Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Kurzprosa

Michael Eichhammer

VARIATIONEN ÜBER EINE UNWICHTIGE BEGEBENHEIT

Das Schema der nächsten Texte basiert auf der Idee von Raymond Queneaus "Stilübungen". Queneau hat, ausgehend von einer knappen Beschreibung einer Alltagssituation 98 (!) literarische Stilvariationen dieses Ausgangstextes geschrieben. Dieses Konzept griff ich auf mit einem eigenen Ausgangstext und eigenen Variationen. So wird aus dem Bericht einer S-Bahnfahrt eine Fussballspielreportage, ein Drama, usw... Hier ein paar Ausschnitte.

AUSGANGSTEXT

In einer vollbesetzten S-Bahn, Richtung Innenstadt, später Nachmittag. Es ist Winter und deshalb schon dunkel draußen. Ein junger Mann, um die 24 Jahre alt, Traurigkeit in seinem
Blick. Auf seiner auffallend krummen Nase sitzt eine kleine Nickelbrille. Ein Mädchen spricht zu ihm. Als ich näher komme, um mich auf einen freigewordenen Platz zu setzen, höre ich, wie das Mädchen sagt:  "Kapier` es endlich, es ist aus zwischen uns." Der Mann fängt an zu weinen.  Vor allen Leuten.

Etwa zwei Stunden später begegne ich dem Kerl wieder. Er spaziert mit einem anderen Mädchen durch die Fußgängerzone und erzählt ihr eine interessante Geschichte.
 

IM STIL VON JOHN LENNON

Darf ich mich vor- oder nachstellen? Mein Name ist John Lenin...oder war´s Lennon? Ist ja auch egal. Eins weiß ich jedenfalls sicher: "I´m the walrus."

Ich möchte euch, liebe Laser, eine Geschichte, nein besser ein Gedicht... eine Gedichte erzählen.
Es ward in der Eis-Bahn und zu spät, um "Good morning" zu singen. Wir fuhrwerkten gerade oder vielleicht auch schief die "Penny Lane" entlang, vorbei an den "Strawberry Fields". Ich kam, sah und siegte einen "Nowhere Man", dessen Mädchen mit ihm Schluss zu machen wie die Sonne schien. Er wieherte und weinerte, als hätte er die Message "All you need is love" verstanden. Apropos - verstunden - Stunden später - und das ist dämlich der Grund und Boden, warum ich euch dash3 alles berichtige - hatte der "Fool on the Hill" schon einen Ersatz. Tja Leute, das war "A day in the life" von mir.

P.S.: Hab ich eigentlich schon ergähnt, daß der Typ die gleiche Brille hatte wie meinerseits?
 

SYNONYME

In einem noch kaum Sitzplätze bietenden öffentlichen Verkehrsmittel, auf dem Weg ins Zentrum der Stadt, am frühen Abend. Es sind die letzten Tage des Jahres und deshalb ist es bereits um diese Zeit finster. Ein Bursche, schätzungsweise Mitte 20, Melancholie in den Augen. Auf seinem bemerkenswert schiefen Riechorgan sitzt eine winzige John Lennon-Brille. Eine junge Dame sagt ihm etwas. Als ich mich zu ihnen geselle, um auf einer unbesetzten Sitzgelegenheit Platz zu nehmen, bekomme ich die Worte der jungen Frau mit: "Check´ es doch endlich, ich mache Schluß!" Der Jüngling bricht in Tränen aus. Vor den anderen Fahrgästen.

Ungefähr 120 Minuten nach diesem Erlebnis sehe ich den Mann wieder. Er schlendert mit einer neuen weiblichen Begleitung durch die Innenstadt und teilt ihr einen hörenswerten Sachverhalt mit.
 

FRAGLICH

Ob die S-Bahn wohl so voll ist, weil die Leute ihre Weihnatseinkäufe machen? Ob es am Winter liegt, daß es schon so dunkel ist? Ob der junge Mann da schon 24 ist oder nur so jung aussieht? Ist da nicht eine gewisse Traurigkeit in seinem Blick? Ist die Brille nicht ein bißchen zu klein für diese auffallend krumme Nase? Ob es seine Freundin ist, die da mit ihm spricht? Ob ich mich auf den freigewordenen Platz setzen sollte? Habe ich das gerade richtig verstanden? Beendet sie gerade ihre Beziehung mit ihm? Sehe ich recht, fängt der Kerl an zu weinen? Vor allen Leuten?

Ist das nicht derselbe Junge, den ich in der S-Bahn gesehen habe? Das ist doch aber ein anderes Mädchen mit dem er jetzt redet?
 

