Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Musik

jack bell

musikalisches fernsehen

das waren musikalische zeiten, als in den usa noch fernsehpioniere vom rang eines david sarnoff und william paley programm machten.   riesige mengen geld standen fuer musik zur verfuegung

national broadcasting holte sich den legendaeren arturo toscanini aus italien und buk extra fuer ihn ein sinfonieorchester der extraklasse.   american broadcasting ging noch weiter und schmiss sich eine neue opernkompagnie, die erstmals das auslaendige repertoire auf englisch sang und amerikanische werke foerderte.   columbia broadcasting schliesslich, der dritte und nicht mindeste im bunde, sicherte sich den jungen loewen leonard bernstein und dessen immer mellifluoses mundwerk, das fast noch die gehobenste musikalische (und durchaus manchmal auch politische) gelehrsamkeit der welt in schmucken happen darzubieten verstand;  bernsteins 'young people's concerts' sind uns wohl allen unvergesslich

bis zu diesem zeitpunkt hatte goethe mit seinem 'amerika, du hast es besser' recht;  dann aber ging die rundfunk-entwicklung in amerika unter sanftem politischen zwang fuer ein paar jahre in die 'europaeische richtung':  mit viel tamtam wurde eine quasi oeffentlich-rechtliche anstalt namens public broadcasting corporation gegruendet, kurz pbs (für public broadcasting service), die vom staat alimentiert, mithin aus steuergeldern finanziert wurde und sich ueber die niederungen der kommerziellen mit ihrem nimmermueden werbespot-bombardement erheben und mehrheitlich kulturellen dingen widmen sollte

das war, und hier wird goethe widerlegt, das zeichen fuer die kommerziellen, um es einmal haerter als voellig gerechtfertigt zu formulieren, aus der kultur auszusteigen;  die new york times drueckt es gar noch krasser aus:  'im wesentlichen wurde dadurch das kommerzielle fernsehen seiner verantwortung fuer kulturelle programme enthoben', was naturgemaess quatsch ist, denn eine gutgemachte, intelligente sitcom hat mit kultur zumindest mehr am hut als die dreitausendsechsundvierzigste sendung zu dem allseitig beliebten thema des liebenslebens der maikaefer

die schwaeche des pbs war von anfang an, dass sein schifflein den nicht immer sturmfreien wellen der politik ausgesetzt ist.   eine kreation liberalerer zeiten, ist sie den weitestgehend konservativen republikanern schon per definitionem suspekt gewesen, und wenn die dinosaurier das sagen haetten, waere pbs laengst gestorben.   was pbs bekommt, ist nach dem abgedroschenen, jedoch hier voellig angebrachten wort zum leben zu wenig und zum sterben zu viel.   zudem hat es wie alle quasi-staatlichen institutionen die tendenz, wasserkoepfe zu entwickeln und tolerieren, die auf die erhaltung ihrer eigenen positionen viel zeit verplempern, die anderweitig besser genutzt waere.   so hat sie im zeichen der immer geringer werdenden subsidien eine situation geschaffen, die nicht nur mehrmals im jahr ihre zuschauer (dasselbe trifft im uebrigen fuer die hoerer von public radio zu) wochenlang und aufs penetranteste auffordert, 50 oder mehr dollar zu stiften;  sie hat sich inzwischen auch darauf eingelassen, werbespots, im moment noch nicht ganz von der impertinenz wie bei den kommerziellen, zu senden und ihre sponsoren immer und immer wieder zu erwaehnen

eine in solchen situationen beliebte moeglichkeit ist allemal die koproduktion;  im noch teureren filmgeschaeft haben wir schon die irrsinnigsten combos erlebt:  deutsch-indisch-aegyptisch- islaendisch-israelisch-zairisch-und-warum-nicht -falklaendisch?  so teilt sich pbs denn auch haeufig kosten mit anderen oeffentlichen, wie beispielsweise der englischen bbc, aber auch dem orf und der ard;  vom bayerischen rundfunk beispielsweise haben wir solcher kollaboration bewundernswerte bernstein-baender zu verdanken

