Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Gastkolumne

Rafik Schami

Ein Vierteljahrhundert Nachbarschaft mit den Herren Goethe und Tröte

Schluß des ersten Teils aus der Gazette Nr. 15, Mai/Juni 1999:

Doch plötzlich war Tröte, und diesmal auch in seiner Talkshow, Befürworter eines Krieges. Er schäumte vor Haß gegen das anzugreifende Volk und hetzte wie ein Kriegstreiber. Er mied mich in den nächsten Wochen. Doch bald darauf war er wieder der alte und schimpfte auf diese Kriegsverbrecher, die irgendwo einen anderen Krieg angezettelt hatten. Es dauerte Jahre, bis alles herauskam. Seine Exfrau veröffentlichte ein Buch über ihre Zeit mit ihm, ein Skandalbuch und viele Monate auf Platz eins der Bestsellerliste. In diesem Buch ist ein Kapitel Trötes Einstellung zum Krieg gewidmet.

Ich bekam beim Lesen fast Atemnot. "Tröte", so die verbitterte Exgattin, "ist weder für noch gegen den Krieg. Er orientiert sich an den Firmen, deren Aktionär er inzwischen geworden ist, und auf wessen Seite diese Firmen stehen, auf dessen Seite steht auch er, und wenn es darauf ankommt, sogar gegen die eigene Regierung. Er ist weder Revolutionär noch Reaktionar, sondern schlicht und einfach Aktionär."
 

Goethe befreite sich früh von den nationalen Fesseln, und dies an erster Stelle in seinem Herzen, dann in seinen Themen und seiner Sprache. Sicher, er schrieb immer in deutscher Sprache, aber er hielt sich nicht an deren durch die Zeit angehäufte Zwänge.

In einem Gesprach mit Eckermann erklärte Goethe mit einfachen Worten sein Geheimnis, mit dem er die Herzen der Menschen auf allen Kontinemen erobern konnte: "Der Dichter wird als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist des Gute, Edle and Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und das ergreift und bildet, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt." Goethe liebte die Deutschen und haßte das Häßliche an ihnen. Das tat er im Alltag und das vollzog er in seiner Literatur. Schon früh warf er alle Konventionen, die Roman und Theater in Deutschland lähmten, über Bord. Nur so wurden Götz (1771) und Werther (1774) möglich.

Nicht daß ich behaupten wollte, Herr Tröte sei ein großer Liebhaber der Deutschen. Nein, bisweilen haßt er seine Landsleute. Er meidet sie im Ausland. Vor allem im Urlaub kann er sie überhaupt nicht vertragen. Doch als ein lausiger Sänger, den er in einem Zeitungsartikei als Ekel und Popstar für Debile bezeichnet hatte, durch elektronische Tricks zu einem internationalen Wettbewerb nach England fahren durfte, stiegen Tröte vor der Kamera Tränen der Rührung in die Augen und er drückte für "Deutschland" die Daumen. Es ging ihm nicht mehr um einen zehntklassisen Sänger, sondern ganz einfach um "unser Deutschland". Und als dann ein noch schlechterer Israeli den Wettbewerb gewann, schäumte Tröte vor Antisemitismus.

In meinem Dauerexil und bei meiner Neigung, trotz offener Wunden zu lachen, stand mir Heine zunächst näher als Goethe, der für lange Jahre als weiser Lehrer aus der Ferne wirkte. Man muß Lehrer nicht lieben, sagte ich mir immer. Mit der Zeit aber bekam ich vor seinem Können Respekt. Und je älter ich wurde, je näher ich mich an seine Person herantastete, je mehr ich den Menschen Goethe, seine Rastlosigkeit, seine Unsicherheit, seine Einsamkeit und nicht zuletzt seine Trauer um nahe Menschen, die er liebte und überlebte, ins Auge faßte, um so beständiger wurde meine Liebe.

Heine und Goethe bilden kein Paar, sondem zwei Pole. Heine kann man leicht lieben and leicht hassen. Goethe macht es einem da nicht so einfach. Und merkwürdigerweise sind die weltwelt beliebtesten deutschen Dichter, Goethe und Heine, alles andere als typische Deutsche. Heine besang seine Heimat aus dem entfernten Paris.

Und wie deutsch war Goethe?

Goethe war seinem Wesen nach nicht deutsch. Er schrieb keinen einzigen abstrakten Satz. Seine Worte sind faßbare Bilder, and welch göttliche! Insofern gibt es kaum einen Menschen auf Erden, der heute besser als Vorbild für die deutschen Schriftsteller dienen kann als Goethe.

