Die Gazette Nr. 14, Mai/Juni 1999:

Buchkunst

Lernhilfen

Die Bücher der sogenannten Ars memorandi dienten dem mittelalterlichen Priester zum Training des Gedächtnisses, öfter wohl auch als reines menometechnisches Hilfsmittel, mit dessen Hilfe er sich den Inhalt der Evangelien leichter vergegenwärtigen konnte. Solche Memorierhilfen wurden noch bis ins 16. Jahrhundert benutzt.
Das für uns Heutige unverständliche Bildrätsel zum Matthäus-Evangelium löst sich auf folgende Weise: Der Richterstab (a) versinnbildlicht das Christus-Wort "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet", der Balken rechts (b) den Balken, den jeder unbemerkt im eigenen Auge trägt; zwischen den beiden ist auf dem Kopf des Engels die enge Pforte (c) zu sehen, die zum ewigen Leben führt; der Teufel rechts oben (12) deutet auf die Heilung des Besessenen hin; das Boot mit dem Ruderer (8) bedeuten die Heilung des Knechts des Hauptmanns von Kapharnaum und die Beruhigung der Stürme über dem Wasser; die Ähren und die Schüssel mit den Kopf (11), die der Engel in Händen hält, erinnern an die von den Ähren des Feldes essenden Jünger und Johannes den Täufer; die Krücke am Gürtel verweist auf die Heilung des Lahmen, der Beutel daneben (9) auf die Berufung des Apostels Matthäus und die Versammlung der Apostel unten (10) auf ihre am Anfang des zehnten Kapitels geschilderte Berufung.
Die Abbildung stammt aus einer "Ars memorandi per figuras Evangelistarum", die um 1470 wahrscheinlich in Süddeutschland angefertigt wurde. Die Illustration ist ein Holzschnitt (auch die Textteile wurden mit dem Bild in den Holzblock geschnitten).