Die Gazette Nr. 13, April 1999:

Gastkolumnen

Ralph Giordano

An die politische und militärische Führung der Bundeswehr:

„Machen Sie endlich Schluß mit der Traditionslüge in der Bundeswehr, benennen Sie die Kasernen um - und beginnen Sie dabei mit Erwin Rommel!"

Mit großer innerer Genugtuung werde ich Zeuge, daß unter dem neuen Verteidigungsminister Rudolf Scharping endlich in die Frage des Traditionsverständnisses  und derTraditionspflege der Bundeswehr Bewegung  kommt. Inbesondere begrüßt habe ich den Vorschlag, eine ihrer Kasernen nach Winston Churchill zu benennen, einem der großen Widersacher Hitlers, denen die Menschheit den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland zu verdanken hatte.

Obwohl die „Richtlinien" eindeutig sind: „Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich kann Tradition nicht begründen" und „Kasernen und andere Einrichtungen der Bundeswehr können nur nach Personen benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben", geht der Skandal der Kasernenpatrone mit NS-Vorzeichen weiter. Nachdem es sieben Jahre zivilen Kampfes bedurfte, daß die nach dem Uraltnazi Eduard Dietl und dem  Kriegsverbrecher  und „Adria- Schreck" Ludwig Kübler benannten Kasernen widerwillig unter der Ministerschaft Volker Rühes umgetauft worden sind, tragen weitere etwa 30 Bundeswehrkasernen nach wie vor die Namen Hitlerscher Militärs. Außer dem Widerstand und dem Ungehorsam des Gewissens aber können die Streitkräfte des demokratischen Deutschland keine Traditionen von einer Armee übernehmen, die das mächtigste und gefährlichste Instrument in den Händen der verbrecherischen NS-Reichsführung zur Realisierung ihrer Eroberungs-, Raub- und Ausrottungspläne war und maßloses Leid über die deutsch besetzten, ausgeplünderten und ausgemordeten Völker Europas gebracht hat.

Das macht selbstverständlich nicht alle Angehörigen der Wehrmacht zu Verbrechern, ändert aber nichts daran, daß sie, mit Ausnahme der Widerständler, einer schlechten Sache gedient haben. Auch wenn die Wehrmacht an keinem einzigen der von ihr tatsächlich begangenen zahlreichen Verbrechen jenseits der Kampfhandlungen beteiligt gewesen wäre - sie war Träger des NS-Hauptverbrechens Krieg! Es war die Wehrmacht, die das kriminelle NS-System mit Waffengewalt über die Grenzen des Großdeutschen Reiches bis nach Stalingrad und Narvik, an den Rand der Sahara und die Atlantikküste katapultiert hat - wobei der Radius des Vernichtungsapparats in Vormarsch und Rückzug stets identisch war mit dem der deutschen Fronten. Auch wenn die subjektive Motivation des deutschen Soldaten nicht darin bestand, dem Vernichtungsapparat des Reichssicherheitshauptamtes, seinen mobilen Mordkommandos und stationären Todesfabriken den Freiraum zu schießen, so war genau das die objektive Folge seines Kampfes. Kein Holocaust, kein Massaker auch an Millionen nichtjüdischer Menschen ohne die Territorialgewinne der Wehrmacht. Erst ihre Siege schufen die Voraussetzungen für die monströse Ausweitung des Opferpotentials.

Außer dem Widerstand und dem Ungehorsam des Gewissens können die Streitkräfte des demokratischen Deutschland von der Geschichte der Hitlerwehrmacht nichts Traditionswürdiges übernehmen. Deshalb mein Ruf an die politische und militärische Führung der Bundeswehr: Beenden Sie die Verzögerungs- und Beschwichtigungspolitik Ihrer Vorgänger gegenüber einem bis heute konservativ geprägten Traditionsbild, machen Sie endlich Schluß mit der Traditionslüge, und beginnen Sie dabei mit Erwin Rommel. Es war diese bis heute verherrlichte Ikone einer angeblich „sauberen Wehrmacht" (und Schreckfigur der Juden Palästinas beim deutschen Vormarsch auf den Suezkanal 194l/42!), der „Wüstenfuchs" als strahlende Heldenfigur, die nach dem Ausstieg des Achsenpartners ltalien aus der Untergangsallianz mit Hitlerdeutschland im Herbst 1943 durch Befehle von unerhörter Härte jene gigantische Internierungs- und Deportationsmaschine in Gang gesetzt hat, die Hunderttausende von Soldaten und zwangsausgehobenen Zivilisten umfaßte und beiden Gruppen hohe Verluste an Leib und Leben, Hab und Gut zufügte.

