Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Fundsachen

Sollte irgend einem Mann von Ambitionen der Sinn danach stehen, mit einem einzigen Gewalt- Streich die gesammte Welt menschlichen Denkens, menschlichen Meinens und menschlichen Empfindens zu revolutionieren, so steht ihm solche Gelegenheit jederzeit zu Gebote - so liegt die Straße zum unsterblichen Ruhm schnurgerade, offen und ohne jegliches Hinderniß vor ihm. Was er zu tun hat, ist lediglich, ein ganz kleines Buch zu schreiben und zu publicieren. Der Titel sollte recht einfach sein - dürfte blos wenige, schlichte Worte umfassen: "Mein bloßgelegtes Herz". Allein, dies kleine Buch müßte halten, was sein Titel versprach.
Ist's nun aber nicht höchst sonderbar, daß bei all der rabiaten Gier nach Notorietät, welche so vielen Exemplaren der Species Mensch anhaftet - so vielen auch, die sich keinen Deut drum scheren, was man nach ihrem Tode von ihnen denken mag: ist's da nicht höchst sonderbar, daß kein Einziger unter jenen sich findet, der da genug Kühnheit aufbrächte, dies Büchlein zu schreiben? Zu schreiben, sag' ich! Denn es giebt freilich zehntausend Männer, die, wär' solches Buch erst geschrieben, blos lachen würden ob der Vorstellung, sie könnten sich zu Lebzeiten durch dessen Publication irritiert fühlen, und die erst recht nicht verstünden, wasdenn gegen eine Veröffentlichung nach ihrem Tode einzuwenden wäre. Aber dieses Buch zu schreiben - das liegt der Hase im Pfeffer! Darüber wagt sich Keiner und wird sich in aller Zukunft Keiner wagen. Und wagte es gleich Einer, so könnt' er's gar nicht schreiben! Glosend verschrumpfen würde das Papier unter den Zügen so brennender Feder!

Edar Allan Poe