Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Leseproben
 
Die Arbeiter im Weinberg

Was hier anzuzeigen ist: kein zum alsbaldigen Verbrauch bestimmtes Buch, schon gar nicht ein Band für das Wohnzimmer, sondern die altmodisch unermüdliche Arbeit an einem Textkorpus, die einen bleibenden, festen Bezugspunkt bilden wird.
Die kritische Gesamtausgabe der Kleistschen Werke liegt in der Hand des Heidelberger Instituts für Textkritik, das sich - auch publizistisch in seiner Zeitschrift mit dem fast arrogant schlichten "Text" - editorischen und literaturwissenschaftlichen Grundsatzfragen widmet. Die Veröffentlichungen der "Radikalphilologen" setzen auf mustergültige Weise und mitunter "im Gestus einer sezessionistischen Avantgardebewegung die kritischen Ausgaben der germanistischen Zunft unter Druck" und schaffen "mit dem an Hölderlins Spätwerk geschärften Instrumentarium ihren eigenen Kanon jenseits der Weimarer Klassik: Kleist, nicht Goethe; Robert Walser, nicht Thomas Mann; Friedrich Schlegel, nicht Friedrich Schiller"(so das Lob in der FAZ).
Die früher Berliner, jetzt Brandenburger Kleist-Ausgabe (freches Kürzel: BKA) umfaßt bei ihrer Fertigstellung insgesamt 25 Einzeltitel: acht Dramenbände, neun Prosabände, einen Band Lyrik, vier Bände Briefe und Dokumente und schließlich drei Bände Erläuterungen. Seit 1988 sind davon zwölf Bände erschienen. Man darf also hoffen, daß das Gesamtwerk rechtzeitig zu Kleists zweihundertstem Todestag im Jahr 2011 vollständig vorliegt.
Vor drei Monaten ist der Band IV/2 herausgekommen. Er enthält die Briefe Kleists vom Mai 1801 bis zum August 1907, biographisch also die Zeit seiner Frankreich- und Schweizreisen und des Bruchs mit der Verlobten sowie seiner Inhaftierung und Deportation nach Frankreich. Eine Zeit der persönlichen, auch der beruflichen Krisen (als Kleist plötzlich Schweizer und Bauer werden möchte). Die beigefügten Kleist-Blätter gelten "dem Versuch ein Rekonstruktion von biographischen sowie korrespondenzrelevanten Kontexten".
Über siebzig Briefe sind aus dieser Zeit erhalten. Sie sind allesamt - nachlesbar für den Schriftgelehrten - in etwas verkleinerter Form vollständig faksimiliert. Schon hier läßt sich die Sorgfalt der Editorenarbeit beobachten: recto-Seiten stehen jeweils auf der ungeraden Seite, die verso-Seite auf der nachfolgenden, so daß sich beim Umblättern fast der Eindruck ergibt, das Original in der Hand zu halten (die schleichende Veränderung der anfangs noch entschlossen dahineilenden Handschrift Kleists verrät beinahe die psychische Wirkung der aufeinanderfolgenden Lebenskrisen; charakteristisch dafür auch die schwankende Zahl der nachträglichen Korrekturen von Kleists Hand). Die Angaben zur Provenienz sind von beispielhafter Präzision (wobei die folgende html-Abschrift die typographischen Feinheiten großenteils unterschlägt):

54
An Adolphine von Werdeck
(nach 21. September / Anfang November) und So., 29. November 1801
(Paris) und Frankfurt/Main -> (Potsdam)

BESITZER
G. T. Mandl-Stiftung, Netstal (Schweiz)

HANDSCHRIFT
Doppelblatt (21,4 x 16,9 cm); Bl. 1: am oberen Blattrand ist ein Streifen (4,0 x 16,6 cm) nachträglich abgeschnitten worden (je ca. 7 Zeilen Textverlust); dunkelbraune Tinte, ab 2v Z. 27 schwarze Tinte; Velin (ohne Wasserzeichen); Faltung, quer und längs

SPÄTERE EINTRÄGE
1v:: unbekannte Hand, Bleistift: R; Vermerk des heutigen Besitzers, Bleistift:
  ST 6531211193#230 M36 Heinrich v Kleist an Adofine <!> v. Werdeck Nov. 1801

PROVENIENZ
1934: Familienbesitz von dem Knesebeck (Erstdruck)
1993: J. A. Stargardt (Berlin); Auktionskatalog 653, Nr. 230 - an den heutigen Besitzer

ERSTDRUCK
1934: (a) Herbert Wünsch: Zwei bisher unbekannte Briefe Heinrich von Kleists (Maximilian- Gesellschaft Berlin 1934)
(b) Herbert Wünsch: Zwei Briefe Heinrich von Kleists an Adolphine von Werdeck. Mit 2 Faksimilienachbildungen (Privatdruck für die Teilnehmer an der Tagung der Kleist- Gesellschaft in Königsberg i. Pr. 30. November bis 2. Dezemer 1934), 14-19