ich fuehre den namen bernstein nicht ohne grund mehrfach an.   er hat vor vielen jahren einmal in der harvard university vorlesungen aufgenommen, die zu fuer pbs besseren zeiten zu sehen waren, heute jedoch nicht einmal aufgezeichnet wuerden.   heutzutag produziert pbs zusammen mit bbc und der ebenfalls britischen nvc arts eine siebenteilige (auch -stuendige) und wahrscheinlich bald auch in deutschland zu sehende serie 'grosse komponisten'

an dieser serie ist zunaechst einmal die auswahl (um es neutral zu sagen) bemerkenswert, und dann die seltsamkeit, dass ausgerechnet die folge ueber bach nicht ausgestrahlt wurde, die nur in der alsbald erscheinenden kassetten-ausgabe zu bekommen ist;  die auswahl:  1) mozart, natuerlich ebenso unumgaenglich wie 2) beethoven, bei 3) wagner wird es schon sehr problematisch, 4) tschaikowski ist berechtigt, ebenso wie 5) mahler; und 6) puccini

der neuere volksmund hat dekretiert, dass geschmaecker ebenso unterschiedlich sind wie ohrfeigen, was mit der alten roemischen weisheit 'de gustibus non est disputandum' ganz friedlich einhergehen kann, solang wir in unsrem fall musik als solche meinen.   wenn aber der aspekt der qualitaet mit ins spiel kommt, fragen wir uns, warum puccini, ebenso wie wagner ein fast ausschliesslicher komponist von opern, in eine auswahl der grossen gehoert, wo doch die oper, in ihrem infantil-megalomanischen anspruch eher ein auswuchs der musik, nicht ganz zu unrecht als etwas weniger voll zu nehmende kunstform gilt.   warum also sind so unstrittige groessen, um nur zwei zu nennen, wie haydn und strawinski unter den tisch gefallen (und warum ist bach, auf dem letzten endes alles beruht, nicht der sendung wert befunden worden)?

es sei drum.   schauen wir uns an, was ueber die sechs erwaehlten zu sehen und zu hoeren war

mozart, wunderkind zeit seines lebens, wird einigermassen adaequat behandelt, was darauf zurueckzufuehren ist, dass ein ueberzeugt-exaltierter (robert levin) und ein still-eindringlicher kommentator (colin davis) sich weitgehend die arbeit teilen, was zwar zu argen meinungsverschiedenheiten fuehrt, beispielsweise  ueber ausschmueckende, in der niederschrift nicht enthaltene phrasierungen;  hier wird immerhin sieben minuten ein stueck eines klavierkonzerts wiedergegeben, aber fuer vergleiche der coda, weniger als eine minute lang, um die es in der auseinandersetzung ging, und die jedem zuschauer die moeglichkeit gegeben haette, selbst zu entscheiden, ob er ornamentation oder den 'selbstgenuegsamen text' (colin davis) fuer effektiver haelt, steht offenbar die zeit nicht zur verfuegung.   so 'geht so ein moment extraordinaerer tiefe und desolation verloren', sagt davis

nehmen wir beethoven.   hier wird mehr als offenbar, dass --immerhin sind das eine stunde dauernde programme;  in new york city sind jeweils zwei aneinandergefuegt ausgestrahlt worden, was immer das ueber die stadt aussagt-- hier sound-bite-mentalitaet und furcht vor der miserablen aufmerksamkeitsspanne mehr als alles andere das geschehen beherrscht

