Die Gazette Nr. 10, Januar 1999:

Leseproben
 
Liebe und Souveränität

Auch wer (wie der stolze Joachim Kaiser) Bücher nicht hört, sondern liest, kommt auch mal an Texte, die nicht zum stillen Lesen, sondern zum Hören geschrieben wurden. Auch wenn das schon eine Weile her ist. 
In diesem Fall ziemlich genau siebenhundertneunzig Jahre. Vermutlich um das Jahr 1210 schrieb Gottfried von Straßburg seinen „Tristan", ein mittelhochdeutsches Versepos von knapp zwanzigtausend paarweise gereimten Zeilen. Herausgebracht hat es nun der HÖR Verlag, auf acht beidseitig abspielbaren Tonkassetten, Dauer über zehneinhalb Stunden. 
Hier setzt wohl ein vielfältiges Kopfschütteln ein. 
Gottfried wer? „Tristan"? Mittelhochdeutsch? Versepos? Zwanzigtausend? Gereimten? Zeilen? Und wer hat denn heute noch zehneinhalb Stunden Zeit für sowas? In der Tat: Das sind acht Gründe, mit denen jeder vernünftige Verlagslektor das Projekt ohne weiteres Nachdenken sterben lassen kann. 
Ausgenommen, der Vorschlag kommt mit zwei Glücksfälle daher. Der eine ist technischer Natur: Es handelt sich um eine sechzehnteilige Sendereihe, die der Sender Freies Berlin bereits aufgenommen hatte. Und auf den zweiten Glücksfall kommen wir noch zu sprechen. 
Erzählen wir, etwas ausführlich, den Gang der Handlung. Der Roman ist die Geschichte von Tristan, der von dem unglücklichen Schicksal seiner Eltern (der Vater wird im Krieg getötet, die Mutter stirbt bei seiner Geburt) den sprechenden Namen hat: der Traurige. Er wird entführt und an einem fremden Strand ausgesetzt, kehrt aber als junger Erwachsener wieder heim. Sein König (und Onkel) Marke schlägt ihn zum Ritter. Tristan wird im Kampf verwundet, fährt nach Irland und wird dort von der Mutter der „blonden" Isolde geheilt. Zurückgekehrt erzählt er Marke so lebhaft von dem jungen Mädchen, daß dieser beschließt, sie zu heiraten. Er schickt Tristan als Brautwerber zu Isolde. Tristan liebt Isolde bereits, als sie auf dem Schiff, das sie zu Marke bringt, ihm unwissend den fatalen Liebestrank reicht. Isolde heiratet Marke, begeht aber mit Tristan den unausweichlichen Ehebruch, und das fortgesetzt. Obwohl der keimende Verdacht immer wieder durch allerlei Betrugsmanöver (darunter ein getürktes Gottesurteil) zerstreut wird, schickt Marke beide in die Verbannung. In der „Liebesgrotte" finden sie ein zeitweises Glück, kehren aber erneut an Markes Hof zurück, nachdem der König wieder einmal durch eine List getäuscht wurde und zur Versöhnung bereit ist. Dann aber wird Tristan in flagranti erwischt und muß fliehen. In der Fremde trifft er auf eine Königstochter, die den ihn verwirrenden Namen Isolde „mit den weißen Händen" trägt, und heiratet sie. An dieser Stelle bricht der Roman ab. Nur in anderen Fassungen des Tristan-Stoffes - und so auch bei Richard Wagner - wird die Geschichte weitergeführt: Der Held wird abermals verwundet, sendet nach der unvergessenen „blonden", der heilkräftigen Isolde, man meldet ihm das falsche Zeichen: das schwarze Segel am Horizont, er stirbt verzweifelt, Isolde eilt zu ihm und stirbt an seiner Seite. 
Auf der letzten Kassette berichtet der Erzähler diesen Ausgang mit eigener Anteilnahme, die sich dem Hörer als spürbar innere Bewegtheit mitteilt. Er hört zuletzt noch die dichterischen Schlußzeilen: „Tristan starb vor Sehnsucht, Isold, weil sie zur [rechten] Zeit nicht kommen konnte; Tristan starb starb vor Liebe und die schöne Isold vor Liebesweh." Und dann auch noch das Ganze auf mittelfranzösisch, in einer Sprache von schier weltferner Schönheit und Süße, und vorgetragen von einer Stimme, die aus einem vollen Herzen genau zu wissen scheint, wovon sie da spricht. 
An dieser Stelle läßt sich der zweite Glücksfall nicht länger verschweigen: Der Vorleser und Erklärer des Tristan-Romans ist Peter Wapnewski, einer der letzten großen, umfassend gebildeten Romanisten unserer Zeit. Sein Vortrag und die eingestreuten Erklärungen sind getragen von unbestechlicher Souveränität und unwiderstehlicher Wärme. 
Er hat das allem Anschein nach aussichtslose Unternehmen bewältigt, „das ferne, spröde, verschlüsselte Mittelalter" so zum Sprechen bringen, daß wir es verstehen und hingerissen aufnehmen. Gleich zu Anfang weist er kurz auf den Philologen Lachmann hin, der an Jakob Grimm geschrieben hatte, er könne „den weichen und unsittlichen ‘Tristan' kaum lesen". Und dann dieser Kommentar zu solcher Bewertung: 

