Die Gazette Nr. 15, Juli 1999:

Die Adresse
 
Die versuchte Rettung eines Magazins

Das seriöse FAZ-Magazin gibt in spätestens zwei Monaten auf, das innovative ZEIT-Magazin gibt es nach dreißig Jahren nicht mehr, nur das SZ-Magazin macht so schräg irrelevant weiter wie bisher.
Nun hat sich einer aufgemacht, wenigstens die Beilage der ZEIT zu retten; so nannte er sich auch öffentlich: "Lebensretter". Er heißt Christoph Lampert (das leicht mißlungene Selbstporträt-Photo rechts), ist - einem offensichtlichen Selbstinterview zufolge - fünfundzwanzig Jahre alt und Mathematikstudent. Er hat das Magazin - nein, nicht "an sich gerissen", sondern einfach herausbekommen, daß die Internet-Adresse www.zeit-magazin.de noch nicht vergeben ist. Und da machte er jetzt eben selbst das ZEIT-Magazin. Ein Lebensretter halt. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview, zur neuen ZEIT-Beilage "Leben":

Allein riesige bunte Photos machen doch keinen Ersatz für das Magazin aus. Seien wir doch mal ehrlich: Das ZEIT-Magazin war doch von allem, was donnerstags am Kiosk oder im Briefkasten lag, mit Abstand am besten lesbar: Man mußte es nicht viermal falten, um es festhalten zu können, es fiel nicht auseinander, wenn man es an der falschen Ecke anfaßte. Gerade durch seine bewußte Trennung zum Mutterblatt war das Magazin etwas Besonderes. Das LEBEN ist ein integraler Bestandteil der ZEIT und leidet am gleichen Problem: Es ist eine Zeitung, die zu lesen volle motorische Konzentration erfordert. Dann noch Inhalte oder Gefühle herüberzubringen, ist schwer.

Ein erfrischend haptischer Zugang zur Magazin-Lesekultur war das schon.
Der Anfang seines Internet-ZEIT-Magazins war schmal. Ein Archiv, hieß es entschuldigend, aber verständlich, "ist leider zur Zeit noch geschlossen", der Cartoon war eher qualitativ mäßig ausgefallen, aber immerhin gab es schon ein Editorial, ein Schachproblem, ein interaktives "Fortsetzungsgedicht", eine (natürlich!) mathematische Rätselfrage, eine Spiele- Kritik und - neben dem Selbstinterview - zwei kleinere Artikel zu den Themen Currywurst und Altern im Sommer. 
Und warum muß diese Beschreibung im Präteritum stehen? Weil wenige Tage danach die Adresse nur noch mit der gefürchteten Error-Meldung 404 daherkam: Es gab sie nicht mehr. Die ZEIT ist - nach unüberprüfter eigener Aussage - daran unschuldig: Sie habe dem Lebensretter lediglich die Verwendung des geschützten Magazin-Logos nicht gestatten wollen. Vielleicht erfahren wir ja demnächst mehr über die Kurzlebigkeit der Seite. Für den Augenblick: schade drum.