die kamera sucht verzweifelt und darueberhinaus merklich nervoes nach neuen blickwinkeln, als ob nicht laengst alle vernuenftigen mehr als erschoepft waeren:  sehen wir also vom boden aus ueber einen grotesk und hektisch schwankenden ellbogenballon zu einer miniaturfiddel von der sorte, die grock (akrobat-schoeoen) in seinem zirkus zu maltraetieren pflegte;  oder ueberdimensionierte fingernaegel auf saiten, tasten, brettchen un- und uebermaessig vibrierend;  oder es feiern glaenzende urstaend mit all den immer-dichter-close-up-sternchen die hoerner und tubas, als ob wir damit ueber einerseits die trostlosigkeit und banalitaet der kommentare, andererseits die spektakulaere und total degoutierende ziellosigkeit hinweggetaeuscht werden koennten, mit der beethoven hier verhackstueckt wird, und alles mit musikschnipseln, die zum teil weit unter einer minute bleiben, und nicht 'unuebersprochen':  sodass haeufig unter dem (oft nebensaechlichen bis depperten) kommentar auch das letzte fetzchen musik schmaehlich verkommt

die eroica, ist da doch zu hoeren (fuer den nur gelegentlichen musikenthusiasten:  das ist b.s dritte symphonie), 'war das erste, das wirklich beethovens stimme war'.   und dann:  b.s spaete streichquartette 'stellen die groesste musik dar, die b. je geschrieben hat'.   ja wenn das alles so ist?

tschaikowski, um im zeitlichen ablauf zu bleiben (er war mit puccini gepaart), hat den dirigenten temirkanoff und gergieff eine menge zu danken und den leningradern;  hier kam eine art diskussion zustand, einschliessend die homosexualitaet t.s --als ob die mit seiner musik so viel mehr zu tun gehabt haette als die heterosexualitaet bachs mit der seinigen;  wir sollten uns jetzt irgendwann einmal dazu durchringen, derlei mit mehr desinvolture zu sehen--;  im ganzen machte diese episode nicht den verheerenden eindruck der anderen folgen

wagner ist auch in deutschland nicht von kontroversen frei.   unbestritten laesst sich wohl nur sagen:  der mann hatte das talent, weit ueber seine zeit hinaus die geister zu entzweien.   kein liebhaber von opern oder 'organisiertem laerm', wie theodor heuss wagners musik einmal nicht ganz falsch bezeichnet hat, muss ich das phaenomen wagner --das immerhin auch ueberaus feinfuehlige musik geschaffen hat-- so differenziert betrachten, wie das fernsehen das offensichtlich ganz bewusst vermeidet

hier herrscht naemlich ganz uneingeschraenkt fundamentalistisch-extremistisches geifern.   was der mann war und repraesentierte (und dass er sich freiwillig in eine ueberaus komplexe psychologische abhaengigkeit von den angeblich von ihm ueber alles gehassten juden begab), interessiert mitnichten.   wagners opern sind ganz einfach mit inkodierten schlechtmachungen der juden durchsetzt.   die meistersinger stellen einen nationalistischen tribut an das deutschtum dar.   komplexitaeten wie im tristan werden weggewischt und durch laecherlichkeiten erstickt, wie in der bedrueckenden szene, die wagner selbst als 'begierde ohne erfuellung' beschrieben hat, welches gewitter an gefuehlen hier durch zwei ballettisten repraesentiert wird, die sich, ja doch, immerhin kuessen

wir sind den anti-antisemitismus nun seit vielen jahren gewohnt.   wir wissen, dass, mit recht, viele juden in deutschland nicht konzertieren wollten und wollen;  isaac stern beispielsweise, 'der welt zweitbester violonist', wie er sich gern apostrofiert, hat es bis zum heutigen tag nicht geschafft, den deutschen seine grosse kunst in person zu demonstrieren, was seinem kosmopolitischeren kollegen yehudi menuhin im namen des friedens und der voelkerverstaendigung ein genuines beduerfnis gewesen ist.   immerhin aber hat stern jetzt in deutschland ein riesiges kolloquium gehalten, das selbst strengen anhaengern als ein schuechternes zeichen der versoehnung mit dem volk verstanden wird, ohne dessen musikalische exponenten stern, menuhin, haifetz, milstein, kreisler und wie sie alle bis zu itzhak perlman heissen, wenig repertoire haetten