Er liebte die Farben und vergötterte deshalb Italien, anders als der Puritaner Schiller, der Schwarzweiß-Zeichnungen schätzte und Farbe als Reiz und Täuschung empfand, und anders als Luther, der singen ließ: "Herr gib uns blöde Augen / Für Dinge, die nichts taugen."

Das sinnenfeindliche bürgerliche Leben des 18. Jahrhunderts widerte Goethe an. Der große Augustinus soll gesagt haben: "Wer liebt, lebt da, wo er liebt, und nicht da, wo er lebt." Goethe war sozusagen ein Italiener in Weimar, ein Südländer im kalten Norden. Nietzsche hat recht, wenn er sagt: "Goethe gehört in eine höhere Gattung von Literaturen, als ‘Nationalliteraturen' sind: deshalb steht er auch zu seiner Nation weder im Verhältnis des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. [  ....  ] Goethe, nicht nur ein guter und großer Mensch, sondern eine Kultur - Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen."

Herr Tröte ist aus der Kirche ausgetreten, nicht aus Protest, sondern um Steuern zu sparen. Aber seitdem betont er immer, er sei Atheist. Ich habe selten einen Menschen gesehen, der so gläubig, ja abergäubisch ist wie Herr Tröte. Er jettet hinter Wunderheilern her, lädt sie zu seiner Talkshow ein und läßt sich selbst mit ihren Kräutern und Sprüchen, Talismanen und Steinen behandeln. Goethe war Christ, doch er wurde durch seine Weisheit zum Polytheisten und hatte große Achtung vor dem Glauben anderer: "Diese muhammedanische Religion, Mythologie, Sitte geben Raum einer Poesie wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend."

Bei Herrn Tröte scheint es mir oft, als liebe er die islamischen Fundamentalisten nur deshalb, weil sie mit ihrem Terror das Bild, das er vom Islam hat, bestätigen.

Tröte schrieb zum 200. Geburtstag von Heinrich Heine ein beleidigendes Buch über dessen Frau Mathilde und bekam anschließend, da dieser Schwachsinn Erfolg hatte, den Auftrag, auch über Goethe zu schreiben. Er sagte mir schon im voraus: "Es wird sich doch wohl auch etwas Krummes im Leben des Dichterfürsten finden lassen."

Manchmal habe ich den Eindruck, daß etwas um so schneller populär wird, je mehr es zeigt, daß die Großen gar nicht so groß waren. Die Deutschen nennen das "vom Sockel holen". Tröte ist in dieser Kunst ein Meister. Auch hierfür hat er einen Preis bekommen. Er behauptet, er wolle diese großen Persönlichkeiten vermenschlichen. Als ob wir nur dadurch Menschen würden, wenn wir in den Dreck gezogen werden. Im Fall Heinrich Heines kam bei Trötes Tiraden nur heraus, daß Heine, die schärfste Zunge der Deutschen, der Nietzsche in Ecce Homo göttliche Bosheit zuschrieb und vor der ein Metternich zitterte, nichts weiter als ein Trottel war, dem eine Prostituierte namens Mathilde auf der Nase herumtanzte. Man kann solche Demontagen Barbarei nennen, man kann es aber zutreffender als Neigung zur Selbstzerfleischung von Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen bezeichnen.

Und Tröte machte sich also an Goethe, da alle Welt weiß, daß der Dichterfürst im Jahr 1999 seinen 250. Geburtstag hat. Statt eines Blumenstraußes hat Tröte jedoch nur faule Eier mitgebracht. Er beschäftigte sich (oder seine gesichts- und namenlose Redaktion) zwei Jahre lang mit den Eskapaden der unteren Körperhälfte des Dichterfürsten und fand Spuren von homoerotischen Zuneigungen. Und das gab Tröte das Recht, öffentlich hämisch über Goethe herzufallen und sich selbst über den großen Geist zu erhöhen. Goethes untere Hälfte gleicht der von 99 Prozent aller Männer, Goethes obere Hälfte dagegen ist nur einmal in 500 ]ahren vorgekommen.

Ohne Goethe wäre Weimar womöglich ein verschlafenes Provinznest geblieben, eine von vielen kleinen schönen Städten Deutschlands. Doch genau hier setzte eine Elite Akzente und verwandelte die Stadt in ein Mekka der Kultur. Wenn ich die Namen bedeutender Manner und Frauen vor meinen Augen vorbeiziehen lasse, die in der kleinen Stadt mit ihren 6000 Einwohnern wirkten, so kommt mir die Supermacht Bundesrepublik mit 80 Millionen Einwohnern wie ein Entwicklungsland in Sachen Kultur und Visionen vor.

