas für ein Münzgutachten' komplett, frisch eingelesen:

Jeder Münzfuß, er sey
welcher er wollte, muß fest seyn.
Es kann dieser Grundsatz nicht oft genug wiederhohlt werden.
Er ist die Basis von allen,
er muß uns als ein Raisonnement durch die ganze bevorstehende Abhandlung leiten;
der Staatsmann muß sich ihn einprägen;
er muß ihn ganz allein vor Augen haben,
er mag sich nun als Vormund der ganzen Vermögensmasse,
als Verwalter der Fürstlichen Cassen,
als Rathgeber der Kapitalisten und großen Besitzer,
als Aufseher über Handel und Wandel,
als Beobachter der Operationen benachbarter oder entfernter Fürsten und Mächte,
als Arzt in unglücklichen Münzzerrüttungen,
als Beurtheiler, der leider so vielfältig sich kreuzenden Palliativvorschläge,
er mag unter einem Gesichtspunkte sich ansehen, unter welchem er will,
so wird er diesem einzigen Grundsatze jederzeit wie dem Polarstern in der Nacht,
oder dem ariadnäischen Faden folgen können

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