| Schriften und ihre (seltsamen)
Liebhaber
Es ist unglaublich: Unsere Kinder können fast keine Bücher
mehr lesen, die vor - sagen wir mal - 1933 erschienen sind. Der Grund:
Diese Bücher wurden in einer Fraktur gedruckt, die den heutigen Jungen
so schleierhaft ist wie jedem andern von uns ein Text in Keilschrift. Man
könnte also in aller Ruhe Hitlers „Mein Kampf" im Original-Layout
herausgeben; er wird demächst nur noch von Schriftgelehrten zu entziffern
sein.
Da ist ein Buch, das alte Druckschriften wenigstens museal auflistet
und vorführt, eine kleine Wohltat. Leider verbindet sich mit dieser
guten Nachricht sofort eine bedenklich schlechte.
Die gute Nachricht: Die „Kunstwerke der Schrift", im Herbst 1994 in
der dritten Auflage und weiterhin lieferbar, sind eine kleine und stellenweise
durchaus kostbare Sammlung einiger Dutzend schöner Druckschriften.
Selbst wenn die Auswahl aus den über sechshundert „gebrochenen" Schriften
durch den geringen Seitenumfang begrenzt erscheint, ist der Anspruch des
Vorworts, es sei wohl gelungen, „die wichtigsten und schönsten vorzustellen",
berechtigt. Insgesamt reicht die Liste von den Gotischen Schriften über
die Schwabacher, Barock-, Wieynck-, Biedermeier- und Jugendstil-Fraktur
zu den gezeichneten Frakturen unseres Jahrhunderts. Anschließend
werden auch noch mehrere Antiqua-Schriften (wie die schöne Garamond,
die strengere Times und die klassizistische Walbaum-Antiqua) sowie eine
Handvoll Schreibschriften vorgestellt. Und zwar jedesmal durch einen kurzen,
meist gedichtförmigen Text oder Sinnspruch und darunter das vollständige
Groß- und Klein- Alphabet samt Zahlen und Satzzeichen. Auch die Bemerkung,
daß Schrifttyp und „Lesestimmung" zusammenhängen, ist verdienstvoll.
Schon beim ersten Durchblättern fällt jedoch die Abwesenheit
jeglicher wissenschaftlicher Zutaten auf. Wer war es denn, möchte
man gern wissen, der die Garamond erfunden hat? Aber keine Silbe über
den Graveur und Schriftgießer Claude Garamond (gestorben 1561), ebenso
kein Hinweis darauf, warum die Grotesk Grotesk oder die Helvetica Helvetica
heißt. Und ein bißchen missionarisch-puristisch kommt es mir
schon vor, wenn die knappen Vorwort-Erläuterungen zur Fraktur in Fraktur
und danach die zu den „runden Schriften" in Antiqua gesetzt sind.
Aber das ist noch nicht die schlechte Nachricht.
Sie betrifft vielmehr die Auswahl der Sinnsprüche zu den dargestellten
Schriften. Da springt den Leser an mehreren Stellen eine naive, kernig
vorindustrielle Bauern- und Familienideologie an, die zwar noch nicht nach
Blut und Boden riecht, aber fast. Da „sei mir gegrüßt, mein
deutsches Land, du schönstes Land vor allen", da quillt „Mutterlieb
und Mutterfreud" auf oder, jetzt mal humorig mysogyn, die
Frauen sind „Meisterinnen, uns um Bagatellen die schönsten Lebensstunden
zu vergällen". Und es kommt noch schlimmer. Für einen gewissen
Johannes Scherr ist „die Ungleichheit ein Naturgesetz so gut wie ein anderes";
so ähnlich hatte es Adolf Hitler auch schon gesagt. Und wem das noch
zu verhüllt ist, zu wenig biologistisch, dem hilft ein Eckart Stieglitz
mit seinem düsteren Sinnspruch weiter: „Eine immer stärker werdende
Angleichung und Nivellierung der weltweiten Lebensverhältnisse, Moralvorstellungen,
Produktionsprozesse, Konsumgewohnheiten bedroht die Menschen. ... Die Formel
... heißt 'Gleichheit'."
Vollends unerträglich sind schließlich die Bildunterschriften
zu den markigen Holzschnitten, die geradewegs aus dem „tausendjährigen
Reich" herübergerettet scheinen, etwa dieses damals buchstäblich
zu Tode zitierte und stabreimende „Besitz stirbt / Sippen sterben / Eins
weiß ich / Das ewig lebt: / Der Toten Tatenruhm" unter einem sonnenbeschienenen
Hünengrab. Oder auch das sprachlich verquere „Sieg oder Unsieg ruht
in Gottes Hand / Der Ehre sind wir selber Herr und König", unter einem
germanischen Kampfreiter, den sich jeder Gauleiter sofort über den
Kamin gehängt hätte. Direkt
schade, daß er sich nicht auch schon das „Urteil des Paris" von Rudolf
Warnecke (1969) dort aufhängen konnte: eine Art proto-Zieglersche
Saubermann-Schlüpfrigkeit, peinlich genau in der Erfüllung „nordischer"
Körperideale.
Das Buch, sagt der Klappentext, will auch den „gebildeten Durchschnittsbürger
ansprechen". Es ist, sofern sie ihn denn erreicht, eine schmutzige Ansprache.
Herausgegeben
wird das Buch von einem „Bund für deutsche Schrift und Sprache". Auf
der Frankfurter Buchmesse 1998 hatte er einen kleinen Stand. Und erfreulich
wenige Besucher. Andererseits „tritt der Bund, dessen Flugblätter
auch in Waffen-SS-orientierten Kreisen nachgedruckt werden (z.B. in den
‘Leitheften') dafür ein, ‘die deutsche Sprache und die deutsche Schrift
als zwei schöne Blumen im Garten der Volkskulturen zu pflegen und
zu erhalten; denn eine Welteinheitskultur wäre trostlos und öde.'
Schuld an der ‘Überfremdung' des deutschen Sprach- und Wortschatzes
tragen nach Auffassung des germanophilen Bundes (seit 1996 wirbt man für
PC-Pogramme mit Fraktur-Schrift) ... die Siegermächte des 2. Weltkrieges:
‘Die deutsche Niederlage des Jahres 1945 wirkte sich u.a. auch auf die
deutsche Sprache verheerend aus; denn die Sieger und die in ihrem Sinne
handelnden Kräfte legten naturgemäß keinerlei Wert darauf,
die deutsche Sprache als eine der deutschen Eigenarten zu pflegen und zu
erhalten, da sie annehmen konnten, die Pflege deutscher Werte würde
zu einem Erstarken des deutschen Selbstbewußtseins führen. Aus
diesem Grunde sind Liberalismus, Internationalismus, Völker- und Rassenvermischung
gefragt.'" (zitiert nach Grauzone)
Und das klingt nun gar nicht mehr so komisch.
Fritz R. Glunk |
Wolfgang Hendlmeier (Hrsg.)
Kunstwerke der Schrift
Bund für deutsche Sprache und Schrift,
Großenkneten 1994
256 Seiten, 17,5 x 24,5 cm
DM 49,80, öS 349, SFr 44,80
Zierschrift der Wieynck-Fraktur
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