Mein Nachhar Tröte zählt sich zu der Elite dieses Landes, da er ein Meinungsmacher ist. Er ist kein Sammler, sondern ein Überwinder. Tröte überwindet am laufenden Band Geschichte, Religion, klassische Literatur, Philosophie, ja ganze Kontinente erledigt er an einem Abend. Wir saßen einmal bei mir und ich zeigte ihm ein Buch aus Afrika. "Afrika liegt bereits hinter mir", sagte er und nahm das Buch nicht einmal in die Hand. Kinderbücher hatte er bereits als Kind überwunden. Ich zeigte ihm weitere Neuerscheinungen, phantastische Werke auf Weltniveau, doch sie interessierten ihn nicht, da er durch diese Themen "schon durch" war und sie daher außerhalb seiner Talkshow lagen.

Wie anders war Goethe! Goethe war ein Sammler. Seine kindliche Neugier war unersättlich. Und er blieb sein Leben lang Kind, deshalb waren seine Fragen weltbewegend wie die der Kinder, wie die der Propheten. Und er nahm sich für alles Zeit. Wie viele Leben hat dieser Mann in einem gelebt?

Bei Goethe läßt sich bequemer fragen, was dieser Mann nicht gemacht hat.

Er war ein hochrangiger Politiker seiner Zeit, Theaterdirektor, Rechtsanwalt, Maler, Alchimist, Physiker, Botaniker, Geologe, Meteorologe, Biologe, Dichter, Dramatiker, Romancier, Essayist, Übersetzer und Literaturkritiker. Und dazu noch ein Lebemann sondergleichen. Anders als Kant, der sich durch Kasteiung und rigide Disziplin zur Arbeit zwang, machte Goethe meisterhaft aus jedem Augenblick das Beste. Und hätte ich nicht sein Werk gekannt, sondern nur das Kunstwerk seines Lebens, so hätte ich Goethe allein dafür verehrt. Diese Augenblicke des Genusses, die er aus den Klauen der Zeit rettete, sind die Oasen, in denen man Kraft tankt, weil die Reise lang, das Ziel ungewiß und überall Wüste ist. Goethe fand sogar noch Zeit, als Staatsmann Kinderfeste zu organisieren. Man muß sich wirklich bremsen, um ihn nicht als Casanova der deutschen Dichtung zu bezeichnen. Er besaß nie die Fähigkeit Heines, das Herz durch Lachen über die Mächtigen zu kitzeln, aber in seiner philosophischen Tiefe, seiner Liebe zur Schöpfung und Achtung anderer Kulturen überragt er Heine um ein Vielfaches.

Meine besondere Liebe gilt ohne Zweifel dem West-Östlichen Divan. Und ich konnte auch nach der tausendsten Wiederholung noch immer ausrufen: Gottes ist der Orient / Gottes ist der Okzidenl / Nord- und südliches Gelände / Ruhn im Frieden seiner Hände.

Es ist die universelle Seele, die diesen Mann leitet und ihn in manchen Punkten konservativ oder desinteressiert erscheinen läßt, weil er, statt sich mit lokalen Umwälzungen zu befassen, sich mit Hafis poetisch und innig unterhält. Man könme das ohne weiteres als Flucht vor den erdrückenden politischen Zuständen im Europa jener Zeit betrachten. Aber mit dieser Flucht rettete er sich und versetzte zudem seine Seele in prophetische Höhen. Nicht zufallig nennt er das erste Gedicht Hegire (Hidschra, der rettende Ritt des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina).

lch wäre froh, wenn mancher deutsche Dichter der heutigen Zeit mir seine politischen Kommentare ersparen, vor der dauernden Unruhe unserer Zeit flüchten und dann nach einem Jahrzehnt Verse wie diese liefern würde:

Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen wie du bist
lm stillen ein ewiger Vorwurf ist?

Tröte, mein Nachbar, zählt sich zur intellektuellen Elite dieses Landes. Leider mit Recht. Er bildet die Meinung der Bevölkerung mehr, als zweihundert kluge Lehrer es je könnten, aber er ist visionslos angesichts der unklaren Entwicklungslage in Deutschland, Europa und der Welt im Zeitalter der Globalisierung. "Mal abwarten!" lautet seine Antwort immer, wenn die Zeit drängt und nach Antworten verlangt.

Goethe hätte in unserer Zeit ein mächtiges Wort mitzureden. Er hätte in der globalen Durchsetzung der Menschenwürde eine Aufgabe für die Intellektuellen aller Länder gesehen.

Das hätte der Meister gefordert.

Da bin ich ganz sicher.
 

© 1999 Rafik Schami

vom Autor zuletzt erschienen:
Der geheime Bericht über den Dichter Goethe (Koautor: Michael Gutzschhahn) Carl Hanser Verlag 1999
Sieben Doppelgänger, Carl Hanser Verlag 1999