Nr. 16,  August 1999
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Kommentar
Gastkolumnen:
Joachim Dohnal
Anne Rose Katz

 

 

Joachim Dohnal

Bestbezahlteste Chirugen

Während Christoph Drösser in der ZEIT-Ausgabe 30/1999 der Frage nachgeht, ob die "wilde Datensammelei nun ein schwerwiegender Eingriff in die Privatsphäre des Surfers" ist, haben Sabine Etzold/ Wolfgang Blum(?) und Klaus Schallhorn an anderer Stelle diese Frage längst für sich beantwortet. Sie beömmeln sich über die von dem in London lebenden EDV-Experten gesammelten Orthografie-Schwächen der Suchmaschinen-Nutzer.
Da sich aber ausser den beiden kaum jemand ernsthaft die Frage stellt, ob Internet-Nutzer überdurchschnittlich gebildet sind, wirkt das Amüsement der beiden verzwungen wie das Heranwachsender auf dem Schulhof, die sich andauernd beweisen müssen: "Boa ey! Guck mal die aus der 7b, die sind vielleicht doof!"
Gäbe es die DDR noch, so gäbe es eine staatseigene Suchmaschine namens Intersearch. Die DDR gibt es nicht mehr, aber Intersearch gibt es. Und noch etwas erfahren wir aus dem Artikel von Sabine Etzold/ Wolfgang Blum(?). Es gibt Leute wie Klaus Schallhorn, die offensichtlich all den Quatsch, den ich in eine Suchmaschine eingebe, lesen und auswerten müssen. Das eröffnet ganz neue Perspektiven. So muss ich in Zukunft nicht mehr anonym an der Suchmaschine Intersearch rumtippen, sondern kann Herrn Schallhorn persönlich via Suchbefehle ansprechen:
Hallo Herr Schallhorn, sind Sie's? Sie brauchen sich nicht mehr verstecken.<SUCHEN>
Dacht' ich's mir doch. Hab Sie gleich erkannt an Ihrem hysterischen Lachen, <SUCHEN>
nachdem ich das Wort "Göte" eingetippt hatte. <SUCHEN>
Schon viele Hämoriden heute gehabt? <SUCHEN>
Wie ist die Auslastung? Wie hoch der Lachfaktor? <SUCHEN>
Schönen Tag noch, Herr Schallhorn. <SUCHEN>

Aber ich weiss nicht, ob für Herrn Schallhorn der Schuss nicht nach hinten losgeht. Sollte sich seine voyeuristische Tätigkeit rumsprechen, so könnte sich www.intersearch.de zur ersten Adresse für den notorischen Schwätzer entwickeln: Einer darf alles schreiben, Herr Schallhorn muss es lesen. Auch
könnten verärgerte Intersearch-User nach Lesen der Glosse von nun an persönlich werden:
Was, nur 39.934 Treffer? Jetzt aber mal ran, Schallhorn! <SUCHEN>

Gerade die Mitglieder von "Sexglubs" und "Swingerklubs" sind für ihren rüden Umgangston bekannt: Möglicherweise wird dann manch einer nicht "die Technik wie einen Ausländer, der der deutschen Sprache nicht ganz mächtig ist", benutzen, sondern wie ein verdammt wütender Bierkutscher, der der Fäkalsprache sehr wohl mächtig ist: 
Was, null Treffer für Möbbse und digg? Schallhorn! Sie @!!?#*!! <SUCHEN>