dass dieses aufweichen isaak sterns so gut wie ausschliesslich auf die person des koelner impresarios ohnesorg zurueckzufuehren ist, weist  nicht auf die tatsache hin, dass stern, anders als die musiker des israel philharmonic, die nicht gern von 'neueren' deutschen stammende musik spielen wollten und schon gar nicht die von wagner, diese haltung dann unter zubin mehtas tutelage aufgegeben haben, heute in deutschland konzertieren wuerde.   da ist ihm wenig vorwurf zu machen

auf der anderen seite ist jedoch auch festzustellen, dass seit den greueln des dritten reichs mehr als ein halbes jahrhundert vergangen ist, und sich in deutschland nach dem verlorenen krieg erfreulicherweise recht schnell eine (von alliierten stellen damals als ausgesprochen schwierig bis unmoeglich eingestufte) re-edukierte und durchaus demokratische gesellschaft etabliert hat, die nicht nur von den exzessen und verbrechen der nationalsozialisten sehr wohl wusste, sondern, wie sich das fuer jeden zivilisierten menschen gehoert, diese monstrositaeten verurteilt, verabscheut und alles tut, um eine wiederholung auszuschliessen.   was also eine solche, nicht auch nur einigermassen zu rechtfertigende verteufelung wagners soll, ist nicht einzusehen

mahler ist besonders geplagt.   hier sind die sound bits ganz besonders kurz ausgefallen:  in der unter-30-sekunden-kategorie sind fast alle, als ob mahler auch nur irgendetwas in unter zehn minuten 'rueberbringen' konnte.   in diesem segment sind die 'erlaeuterer' ganz besonders unangenehm, um es mild auszudruecken.   getanzte interpretationen verlieren saemtliche wirkung durch die druebergesprochenen texte (was im uebrigen generell zu der gesamten sendereihe zu sagen ist).   leonard bernstein hat nie ueber laufende musik gesprochen

und wo bernstein in seiner exegese mahlers scheiden von der deutschen romantik (der 'abschied' im 'lied von der erde') zehn minuten widmet, fuenf der auslegung und noch einmal fuenf der orchestralen demonstration, sehen wir hier (schon wieder) eine nichts sagende getanzte interpretation, hoeren 45 sekunden, sehen dann 25 sekunden aus einem film von ken russel;  es ist zum kotzen.   die kindertotenlieder werden gar noch mehr verhunzt

hier wird spaetestens die bemerkung notwendig, dass in fast all diesen sendungen die bemerkungen der kommentatoren (die ohnehin weitgehend nur klischees dispensieren) auf unter eine minute beschraenkt sind, und demgemaess auf die nicht allzu lange geduld der zuschauer ruecksicht nehmen.   manchmal sind die kommentare von solch ueberwaeltigender sinnfuelle wie 'die am meisten emotional aufgeladene und furchterregende musik', die mahler je schrieb, was natuerlich, zumal in diesem duennen und zusammenhanglosen zusammenhang, ein arg unziemlicher unfug ist.   und von der tatsache, dass mahler eigentlich seine renaissance fast nur bernstein zu verdanken hat, ist nirgendwo die rede ... aber was sollte das auch

bernstein, es scheint tausend jahre her, hat einmal gefragt, 'wer ist gustav mahler', und sprach dann von dessen multipler persoenlichkeit, seinen inneren kaempfen, seiner schuld, unschuld und seiner zerissenheit.   wenn das ihn betreffende segment aus den 'great composers' uns irgendetwas sagt, ist es, dass mahler ein dahergelaufener musiker war, der gutgemacht hat, aber nicht viel zu sagen hatte

was ueber die ganze serie konstant bleibt, ist die bedauerliche tatsache, dass eine menge durchaus kompetenter leute offenbar gezwungen (warum wuerden sie sich sonst fuer solche exerzitien hergeben?) werden, weniger als eine minute (oft noch nicht einmal gute oder treffende) lange gedankensplitter zum besten zu geben -- und dass sie das tun, zum schaden der musik, ist ueberaus bedauerlich

ach, da war noch puccini.   was soll ich viel ueber ihn sagen;  sprechen wir hier ja von musik.   auf jeden fall aber gehoert er nicht in diese erlauchte galerie, nicht wahr?