Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Net-Ticker
 
Ist das noch ein Roman?

Ralph Waldo Ellison, der Autor des gefeierten "Unsichtbaren Mannes" von 1952, ist 1994 gestorben und hinterließ ein zehn Kartons umfassendes Chaos, das Material für seinen nächsten Roman "Juneteenth": Computerausdrucke, Listen, Notizen, Szenen-Entwürfe, bekritzelte Briefumschläge, alles mögliche, aus vierzig Jahren Arbeit.
John F. Callahan, sein Nachlaßverwalter, hat diese Paraphernalien nun in etwas wie eine Ordnung gebracht und daraus nun einen "zweiten Roman" von 350 Seiten gefertigt. Er ist Mitte Juni erschienen und zum Bestseller prädestiniert. 
Aber ist das nun ein wirklicher Roman oder nur ein Plan, ein Konzept? "Solche Bücher machen mich nervös", wendet der Kritiker Harold Bloom ein, "weil man nie weiß, wieviel davon die Arbeit des Autors ist und wieviel die des Herausgebers." Sein Kollege Stanley Crouch - ein Freund Ellisons - stimmt ihm zu: "Sowas kann man mit Mickey Spillane machen oder Jaqueline Susan. Aber wenn man sich Ellison vornimmt oder Hemingway oder Faulkner, ist es das beste, es einfach liegenzulassen."
Callahan indes kann auf bekannte Beispiele seiner Tätigkeit verweisen. Die "Canterbury Tales" zum Beispiel waren nicht zu Ende geschrieben, als Chaucer starb, und seine Nachlaßverwalter setzten die Fragmente selbständig zusammen. Dasselbe trifft für Hemingways posthumes Werk "True at First Light" zu; hier war der Erfolg bei der Kritik aber bestenfalls zwiespältig.
Ähnlich bei dem neuen "Werk" von Ellison: "skizzenhaft","enttäuschend", "nicht überzeugend" nennen es die ersten Rezensionen.
 

Krisengipfel

Anfang Juni trafen sich in New York die Chefs der fünfunddreißig größten und wichtigsten Bibliotheken der Welt. Ihr Problem: Wie archiviert man das Wissen der Menschheit?
"Nehmen Sie ein Stück Papier", sagte Jean-Pierre Angémy, Leiter der Bibliothèque Nationale de France, " es hält 500 Jahre. Wenn Sie eine CD-Rom nehmen - die hält nur zehn Jahre. Es ist erschreckend. Es gibt jetzt einen neuen Typ CD-Rom, der möglicherweise hundert Jahre hält, aber er ist sehr, sehr teuer."
Dabei wächst der Druck auf die Bibliotheken, ihre Bestände zu digitalisieren. Wim van Drimmelen, Königliche Bibliothek der Niederlande: "Die Studenten von heute wissen kaum noch, daß es Bücher gibt. Wenn sie eine Arbeit schreiben, gehen sie zuerst ins Internet."
Deshalb werden in Frankreich gerade alle Bücher über Frankreich und Afrika aus dem 16. bis dem 19. Jahrhundert digitalisiert (was für achtzigtausend Bücher sechsunddreißig Millionen Mark kostet), ähnlich in der Library of Congress sämtliche Amerika-Reise-Bücher und in Deutschland die Europa-Reise-Bücher.
"Mit Sicherheit ist die Zukunft der Bibiothek digital", so Angrémy weiter, "aber man kann nicht alles digitalisieren. Dafür haben wir weder die Zeit noch das Geld."
Und wo findet dann ein Forscher des nächsten Millenniumswechsels noch Informationen über unsere Epoche?
 

Die Afrika-Enzyklopdie

Im vergangenen Februar ist sie als CD-Rom in den USA herausgekommen. Vor sechsundzwanzig Jahren wurde sie von drei jungen Männern beim Wein beschlossen: von Kulturwissenschaftler Henry Louis "Skip" Gates jr. (damals dreiundzwanzig), Kwame Anthony Appiah (neunzehn), dem heutigen Harvard-Professor Kwame Anthony Appiah und Wole Soyinka (schon dreißig), der spätere Träger des Literaturpreises für Literatur von 1986.
Auf der Suche nach Sponsoren gerieten sie an einen Großen: Microsoft stellte eine Million Dollar bereit, für die CD-Rom-Version. Dann kam auch noch ein Verlag hinzu, Perseus, der dieselbe Summe vorschoß. Den Herausgebern gelang es aber, trotz Microsoft die Entscheidung über den Inhalt in der Hand zu behalten.
Eine Kerntruppe von vierzig Autoren stellte etwa vierzig Prozent der Enzyklopädie zusammen, die restlichen sechzig Prozent lieferten Außenautoren. Daß das Werk von 2,25 Millionen Wörtern bei dem vergleichsweise schmalen Budget überhaupt zustandekam, ist vermutlich die größte Leistung der drei Herausgeber.
 