SUBJEKTIV - Aus der Sicht eines Arschlochs

Ich war gerade auf dem Weg in die Stadt. Wollte beim Kaufhof noch eins dieser Plüschtiere im Sonderangebot ergattern. Dachte mir, das ist das richtige Weihnachtsgeschenk für Susanne, billig, aber sieht teuer aus. Und dann noch Augen zu und ´ne schnelle Nummer, dabei einfach an Pamela Anderson denken. Und dann hab´ ich wieder ´ne Weile Ruhe... Aber zurück zur Story: Da war vielleicht ein schräger Vogel! Mit der Nase hätte er früher in ´ner Freakshow auftreten können! Warum fährt so einer S-Bahn, dachte ich mir, der sollte sich lieber auf die Schienen legen! Wäre die billigste Art einer Schönheitsoperation... Na ja, seine Freundin war auch keine Schönheit. Na, was heisst Freundin! Sie hat ja gerade mit ihm Schluss gemacht. Da schaute der Typ noch blöder als davor und fing an zu heulen wie ein Balg, dem man die Batterien aus dem Spielzeug nimmt.

Jedenfalls, langer Rede kurzer Sinn: Zwei Stunden später kommt mir die Gurkennase wieder
entgegen und hat ein Superbabe im Schlepptau. Wie so ein Schleimbatzen an so ´ne Braut kommt ist mir schleierhaft. So ein Wichser!
 

ELLIPSEN

Eine S-Bahn. Vollbesetzt. Richtung: Innenstadt. Winter, deshalb kalt und dunkel. Ein junger
Mann. Auffallend krumme Nase. Darauf eine kleine Brille. Ein Mädchen. Worte des Abschieds.
Und die dazugehörigen Tränen.

Zwei Stunden danach: derselbe Kerl, neben ihm eine Schönheit. Und als Überraschung: die
Pointe.
 

DIE DARSTELLER IN DER REIHENFOLGE IHRES AUFTRETENS

                         eine S-Bahn, altmodisch und stur
                        der Winter, totkrank und lebensmüde
                       ein junger Mann, schüchtern und leise
                  die Traurigkeit, verbittert und auf einem Auge blind
                        eine Brille, Student der Philosophie
                      ein Mädchen, die femme fatal des Stückes
                         der Erzähler, Stimme aus dem Off
                     einige Leute, bunt gemischt
                      zweites Mädchen, kaugummikauend, sexy
 

DIKTATFEHLER

In Heiners trollbenetzter U-Bahn, richtig Indien satt. Spaten Nacht mit Tag. Es ißt Winfried und das halbe schohnt Dünkel außen. Bein Junker Hahn bumst die 21 Fahre halt, saure Zeit in deinem Zick. Hauff deiner umfallend dummen Vase spitzt eine Leine Nicki Pille. Ein Madchen bricht Sue him. Pfalz dich Näher kämme, um Michi auf keinen breigewordenen Satz zu ätzen, Möhre wicht, Ihh! Das Mädchen Sack: "Capri es End-Wicht, ätz ißt Haus wischen Hund." Wer man hängt ab und zu Wein. Vor allem Läuten. Etwas weiter unten späht er be gne gne ich dem Karl Widder.

Der Spatz irrt mit seinem Wandern Männchen Lurch die Busgelderzone und er zählt hier eine
intrapassante Gedichte.
 

VERWECHSLUNGEN

In einem vollbesetzten Mädchen, Richtung Fussgängerzone, später Winter. Es ist Nachmittag und deshalb um die 24 Jahre alt. Ein junger Mann, schon dunkel, ein freigewordener Platz in seinem Blick. Auf seinem auffallend krummen Mädchen sitzt eine kleine S-Bahn. Als ich näher komme, um mich auf eine Traurigkeit zu setzen, höre ich, wie seine Nase sagt: "Kapier´ es endlich, es ist aus zwischen uns!"  Die Innenstadt fängt an zu weinen. Vor allen Plätzen.

Zwei Leute später begegne ich dem Mädchen wieder. Sie spaziert mit einem anderen Kerl durch eine interessante Geschichte.
 

VERGLEICHE

In einer S-Bahn, voll wie eine Sardinenbüchse. Es ist Winter und dunkel wie in einem Sarg. Ein junger Mann, Traurigkeit in seinem Blick, wie die Traurigkeit eines Clowns nach der
Vorstellung. Seine Nase ist wie ein Krummsäbel. Darauf sitzt eine Brille wie die von John
Lennon. Ich setzte mich auf einen Platz, der leer ist wie ein italienisches Strandhotel im Winter. Ein Mädchen spricht zu dem jungen Mann, eindringlich und langsam, wie zu einem geistig Behinderten. Sie macht Schluss mit ihm, kaltblütig wie eine femme fatale aus einem
Schwarzweiss-Krimi. Der Mann weint wie ein kleines Kind, das vom Fahrrad gefallen ist.