Rommel am 23. September 1943: „Wer.gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt."

Es gibt erschütternde Dokumente, wie unter Rommel als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B die Entwaffnung und Zwangsaushebung im deutsch besetzten Italien vor sich gegangen sind. Lesen Sie nach in Friedrich Andreas Buch „Auch gegen Frauen und Kinder": „Die.Befehle, die von den deutschen Generälen ohne Protest angenommen und weitergegeben, von deutschen Offizieren und Soldaten exekutiert wurden, waren rechtswidrig. Wer sie dennoch befolgte, handelte verbrecherisch." Oder in Gerhard Schreibers. „Der Zweite Weltkrieg - Militärsklaven im Dritten Reich": „20000 kamen in den Lagern um, Tausende wurden ermordet, Zehntausende verloren bei Gefangenentransporten das Leben." Dies nur ein winziger Ausschnitt von einem  Kriegsschauplatz, der der deutschen Öffentlichkeit immer noch so gut wie unbekannt ist, und auf dem mit einer Härte vorgegangen wurde, die der im Osten und auf dem Balkan in nichts nachstand. Die bestialischen Grausamkeiten auf dem Terrain des deutsch besetzten Italien der Jahre 1943-45 werden auf immer auch mit dem Namen Erwin Rommel verbunden bleiben. Der glühende Anhänger Hitlers schon 1938: „Die Wehrmacht ist das Schwert der neuen Weltanschauung."
Wie wahr!

Und Rommel nach dem 20. Juli l944 an seine Frau: „Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott danken, daß es so gut abgegangen ist."

Erst die Erkenntnis von der unabwendbaren Niederlage Deutschlands ließ ihn kritisch werden, ohne an seiner Grundeinstellung zu Hitler etwas zu ändern.

Nie aktiv an der Verschwörung beteiligt gewesen, kann die Tatsache, daß er seine Kenntnis vom Attentat bei sich behielt, die aufgesummte Schuld nicht kompensieren. Rommel blieb Hitler auch nach der ihm von diesem gestellten Alternative „Selbsttötung oder Volksgerichtshof" treu, so daß Generalfeldmarschall von Rundstedts Wort bei der Farce des Rommelschen Staatsbegräbnisses in Ulm: „Sein Herz gehörte dem Führer!" ebenso makaber wie zutreffend war.

So blutig-kitschig, so tragisch-verlogen kann Geschichte sein.

Das hat die Bundeswehr nicht abgehalten, Rommel in Augustdorf bei Bielefeld, in Osterode und in Dornstadt zum Kasernenpatron zu machen, während die Bundesmarine einen ihrer Zerstörer auf den Namen des Mannes taufte, der mitgeholfen hat, halb Italien in Schutt und Asche zu legen. Es kann aber keine persönliche Integrität geben für jemanden, der in solchen Höhen einem Verbrecher als Staatsoberhaupt so lange, so erfolgreich und so hingebungsvo!l gedient hat. Adolf Hitler war nicht zweimal da, einmal als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und einmal als Bauherr von Auschwitz - er war beides in Personalunion.Aus der deutschen Geschichte gibt es viele Namen, die für die Bundeswehr Vorbilder sein können und zumTeil ja auch schon sind. Aber solange noch der Riesenschatten der Wehrmacht über ihrem Traditionsverständnis und ihrer Traditionspflege liegt, solange die Bundeswehr Hitlergenerälen in Form von Kasernenpatronen und anderen Ehrungen Denkmale setzt und damit die Legende und den Mythos vom „sauberen Waffenrock" der Wehrmacht, vom „wertfreien Kampf" und von „zeitlosen soldatischen Tugenden" bewahrt - solange kann es in den Streitkräften der Demokratie Deutschland keine ehrliche Aufarbeitung der NS-Zeit geben. Und solange auch wird in der Epoche der „Out-of-area"-Einsätze der Kampf der Bundeswehr um Friedensbewahrung und Menschenrechte mit dem Odium der Unglaubwürdigkeit behaftet sein. Es gilt, die Einheitlichkeit zwischen den demokratischen Normen der deutschen Zivilgesellschaft und ihren Streitkräften herzustellen.

Deshalb noch einmal, gerichtet an die politische und militärische Führung der Bundeswehr: Machen Sie endlich Schluß mit der Traditionslüge - und fangen Sie mit Erwin Rommel an.
Sein Name ist der Testfall, bei ihm kommt es zum Schwur.