ABBILDUNG
1r: in Erstdruck b, nach 18
2v: Stargardt-Katalog (cf. Provenienz), 89

DATIERUNG
Der erste Teil des Briefes (1r-2v Z. 26), dessen abgeschnittener, nicht überlieferter Anfang vermutlich das Datum trug, hat als terminus post quem den 21.9.1801 (Jahresende nach dem französischen Revolutionskalender; cf. 2v Z. 19-21). Daß Kleist den angefangenen Brief "Beim Einpacken" wiedergefunden haben will (2v Z. 33f.), legt die Annahme eines längeren Abstands zwischen der Niederschrift und den Vorbereitungen zur Abreise nahe.

Die Umschriften auf dere Gegenseite des Faksimiles bei durchnumerierten Zeilen stand- und zeilengetreu gesetzt und enthalten über die gewöhnlichen typographischen Vermerke wie Einfügungen und Korrekturen hinaus auch noch Hinweise auf Streichungen im zweiten Arbeitsgang, andere Schreiber, Schriftartenwechsel, Rasuren und Papierschaden mit Textverlust. Die diplomatische Sauberkeit ist - bis auf die vernachlässigbare Unterscheidung zwischen langem und runden s - selbstverständlich durchgehend gewahrt. 
Ausführlich wird auch die Auslassung eines wahrscheinlich unechten Briefes begründet:

Nicht aufgenommen und von Kleists Briefkorpus auszuschließen ist ein Schriftstück, das Sigismund Rahmer aus den Papieren Ludwig v. Brockes' veröffentlicht hat und das, erstmals von Joachim Bumke ("Zu Kleists Briefen": in: Euphorion 52 [1958], 183-192; hier: 183-189) für Kleist reklamiert, in den Ausgaben von Helmut Sembdner und Siegfried Streller (jeweils als Brief Nr. 55) trotz Vorbehalten gegen Bumkes Zuschreibung und Datierung (Paris, November 1801) als Fragment eines von Kleist an Brockes gerichteten Schreibens geführt wird. Die Wiedergabe dieses Textes und die kritische Erörterung seines Status wird im dokumentarischen Anhang zum Kommentar erfolgen.

Die Präzision der Umschrift und die Genauigkeit der editorischen Angaben verleihen der Lektüre der Briefe eine sonst nicht zugängliche Intimität, eine erregende Nähe zu ihrem Verfasser. Man meint - auch noch bei der Abbildung eines gesiegelten Kuverts oder nur der Adressenseite eines Briefes - mit dem Autor fast in einem Zimmer zu sein, zurückversetzt in seine Zeit nicht nur privater Verstörungen, sondern auch eine Epoche hoher politischer Instabilität in Europa. 
Satz- oder Transskriptionsfehler waren in dem Band auch bei genauem Hinsehen nicht zu entdecken (wenn man von einer rätselhaften und vom Original nicht gedeckten Einrückung einer letzten Zeile, auf Seite 173, absieht).
Die Arbeit des Instituts an der Kleistschen Gesamtausgabe und anderen, zum Teil abgeschlossenen Projekten wird dankenswerterweise und sehr gut in einer eigenen Website dokumentiert (www.textkritik.de). Man kann sich hier zum Beispiel die "Vorgaben zur Textkommentierung", die empfehlenswerten "Hinweise zur Satzeinrichtung" oder eine Vorschau auf einige künftige Bände herunterladen. Lediglich vor der Spaß-Seite "lingua cranca" muß gewarnt werden; nicht weil sie ein zum Teil hanebüchenes Küchenlatein bietet, sondern weil sich hier offenbar die Schreibfehler versammelt haben, die im Brief-Band so glücklich vermieden wurden.
Fazit also: eine editorisch maßgebliche Textausgabe, die einen des Autors würdigen Referenzstandard setzt. Und nicht genug zu loben schon allein deshalb, weil in solcher "Arbeit im Weinberg des Textes" die Treue zu Autor und Werk doch kein leerer Wahn ist. Solange derartig hervorragende Werkausgaben erscheinen: keine Panik um die Pflege der Literatur!

Christian von Mutius

Heinrich von Kleist
Samtliche Werke. Brandenburger Ausgabe IV/2 Briefe 2
hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle
28 x 18 Zentimeter, 565 Seiten (Begleitband: Brandenburger Kleist-Blätter 12, 106 Seiten)
Stroemfeld / Roter Stern, Frankfurt am Main 1999
DM 238,--, öS 1737, sFr 238,--