Etwa zwei Stunden später sehe ich ihn wieder. In seiner Begleitung ist ein Mädchen, schön wie der Traum eines pubertierenden Teenagers.
 

KONKRETE POESIE

               Suche nach Liebe im Schwarzweiss der Innenstadt-Realität.
                        Die Liebe ist eine Blume im Asphalt.
                     Die Liebe ist kalt und dunkel wie die Nacht.
                        Die Liebe ist die Liebe ist die Liebe
                und ihr Ende ist eine krumme Nase auf einem S-Bahngleis,
                          eine Nase wie ein Fragezeichen
                            und die Welt ist die Frage.

                  Fussgängerzonen erzählen interessante Geschichten
 

GEGENTEILIGES

In einer leeren S-Bahn, Richtung stadtauswärts, früh am Morgen. Es ist Sommer und noch hell im Inneren. Ein Greis, um die 84 Jahre alt, Heiterkeit in seinem Blick. Auf seiner auffallend
wohlgeformten Nase sitzt eine grosse Sonnenbrille. Eine alte Frau schweigt. Als ich weggehe,
um mich an die Tür zu stellen, höre ich nicht, wie die Alte ihm einen Heiratsantrag macht. Der Mann lacht. Im leeren Abteil.

Unmittelbar danach sehe ich ihn nicht mehr. Er steht mit einer anderen alten Frau auf der
Autobahn und spricht kein Wort.
 

ÜBERTREIBUNGEN

In einer zum Bersten gefüllten S-Bahn, fast Mitternacht, eiszeitliche Temperaturen. Ein junger Mann mit einer Sprungschanze statt einer Nase. Als ich mein Ohr an den Mund seiner Freundin lege schreit sie, so laut, dass man es noch in Tokyo hört: "Kapier es endlich, es ist aus!"  Der junge Mann bekommt einen Nervenzusammenbruch. Er hat dabei mehr Publikum als die Beatles bei ihrem Abschiedskonzert.

Zweihundert Jahre später sehe ich den Kerl mit dem Eiffelturm im Gesicht wieder - mit der
schönsten Frau der Welt hüpft er, Konfetti schmeissend, durch die Innenstadt.
 

KLASSISCH

Mich dünkt, es ward zur Winterszeit, als ich jenes eigentümlichen Ereignisses zufälliger Zeuge wurde. Ein Jüngling von eher unfeiner Gestalt, doch, wie es des Lebens und der Schöpfung verworrenes Spiel oft grausam treibt, dennoch von edelster Gesinnung. Die Ahnung einer unendlichen, bittersüssen Traurigkeit umgab seine Züge. Sein Antlitz schien in der Tat die saure Frucht einer üblen Laune des Schöpfers zu sein! Er schien mir ein Hüter der Weltenweisheit, ein Studiosus der Universalwissenschaft zu sein. Sein Liebchen sprach zu ihm. Aber es waren sicht die süssen, bezaubernden Poeme der Liebe, die, beflügelt von Amors Pfeilen, die Herzen der glücklichsten Erdenkinder treffen. Nein, vielmehr waren es die vom Gift der Ungunst getränkten Pfeilspitzen des Abschieds, die sie kalt in seine zarte Seele bohrte.

Doch, wie, es der launischen Dame Fortunas bald höllisch grausames, bald himmlisch
berauschendes Spiel will, fand sich noch diesentags ein neuer Engel, den ein gütiger Gott diesem guten Erdenkinde schickte und der ihn von neuem von den süssen Elixieren der Lebensfreude berauscht machte.
 

