Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Kommentar

Wann wird Joschka Fischer Kanzler?
Auf der Suche nach dem verlorenen Staunen in Deutschland

Geht es Ihnen auch so: Ich bin erstaunt, daß die Leute in Deutschland sich über rein gar nichts mehr wundern. Ich sitze in meinem Lieblingscafé und sinne nach, wie man diese Republik in ihrem derzeitigen Seelenzustand nennen könnte: die trotzdem verschlafene Republik? Die überforderte Republik?

Ich kenne Leute, die haben sich in den ganzen drei Monaten des Kosovo-Kriegs nie erstaunt geäußert über das dortige Geschehen - als hätten sie nichts anderes erwartet! Die "Süddeutsche" muß es auch irgendwie gemerkt haben und drückte es auf ihre Weise aus. Auf der Seite 3 formulierten die Seite-3-Journalisten am Tag, nachdem die "Stern"-Reporter im Kosovo starben: "Plötzlich ist der Krieg ganz nah." Wohin ist eine Gesellschaft gekommen, die einen Krieg erst dann ganz nah empfindet und über ihn erschrickt, wenn zwei ihrer Journalisten ermordet werden? Ein Krieg, von dem unser Kanzler gemeint hat, er sei nur eine Flugstunde entfernt.

In die Lücke des Staunens sprießen natürlich die faselnden Esos mit ihrem geheimen Höheren Selbst. Ihr emotionaler Terror hat bereits begonnen: Der 11. August ist nah, Sie wissen schon: Sonnenfinsternis, Nostradamus und das alles. Diese Esoteriker, die die Zeitungen und die Zusammenhänge nicht genau studieren und deshalb all jene mit ihrem angeblichen Geheimwissen verrückt machen können, die auch zu faul sind, Zeitungen und Zusammenhänge genau zu studieren. Ihrem wichtigtuerischen Realitätsverlust, den sie mit Zauberaugen zelebrieren, kommen einige undurchsichtige Zukünfte entgegen: Zwischen Pakistan und Indien bahnt sich ein (leicht erklärlicher) Machtkonflikt an mit einer eindeutigen historischen Entwicklung. Und zwischen Nord- und Südkorea sieht es auch nicht gut aus ...

Dabei hat es in der überregionalen Presse diesmal ungemein treffende Durchleuchtungen des NATO-Kriegs gegen Miloševic gegeben: beispielsweise von dem noch zu entdeckenden israelischen Philosophen Avishai Margalit in der "Zeit". Auch in der "Frankfurter Rundschau", hier der Hamburger Friedensforscher Peter Lock, der den chirurgischen Krieg der von dem Ex-Philosophen Wesley Clark geführten US-Streitkräfte auf die Rivalitäten zwischem dem Heer, der Luftwaffe und der Marine zurückführt und in der Kosovo-Operation nur einen Vorgeschmack auf den neuen amerikanischen Traum sieht: von den USA aus bald jeden Punkt der Erde mit präzisen militärischen Strafaktionen überziehen zu können. Auch Paul Virilio, der immer aufschlußreiche französische Sozialphilosoph, hat, als er in der "Kulturzeit" von 3sat den NATO-Sprecher Jamie Shea als eine neue Art Discjockey für die videospieltaugliche Weltprese erklärte, irgendeinen Nagel auf den Kopf getroffen. Wir wissen noch nicht genau, was geschehen ist, ahnen aber einiges.

Der psychopolitische Fall Miloševic sollte zudem eine weitere Konsequenz haben: ein internationales Politikerprüfgremium müßte in Zukunft vereiteln, daß Menschen deren beide Eltern Selbstmord begangen haben, von der Spitze irgendeines Staates auf die Menschheit losgelassen werden. Für Psychoanalytiker war von vornherein klar, daß ein solcher Mann zu wahnsinnigen Racheakten für die erlittenen Kränkungen neigt. Eine Ideologie finden solche Leute immer, ob sie nun vom Amselfeld stammt oder von Nostradamus.

Noch etwas hat der Krieg um das Kosovo ergeben: Gerhard Schröder, der mir noch vor der Bundestagswahl übermitteln ließ, er werde mein letztes Buch lesen (sieht nicht so aus, als ob ers getan hätte!), hat doch nicht das erhoffte historische Format. Erst wenn diese Republik in der Lage ist, einen Kanzler Fischer an der Spitze zu haben, würde sie auch intellektuell neu erblühen. Joschka Fischer müßte vorher nur der SPD beitreten. "Beitreten", würde Dieter Hildebrandt jetzt sagen: So einer Partei kann man nur noch "beitreten"!

Obwohl der Joschka Fischer 1954 bei der Fußball-WM geweint hat, als wir den Ungarn drei Tore "reingemacht" haben! Aber inzwischen fühlt er sich ja nicht mehr als Ungar. Fischer ist auch der Richtige, um sich den neuesten europäischen Glücksfall zum Vorbild zu nehmen: Romano Prodi. Daß dessen sensationelle Straßburger Rede vom Juni in dieser trotzdem noch immer verschlafenen Republik unterging, wundert mich nicht: Der Mann, von dem "die Wirtschaft" glaubt, sie habe mit ihm einen Motor der überökonomisierten Hamsterrad-Welt an die Spitze der EU-Kommussion holen lassen, pries als erstes die "kulturellen Werte" und die "Seele Europas", die es zu verteidigen gelte. Gegen wen wohl? Gut zu wissen, daß es Menschen gibt, die in Zeiten der medizinischen Video-Kriege und der Schulmassaker-Filme aus dem Littleton-Vorort Hollywood unter Verteidigung noch etwas anderes verstehen.

Ich muß aufhören, der Typ neben mir hechelt seine Banalitäten so laut ins Handy, als habe er noch nie eine Glosse über Handys gelesen. Die süße Bedienung, ihren Po schon für die abendliche Seitensprung-Börse in meinem Lieblingscafé hergerichtet, hat ihr Hand-Werk offenkundig noch richtig gelernt. Der Henkel der Fünf-Mark-Tasse mit beschäumter muß auf 16 Uhr stehen, und bei mir steht er genau da! Das habe ich in Münchner Cafés schon lange nicht mehr erlebt. Bis zum nächsten Mal Ihr

Schattinger