In unserem Geglglub ist ein EDV-Spezialist, der zwar nur in Cleversulzbach und nicht in London lebt, der sich aber gesagt hat: Wer im Internet zum Spass surft, darf auch "Gibsarm" und anderen Blödsinn schreiben. Aber wer mit Schreiben sein Geld verdient und es besser wissen will und sollte, darf das nicht. Also nahm er sich einige der gängigen Klippschulklippen (in unserem Geglglub schreiben wir das natürlich: Glibbschulglibben) der
Henri-Nannen-Schule vor und untersuchte daraufhin das CD-ROM-Archiv der TAZ vom September 1986 bis Februar 1999.
Der erste Testlauf war die "Hämorrhoide": 43mal benutzt und 3mal falsch. Etwa jede 15. Hämorrhoide in den TAZ-Ausgaben der letzten 12,5 Jahre ging in die Hose. Aber auch der "Rhythmus" wurde 38mal falsch geschrieben. Immerhin 2.738mal korrekt.
Schlechter sieht die Trefferquote bei der "Atmosphäre" aus. 115mal falsch, jede 60ste lag daneben. In der Korrektur-"Chirugie" (7 von 225 Benutzungen) hätte das überflüsige "s" oder "h" herausgeschnitten werden müssen. Spätestens daran, dass "Diphtherie" 44mal falsch und nur 30mal richtig geschrieben wurde, erkennt man: die TAZ ist kein medizinisches Fachorgan. Liegt es daran, dass so wenig Besserverdienende die TAZ lesen? Jedenfalls kennt die TAZ tatsächlich "bestverdienendste, bestaussehendste, bestangezogenste und bestbezahlteste" Menschen. Henri Nannen hat mit einem Merksatz versucht, seinen Schützlingen solche schwachsinnigen Steigerungsformen auszutreiben: "Entweder vorne dick oder hinten dick. Aber niemals vorne  u n d  hinten dick!" Aber das kommt davon, wenn man sich einbildet, diese lächerliche Journaillenschule überspringen zu können, und sich ohne Umwege in eine Redaktionsstube setzen will.

Von einer Zeitung, die sich einen Kulturteil leistet, darf man erwarten, dass deren Redakteure die Namen von Künstlern und Schriftstellern korrekt benutzen. Mit "Keith Jarret, Cannonball Adderly, Thelonius Monk, Pharao Sanders, Gustav Flaubert, Karl Krauss, Robert Gernhard und Eckhart (Eckard, Eckart) Henscheid" ist das nicht der Fall. Dass etwa jede siebte "Monty Python" zu einer "Monthy Python" verunstaltet wird, sollte mit einer einmonatigen Schwärzung der Witzseite geahndet werden. Oder meint die TAZ gar nicht "Monatliche Python"?
Selbst der gelegentliche TAZ-Schreiber H. L. Gremliza muss es sich gefallen lassen, als "H. L. Gremlitza" archiviert zu werden. Aber der Verursacher dieses Fehlers hat ja inzwischen zum SPIEGEL gewechselt, wo er nach der Entschlüsselung von HVA-Magnetbändern Gremlizas vermeintlichen Stasi-Kontakten nachgehen will. So wird das aber nix. Herr Schallhorn kann ein Lied davon singen. Stundenlang die Bänder nach "Gremlitza" (SPIEGEL 3/1999) durchnudeln und sich dann über ausbleibende Treffer wundern. Ohne Ausnahme korrekt geschrieben sind die Namen "Helmut Schmidt" und "Gräfin Dönhoff". Ist aber auch nicht verwunderlich. Denn nichts kann einem schneller die Karriere verbauen als das falsche Buchstabieren der Namen seiner potentiellen zukünftigen Arbeitgeber. Gefeilt werden muss noch an der vollständigen und standesgemässen Anrede, denn in 7% der Namensnennung Marion Dönhoffs wurde der Titel "Gräfin" einfach weggelassen. Für die 12,5 Jahre durchgehaltene korrekte Verwendung des Namens "Beate Uhse" habe ich allerdings keine Erklärung. 
Vielleicht gerade wegen der häufigen Patzer, die der TAZ unterlaufen, betrachten viele sie gar nicht als richtige Zeitung, sondern als die Journalistenschule der Nation, aus der sich auch die ZEIT gerne bedient. In einer Schule werden natürlich Fehler gemacht, man übt ja noch. An die Kinder-Post kann man nicht dieselben strengen Massstäbe anlegen wie an die richtige Post. Das gilt eben auch für die "Kinder-FAZ" (H. L. Gremliza). 