NICHTS ZUR SACHE

Im zweiten Abteil in Fahrtrichtung einer 1991 in Betrieb genommenen S2, die ihre Reise in Holzkirchen startete, befindet sich eine Anzahl von Fahrgästen, die die vom Münchner Verkehrsverbund, abgekürzt MVV, vorgesehene Aufnahmekapazität mehr als ausschöpft. Aber das tut nichts zur Sache.
Ein 25-jähriger Mann, der nebenbei bemerkt, einen Tag zuvor Geburtstag hatte, sitzt auf einem mit weinroten Kunstleder bespannten Platz, der an der rechten Seite ein durch den Messerstich eines betrunkenen Neonazis hervorgerufenes Loch hat. Genau diesselbe Traurigkeit, die ein aufmerksamer Beobachter im Gesicht des jungen Mannes entdecken kann, hatte übrigens – aber das ist natürlich reiner Zufall - Humphrey Bogart in Casablanca, als er voll bitterer Ironie zu Ingrid Bergmann sagte: "You understand me".  Die Brillenstärke des Burschen ist drei Dioptrien, aber das tut ebenfalls nichts zur Sache.
Seine Freundin macht bezeichnenderweise genau an der Stelle der Gleisstrecke Schluss mit ihm, wo drei Jahre zuvor ein 16-jähriger, den seine Klassenkameraden "Konfetti" nannten, mit dem Leben Schluss gemacht hatte. Der Mann sagt nichts mehr, aber ich, der ihn in einem Abstand von circa zwei Metern beobachte (das ist, nebenbei bemerkt, genau der Abstand, den Julius Cäsar von Brutus hatte, als er seine berühmten letzten Worte sprach...), sehe die erste Träne, lange bevor die anderen Fahrgäste ihre Aufmerksamkeit auf den Ärmsten lenken. Lange bevor der frühpensionierte Siemens-Mitarbieter kurz den Blick von seiner Zeitung nimmt, lange bevor die alte Frau den Burschen ausgiebig betrachtet und dabei an ihre erste Liebe denkt und lange bevor die zwei Grundschülerinnen, die mir gegenüber sitzen, auf den jungen Mann deuten und grinsen. Die eine hatte am Frühstückstisch eine Ohrfeige bekommen, weil sie zur Mutter "Was geht dich das an!" gesagt hatte - aber das tut nichts zur Sache.

Warum ich das alles erzählt habe: Ich traf den Jungen wieder. Und an seiner Seite war ein anderes Mädchen. Wenn ich sie mit der Vorgängerin aus der S-Bahn vergleiche, ist das ein Unterschied wie zwischen einem roten Ferrari und einem rostigen Klapprad. Ihr blondes Haar schimmerte in der Sonne und überhaupt wirkte sie wie ein Engel, der vom Himmel gefallen war als Gottes Entschuldigung für alles was er in den letzten Jahrhunderten so verbockt hat. Ich gab die Kette, die ich für Susanne gekauft hatte, übrigens sofort danach zurück, aber das tut wiederum nichts zur Sache.
 

TIERLEXIKON

Der Gurkennasenbär ist ein Säugetier, das sich, wie die U-Bahnratte oder das Kanalkrokodil, im Laufe der Evolution erstaunlich gut an das urbane Leben angepasst hat. Er scheut das Tageslicht und ist tagsüber eigentlich nur zur Nahrungssuche und Partnerwahl unterwegs. Am häufigsten findet sich dieses Tier von eher plumper Gestalt in S-Bahnen, wo es oft ein Balzverhalten zeigt, das wir gern vermenschlicht als "Weinen" deuten wollen.

Wie alle hochentwickelten Tiere lebt die Gurkennase polygam.
 

COMPUTERLYRIK

Die "Computerlyrik" ist entstanden, indem ich die einzelnen Worte des Ausgangstextes vom Computer alphabetisch ordnen und untereinander schreiben liess. Damit mehr oder weniger Sinn daraus entstand, strich ich manche Worte und fügte Leerzeilen ein. Die Reihenfolge der Worte verblieb aber alphabetisch geodnet.

                                      24
                                      alt

                                    anderen
                                   auffallend

                                     blick
                                    deshalb
                                    dunkel

                                    endlich
                                    erzählt
                                      er
                                      es

                                 fussgängerzone
                                     höre
                                     ich
                                  interessante
                                   geschichte

                                    junger
                                     kerl
                                    kleine
                                   mädchen

                                     mann
                                     mit
                                     nase
                                    später
                                    spaziert
                                    spricht

                                    weinen

                                    wieder
                                    winter
 

AUS DER SICHT DES JUNGEN MANNES

Du, ich muss dir was erzählen! Ich hab´ heute in der S-Bahn auf dem Weg zu dir eine Kollegin aus meinem Theaterkurs getroffen. Sie hat mir ihr Leid geklagt, wie schwer es ihr fällt, in ihrer Rolle auf Knopfdruck zu weinen. Ich hab´ ihr den Tip gegeben, ganz fest an etwas Trauriges aus ihrer Vergangenheit zu denken. Um ihr das zu demonstrieren, schlug ich vor, eine kleine Szene zu spielen, in der sie ihren Text sagen sollte. Was meinst du, wie blöd die Leute geguckt haben, als ich losgeheult hab´!