Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Zugabe

Ein französischer Bukowski? Oder nur ein in die Midlife-Crisis gekommener, exzessiv verrückter Provokateur? Ein Moralist oder ein gelangweilter Zeitgenosse?... Gleich wie man sich entscheidet, nachdem man sich dieses Buch zu Gemüte geführt hat, es werden Wirkungen bleiben. Dieses geistige Betreten der Kampfzone wird auch Sie lieber Leser zum inneren Kampf herausfordern. Sie werden Stellung nehmen, ob Sie es wollen oder nicht.

Den Menschen möchte ich erleben, der bei diesem Roman noch "objektiv" darüber schweben wird, sich noch rein sachlich damit auseinandersetzen kann. Es wird einem wahrhaftig nicht leicht gemacht. Marcel Reich-Ranicki meinte "Das Bild einer Generation wird gezeigt!...". Nur einer Generation?... Und wenn, dann doch bitte sehr, welcher?... Die der 20 - 30 oder die der 30 - 40jährigen?... Mir selbst, nun ja, mir erschien es, ebenso wie dem ehrenhaften M.R.R. auch als "ein hochinteressantes" Buch, wiewohl mir manches Pornoheft, manche Playboy- oder Penthouse-Ausgabe, eine zuweilen ganz ähnliche Beurteilung wert wäre.

Bei der Besprechung des Romans in seinem "Literarischen Quartett" am Abend dieses 23. April 1999, dem »Tag des Buches« meinte er ja dann auch noch ergänzend: "Dieses Buch sei als Kunstwerk unbedeutend". - Aber was ist denn Kunst? Heute in dieser unserer maroden Gesellschaft; gibt es die überhaupt noch?... - Wer kann und will denn heute noch das Gute vom Schlechten trennen?... - Wer fühlt sich denn dazu überhaupt noch in der Lage?... - Heute, wo jeder Film mit soviel Werbeeinblendungen, seziert und zerstückelt wird. Wo sich jeder Nachbar bei Talkshows zu den unmöglichsten Streit-Themen im TV prostituiert. Wo sich schon Kinder mehr an Gewalt, Pornographie, und manchmal auch Wissen, aus dem Netz heraus holen, als sich deren Eltern überhaupt in der Lage sehen. Was also, frage ich Sie, was also ist heute noch Kunst?...

Vielleicht so ein "furchtbarer" Houellebecq, der sich als Außenseiter öffentlich brandmarkt? Einer der die abstruse Meinung vertritt: "Ein Roman, sei eine Abfolge von kleinen Geschichten, deren Held er selber sei!...".  Jedenfalls Thesen diversester Art und recht "beunruhigende" Fragen, ja, die stellt er in diesem seinem neuen Erstlingsroman den Lesern wirklich zur Genüge.

Schon der Einband "beeindruckt" den beglückten Besitzer. Dabei ist es gleich, ob er das gebundene Werk geschenkt bekam oder es sich selbst mit eigenen Mitteln im Buchhandel erstand. Das Cover, es strahlt ihn nämlich an, in Form eines Hollographie-Bildes, dessen Aussage eindeutig und deren Darstellung fragwürdig bleibt. Eine simple Vermarktungsstrategie des Verlages?... Eine Kritik an unserer Zeit, wo nur Jugend, Schönheit, Viagra und Reichtum ihren Platz finden?...

Jedenfalls geht es in diesem, darf ich jetzt sagen "Bestseller"?, um die drei Eckpfeiler des Lebens: Karriere, Liebe und Sexualität.

Der Leser wird mit Geschichten konfrontiert, die in kleinsten Kapitelchen, aneineinander-gereiht, fast wie in Tagebuchform erzählt, mit Ausnahme der philosophischen Exkurse, recht gut zu lesen sind und ihn ins Geschehen hineinziehen (sofern er sich hineinziehen läßt).

Es geht um Alltägliches, um Banales genauso, wie um größere philosophische Erkenntnisse. Ja, auch die sind darunter. Zugegeben die Lust und die Liebe sind der Faden, an dem sich die gesamte Geschichte entlangfädelt. Das eigentliche Leben wird nur am Rande behandelt. Doch was ist die Kunst und was ist das Leben?... Vielleicht wird alles ja nur, wie im neuesten Buch des (noch) kleinen Kölner Verlages "ferber und partner", zum Inhalt und gleichlautigem Titel: "Liebe, Lust & Leichen".

Denn die Liebe, sie ist es nun einmal, die Triebfeder für alles: Lebensglück, Karriere, Zufriedenheit. Und dort wo diese Feder alt, ausgeleiert und im Brechen begriffen ist, dort stellt Mann sich eben auch diese Frage über den Sinn des Lebens, vom ehrlichen Selbstein- geständnis seiner Lebenskrise, bis hin zum schlussfolgernden, letztendlich ganz verständ-lichen Selbstmord!...

Nun, jetzt aber frage ich Sie: "...gehören wir alle zu einer verlorenen Generation"?...

Vielleicht ja doch. Denn wenn solch ein Werk in Frankreich mit dem »Grand Prix national des lettres«, wie auch dem »Prix Flore« für den besten Erstlingsroman gekürt wird, dann ist eine solche Frage, scheinbar doch nicht nur einfach so willkürlich in den Raum geworfen.

Aber wissen Sie, ich meine jeder sollte sich doch einfach selbst in diese Kampfzone begeben, um sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden. Und wenn Ihr Mann oder Ihre Frau denn auch eventuell zu einem anderen Schluss kommen mag, die Endlösung Selbstmord, muss ja nicht jedem Leser als die einzig Mögliche bleiben, so wird dieses Buch, glauben Sie mir ruhig ;-) auch Sie nicht ganz objektiv und "kalt" zurück "lassen" ...

Michel Houellebecq
Ausweitung der Kampfzone
(aus dem Franz. v. Leopold Federmair)
Wagenbach, Berlin 1999
160 Seiten,
32 DM,  234 öS, 29,50 sFr

Josef Mahlmeister, Köln - Mai 1999