Wie sieht das nun aber bei den gestandenen Profis der ZEIT aus?
Als in der ZEIT Orthografie noch mit pe-ha geschrieben wurde und beim Stichwort "Internet" die Redaktionsmitglieder nur zustimmend nickten und bestätigten, die Inder seien wirklich sehr nett, da präsentierte Fritz J. Raddatz ein Goethe-Zitat zum Frankfurter Bahnhof, das keines war. Aber Hauptsache "Goethe" und "Bahnhof" waren korrekt geschrieben. F. J. Raddatz würde auch niemals "Chirugie" in eine Suchmaschine eingeben, schrieb aber doch in die ZEIT-Maschine "Colombray", als er das Dorf Combray aus Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" meinte.
Aber betreiben wir keine Vergangenheitsbewältigung und schauen uns die ZEIT im World-Wide Web an. Nicht ganz auf der Höhe der Technik zeigt sich die ZEIT Online bei der Textpräsentation des Artikels "Unfällegibs im Sexglub". Texttrümmer eines Artikels über Zonen-Gabi hängen zusammenhanglos am Ende, und es ist nicht ersichtlich, wer denn nun den Artikel verfasst hat. Cyber-Dada? Der Säzzer? Der Tägger? 
Den Klippschulklippen-Test jedenfalls besteht das ZEIT-Online-Archiv bravourös. Ausser einem "Thelonius Monk" kein Schnitzer. Bei dieser passablen Bilanz soll die ZEIT sich meinetwegen über die Web-Deppen lustig machen. Solange aber unter den schreibenden Profis die Orthografie-Schwäche ebenfalls verbreitet ist, fragt sich, wer denn nun letzten Endes erfolgreicher recherchiert: Rechtschreibgiganten wie Klaus Schallhorn und Sabine Etzold / Wolfgang Blum(?) oder der Suchmaschinen-User, der (bewusst oder unbewusst) Schreibfehler einkalkulierend "Hämorride" oder "Chirugie" eintippt. Immerhin 40 Prozent der Textstellen entgehen demjenigen, der brav "Thelonious Monk" in die Suchmaske des TAZ CD-ROM-Archivs eingibt. Bei "Monty Python" sind es 15 Prozent, die einem durch die Lappen gehen. 
Bildungsbeflissenheit als Handicap?
 
 

Anne Rose Katz

Sommermusiken
Unernste Variationen über ein altes Thema 

Mit dem Ohr kommst du vom Regen in die Traufe. Das Auge hat immerhin einen Deckel und - klapp - macht es zu. Das Ohr hingegen ist in ständiger Bereitschaft, ob es will oder nicht. Ein liederliches Organ. Wobei es gegen obszöne Witze und unbequeme Sätze noch eine intellektuelle Barriere hat: Es versteht sie einfach nicht. Wie ganz anders läuft die Sache mit der Musik, dieser Emotionsfurie. Ohne sinnbeschwerte Inhalte kriecht sie in den Gehörgang.
Sie passiert das papierdünne "Trommelfell", erreicht die "Paukenhöhle" mit den Gehörknöchelchen "Hammer" und "Amboß", stößt in die "Ohrtrompete", bis sie schließlich zur "Schnecke" wird, die auf schleimigen Gefühlsspuren labyrinthische Kreise zieht.
Und dann, frage ich besorgt, quo vadis, Frau Musica? Wohin wendet sie sich un unserem verwirrend raffiniertem Körper? Wohin tragen die Schwingungen all die Dreiklänge und Quartsextakkorde, die Synkopen und den Tritonus? Und vor allem: Wann verläßt sie mein Inneres? Sie kann doch nicht einfach drinbleiben! Die Vorstellung, mein Inneres könne mit lebenslanger Musik auf immer möbliert sein, mit Karajan, den Toten Hosen oder Dallas-Callas, schreckt mich. Muß ich mich also musikalisch selbst entsorgen? Wenn ja, nach welchem System? Alphabetisch, chronologisch, libidinös? Keiner gibt Rat. Weder der Klavierspieler, noch der "Riemann" oder etwa die "Einstürzenden Neubauten". 