Hannibal the Cannibal II ist noch lange nicht im Kino

Die Buchfortsetzung des "Schweigens der Lämmer" von Thomas Harris liegt ja nun vor, und die Strand- und Urlaubslektüre der sozusagen hungrigen Massen ist mit einer Startauflage von 1,3 Millionen gesichert. Der Inhalt (besser: der Versuch einer Kompaktfassung der ziemlich krummen Handlung): FBI-Agentin Starling sucht immer noch Hannibal Lecter, findet ihn, rettet ihm das Leben, und wird von ihm mit Drogen und Hypnose dahin gebracht, daß sie überzeugt ist, daß sie ihn liebt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch heute in Buenos Aires. Man muß ja auch an Teil III denken.
Die Filmrechte an Hannibal Lecter gehören einem Italiener, Dino de Laurentiis, und er ist auch der Grund dafür, daß die Verhandlungen über die Fortsetzung des Kannibalen-Films auf der Stelle treten. Den Regisseur des mehrfach oscargekrönten Ur-Films, Jonathan Demme, hat de Laurentiis schon ziemlich früh verschreckt und versucht es gegenwärtig mit Ridley Scott. Anthony Hopkins und Jody Foster sind ihm mit je zwanzig Millionen Dollar Gage zu teuer (der "Lämmer"-Film kostete insgesamt nicht mehr als zweiundzwanzig Millionen). Und dann die aufwendigen Special effects für zum Beispiel das endlose Verfüttern menschlicher Körperteile an Schweine und Aale! Vielleicht braucht man den ganzen Film gar nicht.
 

Professor Shahnon Ahmed unterrichtet hier nicht mehr

Der umstrittete malaysische Autor hat mit sechsundsechzig Jahren seinen Posten an der University of Science aufgegeben, und der Erziehungsminister Najib hat das Rücktrittsgesuch angenommen. Keiner der beiden läßt erkennen, ob auf den Schriftsteller Druck ausgübt wurde, aber man darf es annehmen.
Shahnon ist seit 1982 der preisgekrönte Nationaldichter Malaysias, also landesweite Schulbuch- und Pflichtlektüre, aber auch der Autor eines regimekritischen Buches mit dem Titel "Shit". Der genügte der malaysischen Zensurbehörde für die Abmahnung. Shahnon verteidigte noch vor wenigen Wochen sein Buch gegen die staatlichen Angriffe, zog sich jetzt aber ins Privatleben zurück. 
 

Irischer Autor gegen Amazon.com

David Trimble, Vorsitzender der protestantischen Ulster Unionist Party und letztes Jahr (Mit)Träger des Friedensnobelpreises, hat den Online-Buchhandel Amazon.com verklagt, weil sie ein Buch vertreiben, durch das er sich verunglimpft fühlt: "Das Komitee: Politische Morde in Nord-Irland"von Sean McPhilemy. In dem Buch wird er mehrmals als Berater einer Art Mord-Kommission genannt, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren die Ermordung ihnen unliebsamer Katholiken plante.
Mitte Juni verkündete die britische Amazon-Filiale, sie werde das in den USA erschienene Buch aus dem Angebot nehmen - wenigstens vorübergehend (ohne Angabe der Dauer). Das ist für Trimbles Anwalt nicht gut genug: Die Rücknahme muß "dauerhaft" sein. Und: "Wir wollen eine gerichtsöffentliche Entschuldigung für die Vermarktung abscheulicher Lügen."
In den USA, wo derartige Klagen dem Kläger eine erheblich schwerere Beweislast aufbürgen, ist Trimble noch nicht vor Gericht gegangen.
 

Die Neugierde und Salingers Intimität

Am 22. Juni ersteigerte ein Freund Salingers, der Software-Hersteller Peter Norton, für hundertsechsundfünzigtausendfünfhundert Dollar vierzehn Briefe von Jerome D. Salingers an Joyce Maynard. "Ich teile die weitverbreitete Meinung", sagte er, "daß sie von jemandem gekauft werden müssen, der für Mr. Salingers Bedürfnis nach einer Privatsphäre Verständnis hat." Norton wird die Briefe an den Autor zurückgeben oder sonst damit tun, was dieser ihm aufträgt.
Die Dokumente stammen aus dem Besitz der Empfängerin, die vor kurzem mit einem Buch über ihre Jahre mit Salinger unrühmlich hervorgetreten ist (ein Kritiker nannte sie ein "opportunistisches Einweg-Nymphchen"). 
Salinger, heute achtzig, lebt zurückgezogen in New Hampshire und hat seit vierunddreißig Jahren nichts mehr publiziert.
Die nächste Autorin, die sich über sein Leben hermacht, ist allerdings schon da: die eigene Tochter. Was genau Peggy Salinger unter dem Titel "The Dream Catcher" schreibt oder geschrieben hat, ist ein aus Marketinggründen gutgehütetes Geheimnis. Das Buch, versehen mit einem Vorschuß von einer Viertelmillion Dollar, soll im Herbst nächsten Jahres herauskommen.
 

