Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Leseproben
 
Der Grüne Hitler

Das kleine Buch (eine "Streitschrift") führt für sich selbst einen guten und, wie sich immer wieder zeigt, auch bei wachsendem Zeitabstand unveränderten Grund an: "Hitler paßt nicht, das ist es", sagte Amery gleich zu Anfang, er "fällt aus den bisher erarbeiteten Erklärungsmustern." Und dann legt er ein neues, ein überraschendes Deutungsmuster vor. Der Autor, als leidenschaftlicher und streitbarer Ökologe wahrlich nicht mehr vorstellungsbedürftig, hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Manche aus der Grünen- Szene haben sein Buch so gelesen, als werfe er ihnen vor, Neo-Nazis zu sein, ohne es zu wissen. Die Lesungen und Buchvorstellungen verliefen mitunter dramatisch. Bei genauerer Lektüre hätte das nicht sein müssen. Obwohl dann auch noch Verblüffendes genug übrig bleibt.
Amery kündigt eingangs an, er werde im folgenden darlegen, 

- daß Hitler versucht hat, diese Frage [eines nachhaltigen Weiterlebens des Menschen auf einem begrenzten Planeten] vorwegzunehmen und sie durch ein kaltes und mörderisches Herrenvolk-Programm zu beantworten, das grundsätzlich auf ein "tausendjähriges Reich", also auf natur- und nicht mehr humangeschichtliche Zeiträume angelegt war;
- daß er ferner versucht hat, durch Vernichtung der jüdisch-christlichen Gesittung und ihrer säkularisierten Ableitungen diesem Programm den notwendigen gesellschaftlichen Konsens zu verschaffen; ...
- daß diese schwarze Logik sehr viel zur Durchschlagskraft der nazistischen Ideen beitrug, weil seit Generationen die deutsche Zivilisationskritik (und nicht nur diese) von romantisch- konservativen Argumenten und Gefühlen zum Biologismus und Sozialdarwinismus überging, zumindest von ihm ergänzt und verstärkt wurde;
- und daß es äußerst naiv wäre, anzunehmen, ein solches Programm, von seinem krassen Dilettantismus gereinigt und mit etwas wissenschaftlichem Glanz und Wortschatz versehen, ließe sich in den nächsten Jahrzehnten und Generationen nicht wieder aktualisieren.

Was heißt das im einzelnen?
Amerys Ansatz scheint fahrlässig einfach: Es genüge, Hitlers "Mein Kampf" an den wesentlichen Stellen wörtlich zu nehmen; natürlich sei Hitler ein notorischer Lügner gewesen, auch in seinem Buch, aber dann entdeckt Amery doch etwas wie eine Kernthese darin und paraphrasiert sie zitatgestützt so:

Ganz nebenbei, in einer Adverbialklausel, blitzt der Zusammenhang auf - und zwar dort, wo Hitler wieder einmal von den ehernen Gesetzen der Natur spricht: "Da wird judenhaft frech behauptet: ‘Der Mensch überwindet eben die Natur!'"
Die Überwindung der Natur, das wäre eben die Voraussetzung für die Verwirklichung der großen Irrlehre der Gleichheit, das heißt der gleichen Würde aller Menschen, auch der Benachteiligten und Schwachen. Diese Gleichheit ist ihrerseits Voraussetzung für den endgültigen Sieg des Judentums. Und in dem Maße, in dem der Nichtjude, insbesondere der arisch-germanische Edelmensch, auf diese humanistische Parole hereinfällt, wachsen die Siegeschancen des großen jüdischen Plans.

Mit anderen Worten: Für Hitler sind zivilisatorische Fortschritte wie Menschenrechte, Solidarität, Rechtssicherheit, gewaltfreier Kompromiß und Demokratie nur die listige "jüdisch- freche" Auflehnung gegen die "Natur", die - wie Amery wiederum "Mein Kampf" zitiert - allmächtige und  "grausame Göttin der Weisheit", die immer nur nach dem "aristokratischen Prinzip" verfährt. Was hier nur eins heißen kann: die Herrenrasse muß sich gegen den "Bazillus", der sie "vergiften" will, zur Wehr setzen. Diese Rasse muß die "Verantwortung" auf sich nehmen, das Überleben der Art (oder dilettantisch: der Gattung) in einer Welt knapper werdender Ressourcen zu sichern.
Man war es bisher gewohnt, Hitlers biologistische Metaphern als eben das zu nehmen: Metaphern. Amery nimmt sie beim Wort und stellt fest, daß Hitler in "Mein Kampf" erstaunlich viele Seiten der Frage widmet, wie jenes Überleben gesichert werden kann. Hitler diskutiert dabei vier verschiedene Wege und hält dann doch nur einen für erfolgversprechend: die Eroberung neuen "Lebensraums". Und dabei sind dann "der Jude" und sein Humanismus nicht bloß im Weg, sein Sieg wäre sogar

der Totenkranz der Menschheit ..., dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. - Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

Wenn man das bornierte Durcheinander der theologisch-naturwissenschaftlichen Mißbegriffe beiseiteläßt, läßt sich, sagt Amery, in solchen Äußerungen sozusagen das Kernprogramm Hitlers erkennen: Dieser

sieht also seine Mission, seine weltgeschichtliche Aufgabe, letzten Endes in der Bewahrung der Nachhaltigkeit.
Er gebraucht dieses Wort nicht, und es ist unwahrscheimlich, daß er es überhaupt kannte. Aber es war bereits vorhanden, es kam aus der Forstwirtschaft. Die Bedeutung ist einfach, ja banal: für jeden gefällten Baum muß einer nachgepflanzt, für jede Beeinträchtigung des Lebens muß ein lebendiger und vor allem genügender Ausgleich geschaffen werden.
Aber da der Tod auch nur eine Verkehrsform des Lebens ist, muß er in jedem lebendigen System seinen legitimen Platz finden. Und wer diesen Platz oder diese Plätze des Todes zu verteilen hat, auf Jahrhunderte zu verteilen hat, um die endgültige Leblosigkeit des Planeten abzuwehren: damit befaßt sich letzten Endes das Hitler-Programm für die Herrenrasse.

