Gazette 44 Editorial

Das Ende des Kalten Krieges kam, für fast alle, überraschend. Noch 1986 und 1987 hat kaum jemand für möglich gehalten, was 1988 und 1989 tatsächlich geschah. Und doch war es, fast über Nacht, die neue Realität: Der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und dem Westen war vorbei. Krieg und Kalter Krieg waren, 20 Jahre später, kein Thema mehr – oder höchstens noch aus historischer Perspektive. Und heute?

Man kann es immer öfter lesen: Es drohe ein neuer Kalter Krieg. Manche meinen sogar, er habe bereits begonnen. Mit verschobenen Grenzen, notabene: damals im Osten die Sowjetunion zusammen mit den Staaten des Warschauer Paktes, im Westen die USA zusammen mit Westeuropa. Heute im Osten (fast) nur noch Russland, im Westen aber die USA, Westeuropa und zusätzlich die ehemaligen Satellitenstaaten der ehemaligen UdSSR. Neue Grenzen also, aber Kalter Krieg, wie gehabt. Und nicht allzu weit von einem richtigen Krieg. In der Ukraine wird scharf geschossen.

So stellen sich, auch im Westen, neue Fragen. Sind noch immer die USA die tonangebende Macht? Und wenn ja: warum eigentlich? Ist nicht zwischenzeitlich Europa deutlich stärker geworden, selbstbewusster auch, mit Anrecht auf eine eigene politische Sicht der Dinge? Zum Beispiel auf eine friedlichere?

Die USA sind kriegserfahren – im Krieg Führen, nicht im Krieg Er- leiden. Der Durchschnitts-US-Amerikaner hat keine Ahnung, was Krieg wirklich ist. Auch Westeuropa blieb, glücklicherweise und dank der EU, gute zwei Generationen von echtem Krieg verschont. Aber noch wirkt der am eigenen Leib erlebte Schrecken nach: im Gedächtnis alter Menschen, in alten Fotos und Filmaufnahmen, in der Literatur. Zu Recht: Verdrängen ist nie die Lösung.

Die Frage „Frieden durch Krieg?“ muss neu gestellt werden, vor allem aus europäischer, nicht nur aus westlicher, aus US-Sicht. Mit der vorliegenden GAZETTE möchten wir zu dieser Diskussion einen Beitrag leisten.

Christian Müller
Chefredakteur

Zurück