"Das verlorene Museum"

lautet der deutsche Titel des Buches von Hector Feliciano (Aufbau Verlag, 1998). Es ist ein Buch über den Kunstraub der Nazis. Der US-amerikanische Autor und Kunsthistoriker beschuldigt darin auch, aber nur nebenbei, Georges Wildenstein, einen in den dreißiger Jahren bekannten Pariser Kunsthändler, "direkter und indirekter Kontakte mit deutschen Behörden während der Besatzungsszeit". Wildensteins Sohn und seine Enkel hatten Feliciano auf eine Millionen Dollar Schadensersatz verklagt, wegen Ruf- und Geschäftsschädigung.
Ein Pariser Richter hat nun die Klage zugunsten des Autors entschieden. Aufgabe des Gerichts, heißt es in der Urteilsbegründung, sei zwar nicht gewesen, den Wahrheitsgehalt der Behauptungen zu prüfen, aber das Buch sei insgesamt "objektiv und ausgewogen". Die Kläger wurden ihrerseits zu einer Geldtrafe von eintausendsechshundert Mark verurteilt. 
Feliciano ist zufrieden: "Die Gerichte tun jetzt endlich das, was der Staat nicht zu tun bereit war. Sie ermöglichen uns den Zugang zu Archiven, um die Wahrheit über jene Epoche der Geschichte herauszufinden."

Eine Buch-Promotionskampagne des Vatikans

Am letzten Junimontag forderte der Heilige Stuhl Luigi Marinelli auf, am 16. Juli vor einem vatikanischen Gericht zu erscheinen. Die Ladung sollte dem Versuch dienen, das Buch einer ungenannten Autorengruppe, deren Sprecher der Zweiundsiebzigjährige ist, aus dem Verkehr zu ziehen. Die Wirkung jedoch war eine ganz andere andere: Seitdem verkauft sich das Zweihundertachtundachtzig-Seiten-Buch wie wild; Ende Juni waren die Regale etwa bei Feltrinelli in Rom leergefegt. In der Mailänder Feltrinelli-Filiale verlangten an einem Vormittag gleich dreißig Kunden das Buch und mußten mit leeren Händen wieder gehen. Bis jetzt, vier Monate lang, hatte das Publikum die Neuerscheinung kaum wahrgenommen. "Der Vatikan hat uns einen großen Dienst erweisen", sagt Marinelli.
Es fällt ihm gar nicht ein, der Ladung Folge zu leisten. Für eine solche Angelegenheit, meint er zutreffend, ist das Gericht überhaupt nicht zuständig. Und außerdem: "Den Index verbotener Bücher gibt es nicht mehr." 
Das Buch mit dem Titel "Vom Winde verweht im Vatikan" beschreibt tatsächlich Unbequemes. Das reicht von dem Prälaten, der an der Schweizer Grenze mit einem Koffer voll Bargeld auffiel, bis zu gerichtsnotorischen Fällen von sexuellem Kindsmißbrauch. Die Identität der frommen Kriminellen wird dabei - mehr oder weniger - verhüllt. Dem Vatikan offenbar nicht genug.
 

Die Lady des literarischem Mittagessens

Christina Foyle, die Inhaberin der berühmtesten Buchhandlung Londons in der Charing Cross Road, ist Anfang Juni im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Die Buchhandlung besteht seit 1904, an der heutigen Adresse seit 1929.
Seit fünfzig Jahren hat sie das Konzept ihrer Buchhandlung nicht verändert: die Bücher stehen nicht nach Autoren, sondern nach Verlagen geordnet. Zuletzt hatte sie fünf Millionen Bücher im Laden, auf mehr als fünfundvierzig Regal-Kilometern. Höchstwahrscheinlich war sie die einzige, die in diesem Labyrinth noch ein bestimmtes Buch zu finden verstand. 
Seit sechzig Jahren veranstaltete sie jeden Monat ihre begehrten literarischen Mittagessen, bei denen neben Schriftstellern auch Stars auftraten wie Charlie Chaplin, Roger Moore und Charles de Gaulle.
Das intellektuell anregende Chaos ihrer Buchhandlung wird sich unter ihren Nachfolgern wohl ändern. Man wird es - und Christina Foyle - vermissen.
 