Hitler als selbstherrlicher Grüner? So unglaublich das klingt: Es erklärt zumindest Hitlers unbeirrbares Festhalten an der Judenvernichtung noch in den letzten Tagen des Krieges, ja bis in den Selbstmord hinein. Diese Starrheit der Überzeugung, die ansonsten nur als fanatischer Irrwitz zu bezeichnen wäre, fügt sich jedoch geschmeidig in den Charakter dieses "Sozialdarwinisten", wenn man sie als zentralen Glaubensartikel interpretiert. Ebenso verständlich wird dadurch Hitlers Eroberungsrhetorik für mehrere Generationen, in Jahrhunderten und einem ganzen Jahrtausend. Plötzlich klingt sie nicht mehr als die Übertreibung eines wahnsinnigen Visionärs, sondern als logische Konsequenz aus der Langsamkeit ganz "natürlicher" Vorgänge. Und vielleicht erklärt sich auf diesem Weg sogar Hitlers "Modernität", sein "radikal" umstürzlerisches Vorgehen, neben dessen Veränderungswillen, meint Amery, die wildesten Jakobiner wie dumpfe Beharrer wirken: Wer diese weltgeschichtliche Aufgabe, die Erhaltung der Lebensgrundlagen für den (sagen wir es gleich: arischen) Menschen, auf sich genommen hat, muß ungewohnte Maßnahmen ergreifen. Das furchtbare, aber eigentlich zu erwartende, da "natürliche" Ergebnis war die Selektion: Auschwitz.

Zumindest im Kopf Hitlers und seiner bedingungslosesten Anhänger muß die absolute Priorität der Judenvernichtung vor jeder materiellen Kriegsnotwendigkeit einen hinreichenden Grund gehabt haben. Es muß einen Grund geben für Hitlers letzten Satz an das deutsche Volk: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Kampf gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum." ...
"Sich des Juden zu erwehren" ... das ist Hitlers Systematik in Mein Kampf und in seinem letzten Vermächtnis. Nur wer sie verdrängt, kann Auschwitz für unerklärlich halten. Es ist die konsequenteste und logischste Handlung Hitlers überhaupt.

Quod erat demonstrandum.
Nun aber: Ist dieser Horror ausgestanden oder kann er sich morgen, im 21. Jahrhundert, wiederholen? Er kann, sagt Amery. Nicht mit bierdumpfen Neonazis, sondern noch einmal einen Tick "moderner" als Hitler, nämlich durch ein "Planet-Management". Dazu muß nur die verschärfte Ressourcenknappheit ins allgemeine Bewußtsein eintreten, und die modernen Wohlstandsgesellschaften definieren nun, was als "Überflüssiges" ihren Lebensstandard und das Überleben der Gattung bedroht. Die nötigen Datenbanken und Überwachungstechniken findet der Selektions-Manager einsatzfähig vor. Die Selektion - sagt Amery - findet sogar schon heute statt, und zwar durch transnationale Finanzmächte, die GATT-Abkommen, in der Arbeitswelt, in den "obersten Etagen der Weltökonomie", bei den Ungeborenen, im Gesundheitswesen:

Ist, bei unvermeidbarer Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit des Planeten, damit zu rechnen, daß diese Gruppen substantielle Errungenschaften ihrer Geschichte, wie etwa die Menschenrechte, zugunsten der Rettung der Zivilisation (und damit ihrer eigenen Standards) aufgeben werden?
Ich meine: auf jeden Fall.

Oder, in der Frage des Philosophen Hans Jonas: Müssen wir Unmenschen werden, um die Menschheit zu retten? War Hitler also nur ein dilettantischer Vorläufer der globalisierten Menschheitsretter von morgen?
Wie gesagt: eine Streitschrift. Und behaftet mit den unvermeidlichen Mängeln dieser Textsorte: mit Verdichtungen, in denen die Überzeugung an die Stelle des Belegs tritt, und mit gelegentlichen Unordentlichkeiten im Aufbau der Argumente. Aber Amerys Warnung ist mehr als das. Ihre Schwächen sind auch ihre Stärken.
Denn erstens ist Amerys Schreibstil der einer gebildeten Unterhaltung, und gern, oft mit heimlichem Vergnügen folgt der Leser dem Diskurs. Zweitens berücksichtigt der Autor die Alltagsideologie der "kleinen Leute", die allgemeinen Überzeugungen, die rezeptiv und konsensfähig bereitliegen (ein historischer Ansatz für das Dritte Reich, der m. E erst von Saul Friedländer in der Geschichtsschreibung verwendet wurde). Und drittens ist die Ungewöhnlichkeit des Blicks auf Hitlers "Natur"-Auffassung und ihre mörderischen Folgen auf jeden Fall erhellend und nachdenklich stimmend. 
In einem Punkt jedenfalls ist Amerys Fragestellung grundsätzlich nicht-trivial: Was wird denn geschehen, wenn eines Tages "die Schlachten um Wasser und Luft" ausbrechen? Welcher definitionsmächtige Teil der Welt wird sich dann zur "Krone der Schöpfung" erklären, der die übrige Schöpfung geopfert werden muß?

Markus Hofmann

Carl Amery
Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?
21 x 12,5 Zentimeter, 191 Seiten
Luchterhand, München 1998
DM 29,80, öS 218, sFr29,40