Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Leseproben
 
Schriften und ihre (seltsamen) Liebhaber

Es ist unglaublich: Unsere Kinder können fast keine Bücher mehr lesen, die vor - sagen wir mal - 1933 erschienen sind. Der Grund: Diese Bücher wurden in einer Fraktur gedruckt, die den heutigen Jungen so schleierhaft ist wie jedem andern von uns ein Text in Keilschrift. Man könnte also in aller Ruhe Hitlers „Mein Kampf" im Original-Layout herausgeben; er wird demächst nur noch von Schriftgelehrten zu entziffern sein. 
Da ist ein Buch, das alte Druckschriften wenigstens museal auflistet und vorführt, eine kleine Wohltat. Leider verbindet sich mit dieser guten Nachricht sofort eine bedenklich schlechte. 
Die gute Nachricht: Die „Kunstwerke der Schrift", im Herbst 1994 in der dritten Auflage und weiterhin lieferbar, sind eine kleine und stellenweise durchaus kostbare Sammlung einiger Dutzend schöner Druckschriften. Selbst wenn die Auswahl aus den über sechshundert „gebrochenen" Schriften durch den geringen Seitenumfang begrenzt erscheint, ist der Anspruch des Vorworts, es sei wohl gelungen, „die wichtigsten und schönsten vorzustellen", berechtigt. Insgesamt reicht die Liste von den Gotischen Schriften über die Schwabacher, Barock-, Wieynck-, Biedermeier- und Jugendstil-Fraktur zu den gezeichneten Frakturen unseres Jahrhunderts. Anschließend werden auch noch mehrere Antiqua-Schriften (wie die schöne Garamond, die strengere Times und die klassizistische Walbaum-Antiqua) sowie eine Handvoll Schreibschriften vorgestellt. Und zwar jedesmal durch einen kurzen, meist gedichtförmigen Text oder Sinnspruch und darunter das vollständige Groß- und Klein- Alphabet samt Zahlen und Satzzeichen. Auch die Bemerkung, daß Schrifttyp und „Lesestimmung" zusammenhängen, ist verdienstvoll. 
Schon beim ersten Durchblättern fällt jedoch die Abwesenheit jeglicher wissenschaftlicher Zutaten auf. Wer war es denn, möchte man gern wissen, der die Garamond erfunden hat? Aber keine Silbe über den Graveur und Schriftgießer Claude Garamond (gestorben 1561), ebenso kein Hinweis darauf, warum die Grotesk Grotesk oder die Helvetica Helvetica heißt. Und ein bißchen missionarisch-puristisch kommt es mir schon vor, wenn die knappen Vorwort-Erläuterungen zur Fraktur in Fraktur und danach die zu den „runden Schriften" in Antiqua gesetzt sind. 
Aber das ist noch nicht die schlechte Nachricht. 
Sie betrifft vielmehr die Auswahl der Sinnsprüche zu den dargestellten Schriften. Da springt den Leser an mehreren Stellen eine naive, kernig vorindustrielle Bauern- und Familienideologie an, die zwar noch nicht nach Blut und Boden riecht, aber fast. Da „sei mir gegrüßt, mein deutsches Land, du schönstes Land vor allen", da quillt „Mutterlieb und Mutterfreud" auf oder, jetzt mal humorig mysogyn, Der Toten Tatenruhmdie Frauen sind „Meisterinnen, uns um Bagatellen die schönsten Lebensstunden zu vergällen". Und es kommt noch schlimmer. Für einen gewissen Johannes Scherr ist „die Ungleichheit ein Naturgesetz so gut wie ein anderes"; so ähnlich hatte es Adolf Hitler auch schon gesagt. Und wem das noch zu verhüllt ist, zu wenig biologistisch, dem hilft ein Eckart Stieglitz mit seinem düsteren Sinnspruch weiter: „Eine immer stärker werdende Angleichung und Nivellierung der weltweiten Lebensverhältnisse, Moralvorstellungen, Produktionsprozesse, Konsumgewohnheiten bedroht die Menschen. ... Die Formel ... heißt 'Gleichheit'." 
Vollends unerträglich sind schließlich die Bildunterschriften zu den markigen Holzschnitten, die geradewegs aus dem „tausendjährigen Reich" herübergerettet scheinen, etwa dieses damals buchstäblich zu Tode zitierte und stabreimende „Besitz stirbt / Sippen sterben / Eins weiß ich / Das ewig lebt: / Der Toten Tatenruhm" unter einem sonnenbeschienenen Hünengrab. Oder auch das sprachlich verquere „Sieg oder Unsieg ruht in Gottes Hand / Der Ehre sind wir selber Herr und König", unter einem germanischen Kampfreiter, den sich jeder Gauleiter sofort über den Kamin gehängt hätte. Sieg oder UnsiegDirekt schade, daß er sich nicht auch schon das „Urteil des Paris" von Rudolf Warnecke (1969) dort aufhängen konnte: eine Art proto-Zieglersche Saubermann-Schlüpfrigkeit, peinlich genau in der Erfüllung „nordischer" Körperideale.
Das Buch, sagt der Klappentext, will auch den „gebildeten Durchschnittsbürger ansprechen". Es ist, sofern sie ihn denn erreicht, eine schmutzige Ansprache. 
Urteil des ParisHerausgegeben wird das Buch von einem „Bund für deutsche Schrift und Sprache". Auf der Frankfurter Buchmesse 1998 hatte er einen kleinen Stand. Und erfreulich wenige Besucher. Andererseits „tritt der Bund, dessen Flugblätter auch in Waffen-SS-orientierten Kreisen nachgedruckt werden (z.B. in den ‘Leitheften') dafür ein, ‘die deutsche Sprache und die deutsche Schrift als zwei schöne Blumen im Garten der Volkskulturen zu pflegen und zu erhalten; denn eine Welteinheitskultur wäre trostlos und öde.' Schuld an der ‘Überfremdung' des deutschen Sprach- und Wortschatzes tragen nach Auffassung des germanophilen Bundes (seit 1996 wirbt man für PC-Pogramme mit Fraktur-Schrift) ... die Siegermächte des 2. Weltkrieges: ‘Die deutsche Niederlage des Jahres 1945 wirkte sich u.a. auch auf die deutsche Sprache verheerend aus; denn die Sieger und die in ihrem Sinne handelnden Kräfte legten naturgemäß keinerlei Wert darauf, die deutsche Sprache als eine der deutschen Eigenarten zu pflegen und zu erhalten, da sie annehmen konnten, die Pflege deutscher Werte würde zu einem Erstarken des deutschen Selbstbewußtseins führen. Aus diesem Grunde sind Liberalismus, Internationalismus, Völker- und Rassenvermischung gefragt.'" (zitiert nach Grauzone
Und das klingt nun gar nicht mehr so komisch. 

Fritz R. Glunk 

Wolfgang Hendlmeier (Hrsg.)
Kunstwerke der Schrift
Bund für deutsche Sprache und Schrift, Großenkneten 1994
256 Seiten, 17,5 x 24,5 cm
DM 49,80, öS 349, SFr 44,80
Umschlag Kunstwerke
Fraktur
Zierschrift der Wieynck-Fraktur