Das größte Buch der Welt

ist - genauer: war: ohne jeden Inhalt, von guten fünf Dutzend europäischer Luft abgesehen. Es ist die Großplastik des 47jährigen Objektkünstlers Gerwald Rockenschaub, sie stand ein paar Juni-Wochen lang in der Wiener Mariahilferstraße und war 6,2 Meter hoch, 4,5 Meter breit und 2,25 Meter dick. Auftraggeber war die österreichische Buchhandelskette Amadeus zur Neueröffnung einer Filiale.
 

Wo läuft er denn?

Richard Tomlinson, der Autor eines Buches über den MI6 und einer Internet-Namensliste britischer Agenten im Ausland, hat die Schweiz verlassen. Die Schweizer Behörden, die sich vieles leisten können, aber nicht, sich mit dem zweitwichtigsten Geldhandelsplatz der Welt zu überwerfen, hatten ihm für die Ausreise eine Frist von vierundzwanzig Stunden gesetzt.
Tomlinson hatte angekündigt, die USA, England und Frankreich kämen nicht in Frage für ihn,  aber er könne ja auch in ein "feindliches Ausland" gehen. Nun wird gemutmaßt, er ist vielleicht in Rußland. Die russischen Behörden geben sich schmallippig und zugeknöpft. Die dortigen Sicherheitsbehörden haben inzwischen den westlichen Jargon übernommen: Sie können entsprechende Berichte "weder bestätigen, noch dementieren", zusätzlich aber mit der feinen Pointe, sie "verstehen den Vorgang sogar nicht ganz".
Tomlinson behauptet nicht nur, die Briten hätten geplant, Milosevic 1992 in Genf zu ermorden, sondern auch, der Fahrer des tödlichen Diana-Mercedes sei ein britischer Agent gewesen. 
 

Das Jahr-2000-Problem

Die eleganteste Lösung für den Rubik-Würfel fand 1981 ein britisches Wunderkind: der zwölfjährige Tatrick Bossert. Aus seiner Entdeckung machte er einen Bestseller, von dem weltweit anderthalb Millionen Exemplare verkauft wurden. Von dem Geldsegen kaufte er sich mehrere Computer und begann mit der Entwicklung eigener Software.
Heute hat Patrick, inzwischen 31 Jahre alt, die Lösung des Jahr-2000-Problems gefunden. Das schlanke Programm dazu nennt sich Delta T, und angeblich - so der Promoter (www.akcess2k.com) - reduziert sich die Suche nach anfälligen Stellen in Großrechnern von Wochen auf Minuten.
Entwickelt hat er das Programm sozusagen nebenbei, einfach weil irgendjemand oder irgendetwas ihn dazu herausforderte. "Ich sagte mir", sagt er, "die Lösung liegt doch auf der Hand." Immerhin, gerade noch rechtzeitig.
 

Ein hundertster Geburtstag

"Wissen Sie einen anderen Autor, den jeder erkennt, auch wenn er ihn nie gelesen hat?" Die rhetorische Frage ist von Fred Voss, dem Leiter der National Portrait Gallery in Washington, und gemeint ist Ernest Hemingway. Sein hundertster Geburtag am 21. Juli wird mit großen Wanderausstellungen gefeiert, vor allem aber im Chicagoer Stadtteil Oak Park, dem Geburtsort des Autors, und zwar eine Woche lang, beginnend am 14. Juli mit einer Themen- "Fete Ecrivain" über Hemingways Jahre in Paris.
 

Lolita kommt

Die Nacherzählung der originalen Nabokov-Geschichte (1955) aus der Sicht der Betroffenen kann nun doch auch in englischer Übersetzung erscheinen. Nabokovs Sohn und die Autorin Pia Pero haben sich gerichtlich auf das Wesentliche geeinigt: das Geld. Jeder bekommt fünf Prozent Absatzhonorar. Ende gut.
In anderen Ländern, etwa Italien, ging die Publikation ohne Rechtsstreit über die Bühne. Aber auch nach dem Urteil bleibt es unklar, wie weit ein Bearbeiter mit dem Originalstoff gehen kann, bevor er sich Schadensersatzklagen einhandelt. Besondere Vorsicht bei Vorlagen- Prominenz empfiehlt sich ohnehin.
Aber schön ist es doch, was mit fünf Prozent Honorar alles aus der Welt zu räumen ist, hier zum Beispiel der angeblich "minderwertige und dilettantische Warencharakter" des von Dmitri Nabokov inkriminierten Buches, der dem Andenken seines Vaters Schaden zufüge. Wir gratulieren zum Sinneswandel.