Am schlimmsten ist da wirklich der Hörfunk, dieses Millionending, wo ganze Musikabteilungen ständig zugange sind. Morgens, vom Frühdienst, wird der Hahn aufgedreht und die Berieselungsanlage in Fluß gebracht. Als seien die Hörer über Nacht total ausgetrocknet. Die Notengewitter brechen gleichzeitig mit dem Wecker los. Gäbe es nicht die elektronische Speicherung, so müßte wahrlich die eine Hälfte der Nation die andere betrommeln, bepfeifen und bestreichen. 
Nicht zu vergessen, diese sündhaft teuren Klangkörper, symbiotisch an die Anstalten gebunden, von der Jupiter-Symphonie bis zum Andachtsjodler produzieren sie immer wieder alles neu und immer wieder so originell. Zum Beispiel "Stranger in Paradise" als Polowetzer Tänze. Oder "We are the Champions" als 5. Symphonie. Nur eben länger. Furtwängler beispielsweise hat beim "Tristan" zwölf Minuten eingespart, Celibidache dagegen verabreichte fein dehnend ein Surplus.
Im Radio natürlich gibt es kein Ausufern, allenfalls bei Live-Übertragungen aus Konzertsälen und Wahlkampfzelten. Weil da nämlich das Kästchen regiert. Und im Kästchen sitzt die Sekunde und ballt die Faust. Blöderweise gibt es Komponisten, die überhaupt kein Zeitgefühl haben. Die haben einfach draufloskonponiert, ohne Rücksicht auf Musikredakteure. Also vielleicht 65 Minuten 13 Sekunden oder noch schlimmer: 78' 58'' wie Bruckner bei seiner Achten. Wie soll man den in ein Programmkästchen kriegen? Alles sehr rückständig.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das gilt auch für die Vau-Musik, jenes polierte Kupferkannenschrumschrum rustical für die reifere Jugend. Die akustischen Konsumgüter werden tunlichst südlich des Mains aufgesammelt, bei Föhn. Dort muht schon das Rindvieh melodisch in Terzen. Ein wirkliches Volkslied geht dem Bürger selten von den Lippen. Er singt nicht, er läßt singen. Mit der Ausnahme des Bierzeltaufenthalts, wenn er sich die Zunge gewaschen hat. Da steigt er hinab in die Urgründe der deutschen Seele. Und was findet er da? Den treuen Husaren, der im Westerwald mit dem schönen Kind aus einem Polenstädtchen spezierengeht. Und das Wasser im Rhein, das kann einfach nicht zur Kloake umkippen, weil es sich, rein liedgutmäßig, in lauter goldnen Wein verwandeln muß.

Und noch eins: daß mir ja keine Löcher entstehen im Programm! Das Programm muß undurchdringlich vernetzt bleiben wie das bürgerliche Gesetzbuch. Der Horror vacui ist ein ganz besonderer Horror. Flächendeckend sei die musikalische Überversorgung. Die Wahl zwischen Überfütterung und akustischem Sodbrennen ist die Freiheit, die ich meine.
Das gilt natürlich auch für den großen Klassik-Dudel. Unser aller Vorbild France Musique läßt keinen E-Ton unkommentiert heraus. Kein Komponist, kein Interpret mogelt sich da unerkannt durch den Äther. Er wird identifiziert, dingfest gemacht und unter seinesgleichen oder anderen strukturiert. Hierzulande soll die heilige Caecilia doch sehen, wie sie sich emanzipiert. Soll gefälligst auf verbalen Beistand verzichten, so geht sie auch kein Risiko ein. Programmdirektoren machen ein gschmerztes Gesicht, wenn sie an intelligent aufbereitete Musiksendungen denken: Wir wollen doch nicht aufklären, bloß kein pädagogischer Ansatz! Debussy verschulen? Jamais de la vie! Mussorgsky-Lieder übersetzen? Nö! Schließlich wendet sich die Musik ja ans Gemüt, Gemütlichkeit ist ihr Eigentliches, da kann man den Grips ruhig ausschalten. Eigentlich muß Bauch zu Bauch.
Als ich in Kindertagen die ersten Töne aus unserem Drahtspulen-Glühlampen-Konstrukt hörte, da lernte ich Richard Tauber kennen. Auf diesem Schmalzteppich hielten alle Operettenhelden Einzug in meinen Kopf. Aber Tamino auch. Go marching in. Und der Sergeant Pepper. Da hocken sie heute noch. Was soll ich machen? Ein X für ein U oder U für ein E?

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