Das war die Zeit, als man den einfältigen Mut hatte, die eigenen Moralvorstellungen in das Kunstwerk zu projizieren und dessen Wert und Würde abhängig zu machen von dem Maß an Vollkommenheit, mit dem das befragte Kunstwerk solcher eigenen Erwartung gerecht wurde. Heute hingegen wissen wir, daß wir Grund haben, uns von der Kunst Belehrung zu erhoffen über Wesen und Wert des Menschen und von ihr zu lernen, was es auf sich hat mit dem „Sittlichen" und mit dem „Unsittlichen". 

Wapnewski gelingt es, durch das Einlegen minimaler Pausen, diesen Gänsefüßchen Lautgestalt zu verleihen. Noch beindruckender aber ist hier die in einem langen Forschertätigkeit errungene Urteilssicherheit und Lebenserfahrung: Hier wird ein sprachliches Kunstwerk nicht modisch als „Steinbruch" und Probierfeld einer Selbstverwirklichung mißbraucht, sondern mit geschärfter, ja man muß es so sagen: mit gebildeter Aufmerksamkeit in seinem Mitteilungswert erkannt und dargestellt. 
Immer wieder spricht der Erzähler den Zuhörer direkt an, nicht selten mit ironischer Koketterie, so wenn er in der Einleitung von der berühmten Handschrift C spricht, „die Sie unter dem Namen Manesse-Handschrift kennen", oder kurz vorher von der Überlieferung redet, „nach der Sie natürlich auch fragen". Dabei schenkt er dem Zuhörer keinen der zum Verständnis der Sprachkunst des Tristan nötigen Fachbegriffe, legt sie aber wie spielerisch auseinander, etwa den Chiasmus, der von dem griechischen Buchstaben Chi kommt und „wie die Hühner der Witwe Bolte in X-Form gebildet ist" und uns gleich darauf als Wortumschlingung und „syntaktisches Liebesspiel" nahegebracht wird. 
Selbstverständlich weiß Wapnewski uns an entscheidenden Stellen auch die erforderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erläutern. Den Vortrag der ergreifenden Abschiedsrede Markes, als er die beiden Liebenden ins Exil schickt, unterbricht der Erzähler Wapnewski etwa mit dieser eingefügten Klärung - und sich selbst mittendrin selbst unterbrechend: 

„Und wir müssen noch einmal dran denken: Wenn ein Herrscher betrogen wird, dann ist das nicht irgendein betrogener Ehemann, wie er in einer Dreieckskomödie auf dem Boulevard gespielt und belacht werden kann, sondern --- ein betrogener Ehemann, das bleibt ein privates Elend, eine private Tragödie. Ist aber ein König als Ehemann beschädigt in seiner menschlichen Würde, so ist ihm sein Mandat, seine Aura, die Legimitation seiner Herrschaftsausübung beschädigt. Und das hat Marke hier endlich und allzu spät verstanden. 

So auch immer wieder da, wo mittelalterliche Statusfragen, Normen oder Usancen, blieben sie unerläutert, das Verständnis des Textes verhindern würden. Und so kommt uns der Roman näher, „den man in seiner Welt getrost als eine Ungeheuerlichkeit wird bezeichnen können" (Wapnewski). Die Geschichte eines nicht enden könnenden Ehebruchs, voller Listen und Betrügereien, einer Liebe, die im Kunstwerk entweder nur als „Torso" und Abbruch enden kann oder im gemeinsamen Tod. 
Abschließend noch zwei Bemerkungen, um erwartbareBefürchtungen zu beschwichtigen. Wapnewski liest den Text, von kurzen Detailerklärungen abgesehen, vollständig in einer neuhochdeutschen Übersetzung, also durchweg verständlich. Und wer meint, er habe keine Zeit, sich auf dieses Hörabenteuer einzulassen, dem sei gesagt: Man kann die sechshundertvierzig Minuten ohne weiteres in ihre sechzehn Kassettenseiten einteilen und einzeln hören, etwa auf dem Weg in die Arbeit und zurück im Auto; zu Beginn jedes neuen Abschnitts faßt der Erzähler das Wesentliche der vorhergehenden Kassette noch einmal rückblickend zusammen. 
Also: Wenn man schon nicht den von Wapnewski empfohlenen Reclam-"Tristan" daheim hat („der in einer gebildeten Bibliothek sicher einen glanzvollen Platz einnimmt"), dann sollte man wenigstens von Zeit zu Zeit eine Kassette einschieben und sich, glücklicher als Tristan, an ein fernes Gestade entführen lassen. 

Barbara Kaunitz 

Gottfried von Strassburg
Tristan
Gelesen und kommentiert von Peter Wapnewski
Der HÖR Verlag, München 1998
8 Toncassetten, 640 Minuten
DM 132,--, öS 990, Sfr 113,--
Umschlag Kassetten Tristan